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Die Frau, die zeitlebenszwischen den Frontlinien agiert

Die britisch-palästinensische Künstlerin Mona Hatoum wird in Berlin für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Mona Hatoum ist seit den 80er-Jahren mit ihren Installationen in zahlreichen Museen und internationalen Ausstellungen vertreten.
Mona Hatoum ist seit den 80er-Jahren mit ihren Installationen in zahlreichen Museen und internationalen Ausstellungen vertreten.
Keystone

Ein mannshoher Käfig, streng aus Vier­ecken gerastert, gefertigt aus rostig wirkendem Stahl, der immer wieder von Stacheldrahtknoten durchzogen ist – «Cube», entstanden 2008, zählt zu den bekanntesten Werken von Mona Hatoum. Es enthält alle Kennzeichen ihrer Arbeit: das Materialbetonte, Abstrakte, Geometrische, welches sie vom New Yorker Minimalismus der Sechziger hat, und die Erfahrung eines fast körperlich spürbaren Schmerzes. Folter und Gefangenschaft sind naheliegende Assoziationen. Aber auch die einer Schönheit, die aus der Strenge kommt. Mit 23 Jahren musste die 1952 im Libanon geborene Künstlerin in den Wirren des Bürgerkriegs ihre Heimat Beirut verlassen. Dorthin waren ihre palästinensischen Eltern aus Israel geflüchtet. Seitdem lebt sie in London, wo sie Kunst studierte. Und pendelt zwischen Berlin, wo sie ein Atelier besitzt, und der britischen Hauptstadt. Die Mischung aus Exaktheit und Emotion in ihrem Werk, aus Politischem und Privatem, hat sie in den letzten zwanzig Jahren zu einer der meistbeachteten Künstlerinnen der Welt werden lassen.

Dafür, dass Hatoum nun von der ­Berliner Akademie der Künste für ihr ­Lebenswerk mit dem mit 12'000 Euro dotierten Käthe-Kollwitz-Preis 2010 geehrt wurde, ist die aktuelle Ausstellung vielleicht etwas klein geraten. Trotzdem lassen sich aus den 23 Arbeiten, welche die Kuratorin Anke Hervol versammelt hat, ­Hatoums Grundthemen ablesen: Krieg, Exil und Heimatlosigkeit.

Eine Welt wie ein Käfig

Die damit verbundene Fremdheit ist nicht immer einem konkreten Ort oder der Biografie geschuldet, sondern ein genereller Zustand. Wenn Hatoum eine Gemüseraffel aus dem Haushalt zu einem dreiteiligen Paravent vergrössert, an dessen Löchern und Klingen sich gefährlich verletzen kann, wer sich dagegenlehnt, wird erkennbar, wie sie mit der für ihr Werk charakteristischen Verschiebung der Grössenverhältnisse arbeitet. Anders als bei den Blow-ups des amerikanischen Pop-Artisten Claes Oldenburg, die dazu dienten, die Materialität und Banalität von Alltagsgegenständen ins Bewusstsein zu heben, wandeln sie sich bei Hatoum dadurch plötzlich zu einem fremdartigen und bedrohlichen Objekt.

In der politischen Färbung, im Engagement für das bedrohte Individuum treffen sich zwei, die eigentlich Antipoden darstellen: die Realistin Käthe Kollwitz und die Konzeptkünstlerin Mona Hatoum. Begonnen hatte alles in den 80er-Jahren in London mit aufsehen­erregenden Antikriegs-Performances. Zu sehen ist das noch in den skulptu­ralen Arbeiten von heute: In «Worry ­Beads» (2009) wirken die Rosenkranzperlen einer muslimischen Gebetskette auf dem Steinboden durch die ­Vergrösserung plötzlich wie Kanonenkugeln oder wie eine Fussfessel. Und der gekippte Globus aus Weichstahl, den ­Hatoum 2007 geformt hat, lässt sich als Metapher auf die Globalisierung lesen: eine Welt wie ein Käfig, reduziert auf Längen- und Breitengrade, gefangen im Raster der Koordinaten. Das Abstrakte des Vorgangs, der individuelles Leid verursacht, lässt sich an einer Arbeit wie «3-D Cities» ablesen. In die Landkarten dreier islamisch geprägter Städte – Bagdad, Beirut und Kabul – hat sie kreisförmige Einschnitte montiert, die wie Bombenkrater aussehen.

Privat und doch universell

Mona Hatoum wird gern nachgesagt, in ihren Arbeiten persönliche Erfahrungen zu verarbeiten. Der Schluss mag nahe ­liegen angesichts des Lebenswegs einer Künstlerin, die derart zwischen den Frontlinien agiert. Aber selbst wenn sie in der Videoinstallation «Measures of Distance» von 1988 ihre in Beirut gebliebene Mutter nackt unter der Dusche fotografiert und aus den Briefen liest, die diese ihr aus dem Libanon schrieb, wird neben einem höchst privaten Aspekt das Universelle ihrer Arbeit deutlich: Kommunikation über emotionale und räumliche Distanz. Als Wandlerin zwischen den Welten hat Hatoum das ästhetisch Beste zweier Himmelsrichtungen in eine ganz eigene Bildsprache transformiert.

Die Künstlerin selbst sieht die «Erfahrung der Fremdheit des Menschen in der Welt», für welche die Akademie-Jury ihr den Preis zuerkannte, nicht so melodramatisch, wie die Formulierung zunächst klingen mag. «Das Exil bedeutet auch immer, die Welt aus einer zweiten Per­spektive zu sehen, von der anderen Seite. Das ist ein Privileg», erklärt sie mit leiser Stimme. Und sagt weiter: «Ich hänge nicht dieser romantischen Vorstellung von der Heimat als einem wahren, originalen Ort an.» Dennoch teilt sich dem Betrachter das Bedrohliche dessen mit, was sie künstlerisch verarbeitet: Fremdsein, die allgegenwärtige Gefahr, inneres und äusseres Exil.

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