«Ein Crash könnte heilsam sein»

Der Kunsthistoriker Christian Saehrendt lebt in Thun und ist ein kritischer Beobachter der Documenta, der wichtigsten Schau für zeitgenössische Kunst.

Auf dem Dach des Bahnhofs von Kassel: Christian Saehrendt vor dem von der Stadt angekauften Kunstwerk «Man Walking to the Sky» von Jonathan Borofsky. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es klingt zuerst wie ein Scherz. Dieser Mann hat sich in seiner Heimatstadt Kassel für die Sommermonate eine Ferienwohnung gemietet. Der 49-jährige Kunsthistoriker Christian Saehrendt lebt mit seiner Familie am Thunersee. «Ich lebe in Thun, weil es der Mittelpunkt der Kunstwelt ist», sagt er und verzieht keine Miene. Das schreit nach einer Erklärung. Saehrendt liefert sie gerne nach. «Kunststrategisch sei Thun einfach «hervorragend gelegen». Und was heisst das konkret? Von Thun seien es jeweils exakt sechseinhalb Stunden mit dem Zug nach Kassel und nach Venedig. «Thun liegt also genau in der Mitte zwischen Documenta und Biennale, nach Kassel kann ich sogar durchfahren, auf dem Weg nach Venedig muss ich nur in Milano umsteigen.»

Momentan aber ist Kassel der Mittelpunkt der Kunstwelt. «Mein Vater wohnt auch dort, ich hätte mich schon bei ihm einquartieren können, aber ich will ihm nicht so lange auf den ‹Sender› gehen.» Kommt dazu: Saehrendt lädt auch Gäste ein, Freunde und Familie pilgern nach Kassel, um das alle fünf Jahre stattfindende Grossereignis zu besuchen. «Die Documenta hat in Kassel Volksfestcharakter, da ist was los, es ist ein Karneval der Kunst, eine Art fünfte Jahreszeit.»

Bei Grossinstallationen sieht man schon Monate vor der Eröffnung die Baustelle und spekuliert lustvoll über das künstlerische Endergebnis. Leserbriefe und Onlinekommentare werden verfasst, die Documenta ist lange vor der Eröffnung bereits Stadtgespräch. Heute besuche fast jeder zweite Kasselaner die Documenta, stellt Saehrendt fest, «viele kaufen sich wie ich eine Dauerkarte für 100 Euro».

«Eine problematische Wahl»

Am 10. Juni öffnet in der hessischen Provinzstadt die 14. Ausgabe der weltweit wichtigsten Kunstausstellung für zeitgenössische Kunst ihre Tore. «Ich war seit 1968 bei jeder Documenta dabei», sagt Saehrendt lächelnd, «bei der ersten lag ich allerdings noch im Kinderwagen.» Vor fünf Jahren veröffentlichte er einen kenntnisreichen kulturhistorischen «Reiseführer» zur Documenta, der das Umland der Stadt auch als dicht besiedelte mythologische Landschaft vorstellt und nun in einer aktualisierten Fassung vorliegt. Erzählt wird in einem ironisch-spöttischen Märchenton die Geschichte einer kleinen Stadt, der es gelang, «die Kunst der ganzen Welt zu versammeln».

Saehrendt schreibt zudem mit spitzer Feder populärwissenschaftliche Werke, die Titel tragen wie «Das kann ich auch. Gebrauchsanweisung zur modernen Kunst». Aus Kassel berichtet der promovierte Kunsthistoriker (seine Dissertation schrieb er in Davos über Ernst Ludwig Kirchner) für die «Neue Zürcher Zeitung». Er schreibt über Themen rund um die Documenta, «die man im Mainstream der Medien nicht so wahrnimmt, über Dissonanzen und Absurditäten». So sinnierte er kürzlich über das unterschiedliche Verhältnis der jeweiligen Documenta-Kuratoren zu den «indigenen Kasselanern». Es habe volksnahe Chefs gegeben wie den jovialen Belgier Jan Hoet, weltgewandte Diplomaten wie Okwui Enwezor oder den Kurator Roger Buergel, der mit seiner Familie nach Kassel zog und dort vier Jahre lebte. Der verantwortliche Kurator für die aktuelle Ausgabe, der Pole Adam Szymczyk, gibt sich dagegen unnahbar, schlägt eine radikale politische Tonart an – auf Symposien ruft er zur «Bildung einer antifaschistischen, transfeministischen und antirassistischen Koalition» auf –, denunziert jegliche Kunstvermittlung als «paternalistisch» und lässt verlauten, es sei nicht zeitgemäss, in der Documenta-Stadt zu leben.

Szymczyk hat in Athen im April auch einen Ableger der Documenta eröffnet («Kleiner Bund» vom 15. April). Diese Zweiteilung hat in Kassel gemischte Gefühle und mancherorts gar «Verlustängste» ausgelöst. «Ich halte Adam Szymczyk für eine problematische Wahl», sagt Saehrendt. Andererseits, räumt er ein, wachse die Documenta stetig und sei eine Erfolgsgeschichte, das mache es irgendwann auch langweilig. Ein Crash könnte heilsam sein, spekuliert er, und der Schau neuen Schwung verleihen: «Vielleicht ist Szymczyk ein Revolutionär, der alles auf den Kopf stellt und die Schau wieder spannend macht.»

Die erstmals 1955 durchgeführte Kunstschau, damals noch als kulturelles Beiprogramm der Bundesgartenschau, war zehn Jahre nach Kriegsende mit einem volkspädagogischen Impetus lanciert worden. Mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst sollte ein Beitrag zur Umerziehung der Bevölkerung nach der NS-Zeit und ein Bekenntnis zur Westbindung geleistet werden.

