Die geheimnisvolle Sepiafrau

Victor Surbek war als Maler bekannter als seine Frau. Zu Unrecht. Die hervorragende Doppelausstellung im Schloss Spiez zeigt Marguerite Frey-Surbek eigenständige Werke.

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Da hängt sie, die Frau. Eine dunkle Gestalt mit einer Aura aus Sepiatönen. Das Bild in der aktuellen Ausstellung im Schloss Spiez fällt auf. Das liegt aber nicht nur an der Düsterkeit des Gemäldes, sondern auch am samtigen Glanz der Ölfarbe, in der es gemalt ist. In der Oberfläche reflektiert das Licht. Beim Vorübergehen entsteht der Eindruck, als sei die Dame lebendig. So bleibt man stehen, schaut genauer hin.

Frontal steht sie da. Aufrecht, stolz. Eine Erscheinung im schwarzen hochgeschlossenen Kleid. Offenbar ist sie an der Arbeit. Den Pinsel hat sie fest in der linken Hand, die Rechte in die Hüfte gestützt. Doch nicht alles an ihr ist dunkel. Auf eine Gesichtshälfte fällt Licht. Und da erkennt man dieses wache Auge, spürt den brennenden Blick, der direkt auf den Betrachter gerichtet scheint. Das beeindruckende Bild ist ein Selbstporträt. Es zeigt die 22-jährige Malerin Marguerite Frey-Surbek (1886–1981).

Getrennte Arbeitstische

Vielen Bernerinnen und Bernern wird der Name Surbek ein Begriff sein. Nicht zuletzt, weil es in der Nähe des Zentrums Paul Klee eine Surbekstrasse gibt. Dabei denken die meisten aber an ihn, den Maler Victor Surbek (1885–1975), den Sohn des späteren Direktors des Berner Inselspitals. Als Maler ist er bekannt geworden durch imposante, von Ferdinand Hodler inspirierte Gebirgslandschaften. Mit ihm verbindet man auch stimmungsvolle Nacht- und Abendbilder sowie Himmelsansichten, die er durch das Fenster in seinem Sommeratelier in Iseltwald am Brienzersee geschaffen hat. Dass sich hinter dem Namen Surbek aber auch eine virtuose Malerin verbirgt, wissen viele nicht.

Eine Surbek-Doppelausstellung wie jetzt im Schloss Spiez wäre früher nicht möglich gewesen. Zeitlebens grenzten sich die beiden Künstlerpersönlichkeiten ab, wollten nicht gemeinsam ausstellen. Der Grund dafür ist vor allem sie: Marguerite Frey-Surbek wehrt sich dagegen, als Künstlerin benachteiligt zu sein.

Wie die Musik- so ist auch die Kunstgeschichte von Männern dominiert. Marguerite Frey-Surbek darf sich zwar an Kunstausstellungen beteiligen, aber Würdigungen oder Publikationen von Kunstkennern erschienen vor allem über das Werk ihres Mannes; zu seinem Schaffen – und nur zu seinem – wurde 1950 eine Monografie herausgegeben. Als Ehepaar teilen sie zwar Tisch und Bett, im Atelier aber standen ihre Arbeitstische weit auseinander. Marguerite Frey-Surbek schreibt dazu 1939 in einem Brief: «Wir waren Malerfreunde – voilà tout. Als Künstler waren wir nicht verheiratet.»

Fantasie und Freiheit

So haben Marguerite Frey-Surbek und Victor Surbek zwar den gleichen Beruf, beide interessieren sich für Reisen, Natur, Berge, Landschaften, Stillleben und Porträts. Und beide arbeiteten in ihrer Malerei gegenständlich, obwohl das in jenen Jahren nicht gerade als fortschrittlich gilt. Die spannende Gegenüberstellung ihrer Werke in Spiez zeigt aber: Ihre Kunst ist trotz ähnlicher Motive keineswegs gleich. Sie unterscheidet sich im Stil, in Fantasie und Farbigkeit. Und vor allem in der inneren Freiheit. Die Arbeiten von Marguerite Frey-Surbek wirken lebendiger und experimentierfreudiger.

