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Drei Nachtwächter und keiner sah den Kunstdieb

Unter den Wachleuten im bestohlenen Pariser Museum machte man sich lustig über die Sicherheit des Hauses. «Irgendwann wird jemand einfach durch ein Fenster ins Museum kommen», sagte einer. Ein Hellseher?

Minutiös wird jede Spur verfolgt. Die Täterschaft hat offenbar die Bilder aus den Rahmen genommen.
Minutiös wird jede Spur verfolgt. Die Täterschaft hat offenbar die Bilder aus den Rahmen genommen.
Keystone
Ermittler bei der Arbeit: Untersucht wird das eingebrochene Fenster im hinteren Teil des Gebäudes.
Ermittler bei der Arbeit: Untersucht wird das eingebrochene Fenster im hinteren Teil des Gebäudes.
Keystone
Die Bilderrahmen haben die Diebe stehen gelassen.
Die Bilderrahmen haben die Diebe stehen gelassen.
Keystone
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Die Leitung des Pariser Museums für moderne Kunst gerät nun immer mehr unter Druck. Sogar das Sicherheitspersonal des Hauses erhebt schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen. Im Museum herrschte echte Nachlässigkeit, sagte ein Wachmann der Zeitung «Le Parisien». Unter den Mitarbeitern habe man sich häufig gesagt: «Irgendwann wird jemand einfach durch ein Fenster ins Museum kommen.» Genau so gelang der Jahrhundert-Coup. Nach dem jüngstem Stand der Ermittlungen stieg ein vermummter und schwarz gekleideter Mann in der Nacht zum Donnerstag durch ein Fenster in das Gebäude.

Zielsicher schnitt er wenig später fünf der wertvollsten Werke des Museums aus ihren Rahmen. Überwachungskameras filmten ihn, die auf Bewegungen reagierende Alarmanlage war allerdings wegen eines Defekts seit etlichen Wochen ausser Betrieb. Ersatzteile seien nicht geliefert worden, erklärt die Stadt.

Taugten die Monitore nichts?

Die Überwachung des riesigen Gebäudes erfolgte daraufhin nur noch über Rundgänge, heisst es vom Sicherheitspersonal. Die Monitore vor den einzelnen Räumen seien dabei so gut wie nutzlos gewesen. Dem widerspricht allerdings die Stadtverwaltung: Die Sicherheitstechnik sei erst vor wenigen Jahren an die Normen angepasst worden.

Die Diebe müssten «sehr gut informiert und sehr entschlossen» gewesen sein, sagte der Kulturbeauftragte der französischen Hauptstadt, Christophe Girard, am Freitag im Radiosender France Info. Es könne nicht allein daran gelegen haben, dass es «ein Problem» mit der Lautstärke der Alarmanlage gebe - zumal drei Nachtwächter im Museum gewesen seien. «Eine Scheibe zu zerschlagen und so in ein Museum einzudringen, fünf Gemälde herauszupicken und dann wieder zu gehen», ohne dass die Sicherheitsleute etwas mitbekommen hätten, sei beeindruckend, sagte der Kulturbeauftragte. Wie üblich seien die Nachtwächter zu dritt gewesen, als der Diebstahl im städtischen Museum für Moderne Kunst in der Nacht zum Donnerstag geschah. «Sie haben nichts gemerkt.»

Rätseln über Motive

Kunstexperten rätseln über die möglichen Motive des Täters. Nach Angaben von Szenekennern sind die auf rund 100 Millionen Euro geschätzten Meisterwerke von Malern wie Picasso und Matisse absolut unverkäuflich. Der Täter könne die fünf Bilder wegen ihrer Bekanntheit niemandem zeigen, sagte ein Auktionator am Freitag.

So gut wie ausgeschlossen sei auch, dass ein Kunstsammler hinter der Tat stecke. Ein Mitarbeiter des Kunstauktionshauses Christie's äusserte sich ähnlich: Dass Sammler Ganoven beauftragen, sei eine Legende, sagte Thomas Seydoux der Zeitung «Le Figaro»: «Wenn, ist es die Tat einer verrückten Einzelperson.»

Polizei schweigt

Die für die Aufklärung des Verbrechens zuständige Polizeibrigade äusserte sich am Freitag zunächst nicht zum Stand der Ermittlungen. Auch ob die Bilder versichert waren, wollten die Verantwortlichen von Stadt und Museum nicht sagen.

Wenn die Bilder nicht versichert waren, könnte der Täter nicht einmal mit sogenannten «Artnapping» Geld machen. Dabei werden die Werke dem Museum oder dem Versicherer zum Rückkauf angeboten. Die Diebe drohen, die Stücke andernfalls zu zerstören.

Gefragte Kunstwerke

Das wertvollste gestohlene Werk ist wahrscheinlich das kubistische Bild «Le pigeon aux petits pois» (»Taube mit Erbsen») des spanischen Malers Pablo Picasso (1881-1973). Sein Wert wird auf mehr als 20 Millionen Euro geschätzt. Zudem entwendete der Täter je ein Meisterwerk von Henri Matisse, Georges Braque, Amédéo Modigliani und Fernand Léger.

In Frankreich sorgen immer wieder spektakuläre Kunstdiebstähle für Aufsehen. So konnten Unbekannte im Juni 2009 ein wertvolles Skizzenbuch aus dem Picasso-Museum in Paris stehlen.

Was in der Schweiz alles verschwindet

Gemäss Oliver Class, Kunstsachverständiger der Allianz Suisse, verschwinden auch in der Schweiz jeden Tag ein bis zwei wertvolle Kunstwerke, etwa Bilder, Skulpturen, Münzsammlungen oder Möbel. Den Schaden aus Kunstdiebstahl in der Schweiz schätzt Class laut einem Communiqué auf einen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr.

SDA/cpm

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