Die Leichtigkeit des Unbedeutenden

Verbrechen wurden begangen, und jemand hat sie irre gelöst. Wer das ist, kann man in der aktuellen Ausstellung der Galerie Bischoff herausfinden.

Einfache Bilder einfacher Motive: Sereina Steinemann, «Kein Titel», 2017, Acryl auf Baumwolle.

Einfache Bilder einfacher Motive: Sereina Steinemann, «Kein Titel», 2017, Acryl auf Baumwolle. Bild: zvg

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Einen Moment Geduld braucht man, um sich in Sereina Steinemanns Ausstellung «Neue Verbrechen irre gelöst» zurechtzufinden. Die einzelnen Bilder glaubt man rasch gesehen zu haben, aber ein paar Augenblicke dauert es, bis man bereit ist, die Ausstellung als vorgelegte Skizze einer Geschichte zu erkennen und sich dann von deren rotem Faden fortziehen zu lassen – in Kauf nehmend, dass er weder besonders deutlich noch reissfest ist, dafür aber Platz lässt für das selbst entworfene Bild vor dem inneren Auge.

Strip mit Lücken

Steinemann malt, oder zeichnet mehr, mit Acryl auf Leinwand: einfache Bilder einfacher Motive. Eine Brille, ein Zylinder, eine Taschenlampe, die Front einer Zeitung. Hinter all dem steht eine fiktive Figur, Ruby Rabbit, Detektiv von Beruf und, der Name lässt es erahnen, Held einer Bildergeschichte.

Tatsächlich ist «Neue Verbrechen irre gelöst» ein Ensemble: Da ist der Strip, ein Streifen, aus der dramaturgischen Welt des Comics. Wobei die Zwischenräume zwischen den Panels, den Einzelbildern, bei Steinemann, im übertragenen Sinn gesprochen, deutlich breiter sind, als es der Erzählfluss der Comics eigentlich zulassen würde. Was Ruby Rabbit tut, was überhaupt vorgefallen ist und ob der Detektiv den Kriminalfall löst, wissen wir nicht.

«Erfindungen» nennt Steinemann ihre Themen: Eigentlich nichts Besonderes in der Kunst, selbst wenn es, wie bei ihr, unsichtbare Erfindungen sind. Am besten lässt sich die Sache, es sei verziehen, mit einem Paradox beschreiben: Steinemann erzählt von Dingen, die es nicht gibt und die man trotzdem nicht sieht.

Die in verschiedenen Gattungen arbeitende Künstlerin bezieht sich immer wieder auf Vertreter einer viel betrachteten, aber wenig angesehenen Bildproduktion: dilettantisch gestaltete Flyer, handgemachte Heftchen, Comics in schlechter Druckqualität. Ihnen gibt sie ihre Würde zurück und von ihnen nimmt sie sich die Leichtigkeit des Unbedeutenden.

Genossenschaftlicher Hybrid

Die 1984 geborene und in Luzern aufgewachsene Sereina Steinemann ist eine Absolventin der Hochschule der Künste Bern. Sie war wiederholt für das Aeschlimann-Corti-Stipendium nominiert und gewann 2015 den Manor-Kunstpreis ihres Heimatorts Schaffhausen. Steinemann war 2016 in der Gruppenschau «About Painting» erstmals bei Bernhard Bischoff zu sehen.

Die aktuelle Einzelausstellung zeigt sie als Gast der Galerie. Eigentlich gehört Steinemann nämlich zu der Produzentengalerie Alpineum in Luzern. Die in dieser Form für die Schweiz aussergewöhnliche Körperschaft ist ein Beispiel für den gegenwärtig vielerorten wahrnehmbaren Wunsch von Kunstproduzenten, Autonomie zu gewinnen und sich sogar selbst zu organisieren.

Die seit zehn Jahren existierende Produzentengalerie ist ein genossenschaftlich organisierter Hybrid zwischen Kunstraum und kommerzieller Galerie. Die Trägerschaft besteht aus einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die sich zeitlich und finanziell verpflichten, eine Leitung ein-, in der Galerie aus- und sie anderen zur Verfügung zu stellen.

Die Galerie vertritt die Trägerschaft zu den üblichen Bedingungen im Markt, verfolgt aber nicht nur kommerzielle Interessen. Dass sich Marktorientierung und Wille zum Experiment allerdings ohnehin nicht ausschliessen, beweist die Galerie Bischoff mit «Neue Verbrechen irre gelöst» löblicherweise ebenfalls.

Sereina Steinemann: «Neue Verbrechen irre gelöst», Galerie Bernhard Bischoff & Partner, bis 28. Oktober. (Der Bund)

Erstellt: 05.10.2017, 06:58 Uhr

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