Jurassierin in Bern

Dass sie Wert legte auf ihre Eigenständigkeit, ist offensichtlich: Obwohl die Künstlerin sechzig Jahre mit Victor Surbek verheiratet war, wurde sie nie eine Frau Surbek. Sie behielt ihren Mädchennamen Frey und stellte den ihres Mannes hintenan, was für die Zeit eine Provokation war. Aufgewachsen ist die Nichte des ehemaligen Bundesrats Emil Frey (1838–1922) im jurassischen Delémont, mit zwei Schwestern und zwei Brüdern. Schon in jungen Jahren zügelt sie mit den Eltern nach Bern.

Als sie sich bei einem Freund der Familie, dem Maler Louis Moilliet, nach künstlerischen Ausbildungsmöglichkeiten erkundigt, rät er ihr ab, einem Diplom «nachzurennen». Das sei verlorene Zeit. Viel wertvoller sei es, von einem kompetenten Künstler ins Malhandwerk eingeführt zu werden; so kommt sie zu Paul Klee, der sie aber nach zwei Jahren Privatunterricht nach Paris schickt. Da lernt Frey-Surbek Monets Seerosenbilder kennen. Gärten, Blumensträusse, Intérieurs, das sind Sujets, mit denen sie sich neben den Porträts fortan gerne auseinandersetzt. In Paris übrigens lernt sie ihren Mann, den Berner Victor, kennen; sie heiraten 1914 und gründen ein Jahr darauf an der Berner Gerechtigkeitsgasse eine Malschule, die sie bis 1931 gemeinsam führen.

In den warmen Jahreszeiten arbeitet das Künstlerpaar in Iseltwald am Brienzersee. Da hat Victor Surbek 1919 ein Atelier mit einem auffälligen Pultdach gebaut. Während der übrigen Monate reisen die beiden umher. Europa, Amerika. Das längere Verbleiben an einem fernen fremden Ort wirkt wie ein Katalysator auf die künstlerische Entwicklung beider.

Keine weltfremde Träumerin

Es sei ihr Ehrgeiz, schön zu malen, schreibt Marguerite Frey-Surbek einmal. Auch wenn sich in der Schweiz zu jener Zeit kaum jemand für solche Themen interessiert. Doch sie ist keine weltfremde Träumerin. Die Künstlerin steht mit beiden Beinen auf dem Boden und in der Gegenwart. Das zeigt ihr grosses soziales und politisches Engagement.

Auf ihre Initiative wird in der Stadt Bern der erste Mädchenhort eingerichtet. Während des Kriegs packt sie als Helferin in Flüchtlingslagern an. Auch Natur- und Denkmalschutz liegen ihr am Herzen. Als in der Berner Altstadt in den 1950er-Jahren eine Grossüberbauung mit Büros geplant wird, schliesst sie sich den Initianten gegen das Projekt an und beteiligt sich an der Demonstration auf dem Münsterplatz. Darüber hinaus engagiert sie sich für das Frauenstimmrecht und schreibt, als am Brienzersee eine Umfahrungsstrasse geplant wird, in den 1970er-Jahren persönlich an den Bundesrat. Marguerite Frey-Surbek, die geheimnisvolle Sepiafrau auf dem düsteren Selbstporträt im Schloss Spiez, ist eine Entdeckung.

Der Ausstellungsort ist übrigens kein Zufall: Das Ehepaar Surbek hatte zum Schloss eine ganz persönliche Beziehung. Es gehörte bis zur Stiftungserrichtung 1929 dem Ehepaar Dr. Willi Schiess und Helene Schiess-Frey, der Schwester von Marguerite Frey-Surbek. Durch diese Verbindung und einen Schenkungsvertrag ist Schloss Spiez im Besitz zahlreicher Werke des Künstlerpaares, die es – ergänzt durch Leihgaben – in der Gegenüberstellung neu zu entdecken gibt.

Schloss Spiez, bis 14. Oktober. – Führung: So, 12. August, 11 Uhr. –Publikation: Therese Bhattacharya-Stettler und Steffan Biffiger: Marguerite Frey-Surbek & Victor Surbek, «Als Künstler sind wir nicht verheiratet», Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, 208 S., 217 farbige und 49 schwarzweisse Abbildungen, ca. 58 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2018, 06:37 Uhr

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