«Die eidgenössischen Behörden sind sehr gut informiert»

Interview

Das Hotel Dolder wird verdächtigt, schwarz Kunst in die Schweiz eingeführt zu haben. Christie's-Geschäftsführer Bertold Müller über komplexe Importe, Zolllager und Bilder als Anlageobjekte.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Herr Müller, weshalb ist der Import von Kunstwerken eine derart vertrackte Angelegenheit? Da jedes Land über eigene Zollvorschriften verfügt, ist die Komplexität sehr hoch. Die Angelegenheit Dolder ist denn auch aus diesem Grund für mich nicht zu beurteilen. Wir bei Christie's verfügen über Angestellte, die sich allein mit dem Transport von Kunstwerken beschäftigen. Diese Experten klären vor dem Shipping zahlreiche Detailfragen, etwa ob man geschützte Materialien wie bestimmte Hölzer einführen kann und ob es hierfür einer Lizenz bedarf.

Beauftragen Galerien in der Regel externe Spediteure? Oder nehmen sie den Versand selber in die Hand? Das kann ich nicht beurteilen. Wir arbeiten für Transporte regelmässig mit externen Spediteuren zusammen.

Welche Bedeutung haben im Kunsthandel Zollfreilager oder offene Zolllager? Zollfreilager sind eine streng reglementierte Organisationsform, Güter zollfrei zwischenzulagern. Die Attraktivität dieses Schweizer Modells wird nicht zuletzt durch Nachahmer, wie beispielsweise in Singapur, unterstrichen.

Haben die staatlichen Stellen ihre Überwachung der Importe in den letzten Jahren verstärkt? Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Die eidgenössischen Behörden sind seit längerem schon sehr gut über die Bewegungen auf den Kunstmärkten informiert.

Welche Funktionen haben Galerien wie Gmurzynska bei diesen Bewegungen? Galerien sind mit anderen Kunstmarktteilnehmern insbesondere auf dem Primärmarkt für die Förderung der Künstler und deren Kunstwerke tätig. Einige Galerien gehen dabei ein internationales Publikum an und stellen beispielsweise an internationalen Messen aus. Dies tut auch die Galerie Gmurzynska. Auktionshäuser sind vorwiegend auf dem Sekundärmarkt tätig, auf welchem bereits im Kunstmarkt zirkulierte Kunstgegenstände angeboten werden. Die Grenzen können allerdings fliessend sein.

Aus der Wirtschaft sind nur vereinzelt positive Signale zu hören – der Kunsthandel dagegen scheint unvermindert zu boomen. Die Kunstmärkte wachsen tatsächlich weiterhin. Auch unsere Umsatzzahlen haben sich dieses Jahr wieder signifikant nach oben bewegt. Der Boom des Kunsthandels hat auch mit dem Zufluss von neuen Marktteilnehmern zu tun. In China war es beispielsweise vor einigen Jahren noch verboten, privat Kunst zu besitzen – kein Wunder, dass die Nachfrage nun explodiert.

Werden Bilder damit zu ernstzunehmenden Anlageobjekten? In Zeiten wie den heutigen, in denen Notenbanken extrem viel Geld drucken, werden Sachwerte als alternative Anlageform gesehen. Dies macht allerdings nur unter gewissen Voraussetzungen Sinn, so wenn beim Sammeln ein hoher Sorgfaltsmassstab angewendet wird, in nachhaltige Kunst diversifiziert investiert wird und wenn der Sammler Freude an Kunst hat. Die meisten Bieter, die bei uns Bilder ersteigern, tun das denn auch noch immer um der Kunst willen.

DerBund.ch/Newsnet

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