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Ein Ehepaar sagt Ja zur Gegenwart

Sie gehören zu den bedeutendsten Berner Sammlern des 20. Jahrhunderts. Das Kunstmuseum zeigt Werke der Anne-Marie-und-Victor-Loeb-Stiftung.

Kalkül und Zufall: Liliane Lijn, «Liquid Reflections», 1967.
Kalkül und Zufall: Liliane Lijn, «Liquid Reflections», 1967.
Kunstmuseum Bern, Anne-Marie-und-Victor-Loeb-Stiftung, Bern © Pro Litteris, Zürich

Für die moderne Kunst gruben sie ihr Haus um. Buchstäblich. Das Haus von Victor und Anne-Marie Loeb in Muri eignete sich mit seiner Hanglage auch vorzüglich, um im Untergrund zusätzliche Räume zu schaffen. Während oben in den Wohnräumen eher die traditionelle Kunst dominierte – Vater Eugen war mit Hodler und Amiet befreundet –, waren die unteren Räume der damals umstrittenen Avantgarde vorbehalten.

Es existieren detaillierte Zeichnungen von Victor Loeb mit den Platzierungen der Kunstwerke. Dieses Soussol erfüllte nahezu die Anforderungen an ein Museum; es gab ein Peristyl, in der antiken Architektur ein rechteckiger Hof, der auf allen Seiten von durchgehenden Säulenhallen umgeben ist. An der Eingangswand etwa fanden Max Bill und Marcel Duchamp ihren Platz, auf einem Sockel war eine Skulptur von Jean Tinguely, im Gästezimmer erwarteten einen Werke von Daniel Spoerri oder Sam Francis.

«Durch Harald Szeemann sind mir die Augen geöffnet worden für vieles, für das ich sonst kein Verständnis gehabt hätte.»

Victor Loeb, 1968

Victor Loeb (1910–1974) führte in der dritten Generation das Berner Warenhaus. Sein Sohn und Nachfolger François glaubt, dass sein Vater, als Patron asketisch, ordnungsliebend und pflichtbewusst, mit seiner Sammlung eine verborgene Seite seiner Persönlichkeit auslebte. Das Präsentieren und regelmässige Umhängen seiner wachsenden Sammlung bereitete ihm grosses Vergnügen.

Angeregt von den Ausstellungen in der Kunsthalle und in engem Austausch mit dem damaligen Direktor Harald Szeemann – der zwischen 1961 und 1969 das Haus am Helvetiaplatz zu einem international ausstrahlenden Fixpunkt für Gegenwartskunst machte –, baute das Ehepaar Loeb seine Sammlung auf, die damals das Etikett «avantgardistisch» diskussionslos verdiente und mehrheitlich Kunst der 1960er- und 1970er-Jahre umfasst.

Meistens waren sie «Erstbesitzer»

Das besondere Interesse der Loebs galt gegenstandsloser Kunst in einer reduzierten, geometrischen Formensprache. Um ihrer Sammlung ein historisches Fundament zu geben, erwarb das Paar auch Werke von Pionieren wie Malewitsch, Kupka und Kandinsky.

Konstruktive und kinetische Tendenzen sind ebenso vertreten wie Konzeptkunst, surrealistische Strömungen, Art Brut, Nouveau Realisme, jüngere Schweizer Kunst oder die damals neuen US-Künstler wie Mark Rothko, Frank Stella oder Cy Twombly. Als die Kunst die radikale Entgrenzung probierte, materiell wie ästhetisch, waren die Loebs zur Stelle. Für sie stand nicht die Kapitalanlage im Vordergrund, sondern die «zusätzliche Dimension».

So erwarben die Loebs, von Szeemann beraten, zwischen 1964 und 1974 zahlreiche Werke Schweizer und internationaler Kunst, oft als «Erstbesitzer» direkt aus dem Atelier. Sie kauften etwa an der Art Basel, in Berner Galerien wie Kornfeld, Toni Gerber oder Krebs. Aber am wichtigsten: Seit Victor Loeb im Vorstand der Kunsthalle war, erwarb er Werke aus den Ausstellungen. Anlässlich der Eröffnung der Loeb-Galerie an der Gurtengasse 1968 bekannte der Sammler: «Durch Harald Szeemann sind mir die Augen geöffnet worden für vieles, für das ich sonst kein Verständnis gehabt hätte.»

Nicht zuletzt war der Besuch der von Szeemann kuratierten, legendären Documenta V. in Kassel ein wichtiger Impuls für das Paar. Und Harald Szeemann brachte nach dem überraschenden Tod Loebs an der Abdankung die Haltung des Sammlerehepaars mit den Worten auf den Punkt: «Sie sagten Ja zur Gegenwart.»

Seit 1980 befinden sich die rund 350 Werke der Stiftung Anne-Marie und Victor Loeb als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Bern, darunter sind Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und druckgrafische Werke. Die Werke sind regelmässig in Sammlungspräsentationen und Wechselausstellungen zu sehen, zuletzt wurden 21 Werke im Rahmen der Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!» gezeigt.

Eine allein der Sammlung gewidmete Schau indes gab es schon sehr lange nicht mehr: 1978 in der Kunsthalle und dann noch einmal 1982 im Tel Aviv Museum of Art. Im Kunstmuseum Bern hat nun Kuratorin Marianne Wackernagel, sie ist seit Mai Leiterin der Graphischen Sammlung, 60 Werke ausgewählt und sinnfällig in sechs Gruppen eingeteilt. Im Katalog sind in einem Werkverzeichnis alle Werke der Sammlung aufgeführt, ein informativer Aufsatz von Konrad Tobler führt zudem das vielseitige kulturelle und soziale Engagement Loebs vor Augen, unter anderem auch für jüdische Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs.

Zwei unberechenbare Kugeln

Der Titel dieser kleinen Schau, in der wie in einer Zeitkapsel die Essenz eines experimentellen Aufbruchs und die schillernde Vielfalt der Kunst jener Jahre verdichtet sind, nimmt Bezug auf das Werk «Liquid Reflections». Für Wackernagel charakterisiert diese Arbeit der 1939 geborenen Künstlerin Liliane Lijn den Geist der Loeb-Sammlung.

Ein schwarzer Plexiglaszylinder ist mit einer zähen Flüssigkeit gefüllt, darin treiben zwei Kugeln. Beleuchtet von einer Lampe am Beckenrand, senden sie Glanzlichter in den Raum aus. Die Bahn der Kugeln ist dabei unvorhersehbar, Kalkül und Zufall spielen einander in die Hände. Diese Kunst geht neue Wege.

Bis 28. Januar 2018. Eröffnung: Donnerstag, 18.30 Uhr. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen. Am 9. Januar 2018 spricht Nicole Loeb, Enkelin des Sammlerpaars und heutige Chefin des Warenhauses Loeb, über die Tradition des Sammelns.

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