Der Berner Kunstfund

Drei Wandbilder von Franz Gertsch aus seiner frühen Schaffensphase sind während eines Umbaus wieder aufgetaucht. Der Künstler selber schweigt dazu.

Er wollte den betagten Bewohnern «etwas Fröhliches» schenken: Die drei wiederentdeckten Wandbilder von Franz Gertsch aus den frühen 1960er-Jahren im Nydeggsaal der Kirchgemeinde.

Er wollte den betagten Bewohnern «etwas Fröhliches» schenken: Die drei wiederentdeckten Wandbilder von Franz Gertsch aus den frühen 1960er-Jahren im Nydeggsaal der Kirchgemeinde. Bild: Franziska Rothenbühler

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Es sind heiter-märchenhafte Szenen, der Zeit enthoben, eine Pferdegruppe mit dem Sämann auf dem Acker, ein kniender, ganz der Musik hingegebener Flötenspieler und ein junges Paar am Gartenzaun, gleichsam beschützt von einer über ihnen strahlenden Sonnenblume. Es sind idyllische Szenen, die eine naive Unschuld ausstrahlen und die man nicht unbedingt mit Franz Gertsch in Verbindung bringt, dem international bekannten Fotorealisten, dessen künstlerisches Schaffen Mitte der 1960er-Jahre entscheidend beeinflusst wurde durch die Pop-Art. Von Gertsch ist bekannt, dass er seine vor 1969 geschaffenen Arbeiten grösstenteils als ungültig verworfen und nicht ins Werkverzeichnis aufgenommen hat.

Er wohnte gleich gegenüber

Des Künstlers Aufmerksamkeit gilt, so darf man wohl getrost annehmen, derzeit wohl weniger den wieder aufgetauchten Wandbildern im Nydeggsaal als dem ihm gewidmeten Museum in Burgdorf. Am 10. März nämlich – an diesem Tag feiert Franz Gertsch seinen 89. Geburtstag – wird das Museum Franz Gertsch seinen Erweiterungsbau eröffnen; der Zyklus der «Vier Jahreszeiten» wird damit erstmals im frisch erbauten «Vier Jahreszeiten»-Raum präsentiert, zudem erlebt ein neues Gemälde («Grosse Pestwurz», 2018) seine Premiere in Burgdorf.

Zurück jedoch zum Kunstfund in der unteren Berner Altstadt: Sanft restauriert und hinter Glas hängen die drei Wandbilder nun dauerhaft im Nydeggsaal der Kirchgemeinde. Das war nicht immer so: Während Jahrzehnten waren die drei 1964 entstandenen Werke nach einem Umbau des damaligen Speisesaals hinter einer Gipswand verschwunden.

«Franz Gertsch hat lange mit seinem Frühwerk gehadert. Aber er hat sich mittlerweile etwas damit ausgesöhnt»Arno Stein, Geschäftsführer Direktor Museum Franz Gertsch in Burgdorf

Nachdem das Altersheim 2014 geschlossen worden war, übernahm die Kirchgemeinde Nydegg die Räumlichkeiten und liess die Gipswand im Zuge von Bauarbeiten für das neue Kirchgemeindehaus entfernen. Und da kamen sie zum Vorschein, die drei Wandbilder. Im Kunstführer zur Nydeggkirche und zum umliegenden Quartier schreibt der Kunsthistoriker Jan Straub, dass es sich um die grössten Werke aus Gertschs Frühwerk handle, geschaffen nach Holzschnitten für ein Kindergesangbuch.

Der junge Gertsch, Jahrgang 1930, lebte damals gleich gegenüber im Nydeggstalden 24. Nachdem er die Malschule von Max von Mühlenen besucht und anschliessend bei Hans Schwarzenbach studiert hatte, war er trotz erster Erfolge in eine Schaffenskrise geraten und für seinen Lebensunterhalt auf Dekorationsaufträge angewiesen. Den Auftrag für die Wandbilder im Nydegg-Altersheim verdankte er einem prominenten Nachbarn, dem späteren Präsidenten der Burgergemeinde Bern, Rudolf von Fischer.

