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Die Kraft der hässlichen Wörter

Eindrückliches Zeugnis einer Selbstermächtigung: Das erste Comedyprogramm von Jess Thom.

James Lyndasy

Als ihr Name zum ersten Mal in einer Theaterkritik erwähnt wird, steht Jess Thom gar nicht selber auf der Bühne. Sie ist bloss Zuschauerin. Für sie eine schmerzvolle Erinnerung, denn Thom hat das Tourette-Syndrom, eine neurologische Störung, die sich in vokalen und motorischen Tics äussert. Damals waren es vor allem die Wörter «Lego» und «Penis». Also nie mehr ins Theater gehen? Nein, die Britin begibt sich dorthin, wo sie alle sehen können: auf die Bühne. «Stand Up, Sit Down, Roll Over» heisst das erste Comedyprogramm ihrer Kunstfigur Touretteshero.

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Es ist ein wohlüberlegter Glücksgriff für das Aua-Festival, dessen Thema dieses Jahr bekanntlich lautet: «Wir müssen reden». Weil Thom gar nicht anders kann als reden. Doch die 38-Jährige – die sogar zu lachen scheint, wenn sie nicht lacht – sieht das als Vorteil: «Im Gegensatz zu anderen Comedians muss ich nur die Hälfte des Abends vorbereiten.»

Einen speziellen Gast im Publikum, den gibt es auch hier im Tojo-Theater, und er wird sogar von einem Scheinwerfer beleuchtet: ein Geranium. Ein Geranium?

«Geranien mögen Butter»: Es sind solche surrealen Sätze, die Thom an diesem Abend sagt, welche die spannenden Fragen in den Raum stellen: War das ein spontaner Tic oder geplant? Wer ist hier der Künstler? Der Mensch oder das Unterbewusstsein? Und wie beurteilt man das jetzt künstlerisch?

Natürliche Besonderheit

Klar ist: Der Humor ergibt sich bei Jess Thom von selbst. Und zwar nicht nur, weil an diesem Abend pausenlos obszöne Wörter fallen. Überhaupt, die Wörter: «Was macht ein Wort denn hässlich?», fragt Thom einmal. Und man ist an diesem Punkt nicht mehr überrascht, wenn sie anfügt: «Ich liebe Wörter. Sie sind meine Begleiter.»

Bis zu 16'000-mal pro Tag sagt sie das Wort «Biscuit». Dabei muss sie immer wieder betonen, dass sie eigentlich «keine spezielle Beziehung» zu Keksen habe. Das eigene Sprechen immer wieder zu hinterfragen, das ist etwas, was die Wutbürger-Gegenwart von Thom lernen kann.

«Stand Up, Sit Down, Roll Over» ist ein nicht abreissender (Un-)Bewusstseinsstrom, der in alle Richtungen fliessen kann. Zusammengehalten wird er von der aussergewöhnlichen Präsenz von Thom, die hier vor allem ihre Erfahrungen mit ihrer Krankheit auf eine nicht anklagende Art verarbeitet; sie schafft es dabei, dass sich ihre Besonderheit bald ganz natürlich anfühlt.

Für was steht der Geranium?

Nur inhaltlich hätte man sich mehr Stellen mit doppeltem Boden und aktuellem Bezug gewünscht. Wie Thoms gelungenen Witz über die britische Politik: «Sie werden in den nächsten 45 Minuten oft die Wörter ‹Biscuit› und ‹Hedgehog› hören. Das ist öfter, als Theresa May gesagt hat: ‹Brexit means Brexit.›» Und auch der dramaturgische Ansatz mit dem Geranium bleibt etwas undeutlich: Steht es vielleicht gar für die biedere Schweiz? Für Thom selbst? Oder für den Kritiker, die Kritikerin?

Gleichwohl: Dieses Stück ist mehr als ein Comedyprogramm. Es ist eine beeindruckende Selbstermächtigung. Oder wie es Thom formulieren würde: «Invest in your inner rainbow.»

Am Samstag, 11. Mai, um 17 Uhr diskutiert Jess Thom in der Grossen Halle der Reitschule im Rahmen des Aua-Festivals über Diversität, Inklusion und ihre Kunst. Auawirleben dauert noch bis 19. Mai.

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