Über die Jahrzehnte wurde ein wachsendes Massenpublikum angesprochen, ohne dabei populistische Zugeständnisse zu machen. Es galt: Der jeweilige Kurator bzw. die Kuratorin geniesst grosse Freiheiten, die Schau ist unabhängig vom Kunstmarkt und konzentriert sich auf die Museen (Fridericianum, Neue Galerie) und den öffentlichen Raum in Kassel. Letzteres scheint nun durch die Filiale in Athen infrage gestellt. Saehrendt ist ein dezidierter Gegner dieses Konzeptes der «Deterritorialität»– und dies nicht aus lokalpatriotischen Gründen. «Ich bin für eine kompakte Ausstellung an einem Ort», sagt er und meint mit Blick auf den grossen Konkurrenten: «Die Biennale von Venedig würde ja auch nicht nach Neapel umziehen.»

Langweilige Kulisse erwünscht

Der Kunstbesucher müsse wie bisher die Chance haben, sich auch mit einem relativ geringen Zeit- und Geldbudget einen Überblick über die Weltkunst zu verschaffen. «Ich sehe nicht ein, wieso man das ohne Not kaputt macht.» Die Alternative laufe darauf hinaus, so Saehrendt, dass der Kunstjetset um die Welt reise von Event zu Event und die Öffnung für ein breites Publikum zurückgenommen werde.

Für Saehrendt ist klar: «Die Documenta muss reformiert werden.» Nach Szymczyk komme vielleicht eine Kuratorin, welche die Ausstellung nur noch im Internet stattfinden lassen wolle. Oder ein anderer veranstalte diverse Parallelausstellungen auf anderen Kontinenten – «und in Kassel finden nur noch die Konferenzen statt». Kernpunkt einer Reform ist für Saehrendt das Bekenntnis zu Kassel als alleinigem Austragungsort der Documenta. Ist die eher unscheinbare Stadt Kassel, in der noch viel Notarchitektur aus der Nachkriegszeit steht, als Austragungsort wirklich so unverzichtbar? «Unbedingt», entgegnet Saehrendt. Kassels grosser Vorteil etwa gegenüber Venedig sei, dass es an «Ablenkung» mangele: «Es wäre sogar ideal, wenn die Stadt eine möglichst langweilige, gleich bleibende Kulisse bieten würde.»

Er stört sich auch daran, dass die Stadt Kassel regelmässig Kunstwerke ankaufe und dann im öffentlichen Raum dauerhaft ausstelle, so etwa den «Man Walking to the Sky» vor dem Hauptbahnhof. «Das ist eine Form der Musealisierung des öffentlichen Raums, die meines Erachtens die aktuelle Documenta stört.» Im Buch stellt er denn auch ein nicht ganz ernst gemeintes Gedankenexperiment an: Kassel könnte Kuratoren anlocken, indem es ihnen temporär «diktatorische» Vollmachten übertrüge. Dies würde auch bedeuten, dass diese Person massive Eingriffe in den öffentlichen Raum vornehmen könnte – inklusive Sprengungen von Häusern und der Schaffung von Freiflächen.

Und Kassel ist doch eine Reise wert

Christian Saehrendt versucht, die Idee der Documenta von ihrem Ursprung her ernst zu nehmen. Erkennt er bereits die Konturen der Documenta 14. Zum jetzigen Zeitpunkt habe er den Eindruck, so Saehrendt, dass die Documenta wieder musealer wird. Zugleich nehme die Bedeutung der Performance zu.

Von Szymczyk ist er nach allem, was er bislang beobachtet hat, enttäuscht. Erstens habe er ein grosses Kunstkonvolut komplett übernommen, nämlich die Sammlung des Athener Museums für zeitgenössische Kunst, und stelle es im Fridericianum aus. «Er verkauft es als genialen Coup, dabei hat er sich einfach viel Arbeit erspart.» Im zweiten zentralen Standort, der Neuen Galerie, wird Szymczyk Werke aus dem Depot des Museums zeigen und auch das Thema Raubkunst ins Zentrum stellen (ursprünglich wollte er die Gurlitt-Sammlung ausstellen, erhielt aber von Monika Grütters, der Staatsministerin für Kultur, eine Abfuhr. Was hat das bitte schön mit zeitgenössischer Kunst zu tun?», fragt Saehrendt rhetorisch.

Auch das zentrale Kunstwerk «The Parthenon of Books» im Aussenraum, bei dem der antike Tempel nachgebaut und mit verbotenen Büchern behängt wird, ist für Saehrendt mit einem grossen Makel behaftet: «Es wird optisch die Selfie-Kulisse der Documenta werden, aber es ist eine blutleere Nachinszenierung einer Installation von 1983, die damals nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur in Buenos Aires errichtet worden war.»

Sieht Christian Saehrendt der Documenta also vollkommen missmutig entgegen? Er schüttelt energisch den Kopf. «Die Documenta ist so gross, es hat dort so viele verschiedene Künstler, Veranstaltungen und Spielstätten, dass ich wie alle anderen garantiert einige Lieblingskunstwerke und -orte finden und mich an ihnen erfreuen werde.»

Christian Saehrendt: Schneewittchen und der kopflose Kurator. Der Reiseführer für documenta-Besucher, Romantiker und Horrorfans. Dumont-Verlag, Köln 2017. 240 Seiten, 26.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 01.06.2017, 07:21 Uhr

Artikel zum Thema

Was an der Documenta schiefläuft

Private View Die Kunstschau Documenta in Athen meints gut, aber grandios wäre anders. Zum Blog

Die Kunst der Krise

Die Documenta 14 in Athen ist gestartet. Sie zeigt eine Kunst, die direkt auf den politischen und ökonomischen Alltag zugreift. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Kulturbeutel 51/18

Zum Runden Leder Jahr der Superlative

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...