Selbstbildnis von Franz Gertsch aus dem Jahr 1955. Besitz des Künstlers. Bild: Franz Gertsch

Für die betagten Bewohner des Altersheims Nydegg habe er «etwas Fröhliches» schaffen wollen, lässt sich Gertsch im Kunstführer zitieren. Die Pferdegruppe erinnert direkt an das 1961 entstandene Gemälde «Parzivals Aufbruch», während überhaupt der Stil der Szenen an Gertschs viertes Buch, die Märchen-Novelle «Tristan Bärmann» (1962) mit 20 Original-Holzschnitten anknüpft.

Der Kirchgemeinderat war zunächst nicht besonders erfreut über das unverhoffte Geschenk hinter der Gipswand. Man wollte die Wand eigentlich neutral weiss halten für wechselnde Ausstellungen oder Projektionen von Filmen und Bildern. So wurde eine dauerhafte Präsentation zunächst in einer Abstimmung abgelehnt. Die Berner Kunsthistorikerin Anna Schafroth war als Fachperson beigezogen worden und plädierte nach der Sichtung der Werke für eine Präsentation der drei Wandbilder. Sie hatte Mühe mit dem ablehnenden Entscheid des Kirchgemeinderats. «Aus meiner Sicht sind die Wandgemälde wichtig, aber keine Schlüsselwerke», sagt Schafroth. Die Arbeiten spiegelten die «komplizierte Situation» des Künstlers um 1960 wieder. Die Wandbilder stammten aus einer «sehr interessanten Phase» des Künstlers, sagt Schafroth. «Zweifel am eingeschlagenen Weg und eine gleichzeitige Weiterentwicklung seines persönlichen Stils stellten sich parallel ein.»

Mit dem Frühwerk versöhnt

Unter den Kunstexperten, die sich letztlich erfolgreich für eine dauerhafte Präsentation einsetzten, ist auch Arno Stein, der geschäftsführende Direktor des Museums Franz Gertsch in Burgdorf. Er sah sich die Wandbilder im vergangenen Sommer erstmals an: «Ich war sehr erstaunt über den guten Zustand der Werke. Auch kunsthistorisch fand ich es spannend, dass diese Werke an einem Ort auftauchten, wo Gertsch damals gegenüber gewohnt hat.» Ihm sei durchaus klar, dass man nicht alles erhalten könne: «Aber auch in unserem Fall als Museum Franz Gertsch finden wir es wichtig, so viele Werke von ihm wie möglich zu erhalten, auch wenn es Frühwerke sind.» Es stimme, sagt Stein, dass Gertsch lange mit seinem Frühwerk gehadert habe. Diese Werke hätten den Künstler halt an eine für ihn schwierige Zeit erinnert. «Gertsch hat sich aber mittlerweile damit etwas ausgesöhnt», sagt Stein. Verschiedene Fachpersonen seien zurzeit daran, dieses Frühwerk detaillierter aufzuarbeiten.

Die Sprache der Signatur

Und Franz Gertsch selber? Er enthielt sich in der Diskussion der Stimme und zog es vor, zur Frage der Präsentation nicht Stellung zu nehmen. In einem Gespräch mit Anna Schafroth bekannte der Künstler, er messe diesen Werken keine Bedeutung zu. Diese Haltung sei nicht erstaunlich, findet Schafroth, seien die Wandbilder doch in Gertschs Krisenzeit zwischen 1957 und 1965 und zudem aus bereits umgesetzten Bildmotiven entstanden.

Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung hätten die Wandbilder aber durchaus eine Bedeutung für den Künstler gehabt, glaubt Schafroth und verweist auf das Bild ganz rechts mit dem jungen Liebespaar: «Der Künstler brachte auf dem dritten Bild in der unteren rechten Ecke seine Signatur an.» (Der Bund)

Erstellt: 08.02.2019, 07:00 Uhr

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