Ein spitzbübischer Schelm

«Ich bin ein vergnügter Bildermacher, dem die ganze Malerei wurst ist»: Im Tramdepot Burgernziel ist das Werk des 2016 verstorbenen Berner Künstlers Pole Lehmann zu entdecken.

Bildererzählungen von der Zeugung bis zur Einschulung: Im Vordergrund zwei Werke aus der «Popkornaden»-Serie von Pole Lehmann.

Bildererzählungen von der Zeugung bis zur Einschulung: Im Vordergrund zwei Werke aus der «Popkornaden»-Serie von Pole Lehmann. Bild: Lukas Lehmann

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Erinnerungen an den ersten Schultag können wir wohl alle abrufen. Die vertraute Stube zu Hause mit der «Nähmaschine, dem Kranzkasten und dem Schutzengelbild an der Wand» wird mit der Schulstube vertauscht. Und da steht es da, wie eine Riesin mit schwarzem Kraushaar, grossen mandelförmigen Augen und wulstigen Lippen, das Fräulein Schnorchelkind, die Lehrerin. In den Händen hält sie den «Zuchtstock», einen «harthölzernen Vierkantlineal». Die Kinder scharen sich wie Däumlinge um sie, die Holzpulte im Hintergrund wirken wie die Dächer einer (Bildungs-)Fabrik. Fast so gross wie die Lehrerin ist der gigantische Zählrahmen mit den Kugeln in der rechten Bildhälfte, ein einschüchternder Altar der Rechenkunst. «Kommt Kinder, blickt nicht auf die Strasse (die untersten Fensterscheiben sind ohnehin blind), seht ihr den Zählrahmen hier? Allein ihn schaut an.»

Die mit Acryl bemalte Holztafel mit der Legende in klösterlicher Schrift – teils im unteren Teil des Bildes, teils auf der Rückseite mit der «klärenden» Geschichte versehen – gehört zum autobiografischen Werk «Popkornaden» von Pole Lehmann. Gemeint ist das Dorf Hindelbank, wo Lehmann 1924 als Sohn eines Melkers auf die Welt kam. Anekdoten und denkwürdige Szenen aus seiner Kindheit hat er hier festgehalten, mythisch überhöhte Figuren wie das Tante Glupsi mit dem Kropf oder der Stationsvorsteher in seiner opulenten Uniform tauchen auf. Farbig ist diese Welt, es sind dörfliche Idyllen mit Abgründen, Protagonisten mit überdimensionierten Proportionen und Szenerien voller aufgelöster Perspektiven.

Aus der Waldatelier-Serie: «Ohne Titel», Öl auf Leinwand, ca. 2007. Foto: zvg

Es sind auch die Schaulust ungemein aktivierende Wimmelbilder, die an naive Kunst erinnern, an Art brut auch; und doch steht man hier vor einem ganz individuellen Bilderkosmos. In einer anderen Serie hat er in der Manier des spitzbübischen Schelms in derb-deftiger Art von seiner eigenen Zeugung berichtet.

Am Ende ein glücklicher Eremit

Als Pole Lehmann vor zwei Jahren im hohen Alter von 92 Jahren starb, hinterliess er, der während einem Vierteljahrhundert als Gesamtschullehrer auf dem Schüpberg gewirkt hatte, ein riesiges Werk. Dieses Zeugnis unbändiger Fabulierlust, eines feinen bis brachialen Witzes und einer wachen Zeitgenossenschaft kann nun erstmals auf über 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Tramdepot Burgernziel in Form einer Retrospektive als Gesamtschau betrachtet werden – von den grossen, mit Elementen der Pop-Art spielenden Gemälden aus den 1960er-Jahren (unter anderem zur Kennedy-Ermordung oder zu Rassenunruhen in den USA) über an Adolf Wölfli erinnernde Bilder prismatisch zerlegter Glasfenster bis zu den «Waldatelier»-Bilder ab 2000.

Draussen im Wald stellte er unter Plachen seine Staffelei auf, malte als glücklicher Eremit bei Wind und Wetter die wuchernde Vegetation um ihn herum mit expressivem Pinselduktus – und hielt auch die Verheerungen des Wirbelsturms Lothar fest. Regelmässig machte er Ausflüge in die Nationalbibliothek in Bern, wo er Bildmotive aus Illustrierten der 1930er- und 40er-Jahre aufnahm und mittels filigraner Tuschzeichnungen seiner Bilderwelt einverleibte.

«Ich bin ein vergnügter Bildermacher, dem die ganze Malerei wurst ist», hat Pole Lehmann einmal gesagt und augenzwinkernd sein künstlerisches Tun mit einer robert-walserschen Lust an der Selbstherabsetzung verniedlicht. Dabei hatte er nach dem Seminar die angesehene Malschule von Max von Mühlenen in Bern besucht und sich zunächst im angesagten Stil des abstrakten Expressionismus versucht. Der Bruch mit der künstlerischen Avantgarde kam 1963 – im Jahr, in dem er als Lehrer auf dem Schüpberg anfing und dort auch zum anregenden Aussenposten der Berner Nonkonformisten-Subkultur rund um die Junkere 37 avancierte.

Dieser «Outsider»-Künstler hat es zu Lebzeiten mit seinen Bildern weder in museale Institutionen noch über die Schweizer Landesgrenzen hinaus geschafft. Das wird sich bald ändern. Reinhard Spieler, Direktor des renommierten Museums Sprengel in Hannover, hielt an der Vernissage mit seiner Begeisterung nicht zurück. Er plant sowohl den Ankauf diverser Werke von Pole Lehmann als auch eine Ausstellung. Bahnt sich da postum eine Karriere im Kunstbetrieb an?

Tramdepot Burgernziel Bern, bis zum 29. April. Öffnungszeiten: Di–Sa, 15-19 Uhr, So, 12–16 Uhr. Der Katalog kostet 35 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 04.04.2018, 06:54 Uhr

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