Der randständige Blick auf die Welt

Dem Verfall und dem Untergang ins Auge blicken: Das Kunsthaus Interlaken zeigt Werke des Schweizer Malers Jürg Kreienbühl – und kombiniert sie mit Arbeiten von dessen Frau und Sohn.

Jürg Kreienbühl, Wohnraum einer Portugiesenbaracke, 1974, Dispersion auf Hartfaserplatter, 125 x 112 cm.<p class='credit'>(Bild: PB Genf/zvg)</p>

Jürg Kreienbühl, Wohnraum einer Portugiesenbaracke, 1974, Dispersion auf Hartfaserplatter, 125 x 112 cm.

(Bild: PB Genf/zvg)

Wenn es denn ein Erweckungserlebnis gibt bei diesem Künstler, dann ist es der Anblick einer verwesenden Ratte, die den Jugendlichen nicht mehr losliess. Im Kunsthaus Interlaken kann man sehen, wie sich im Werk von Jürg Kreienbühl (1932-2007) der Kreis am Ende seines Lebens schloss und das Memento mori eine Art Generalbass bildete. Die ersten künstlerischen Arbeiten des knapp 20-Jährigen zeigten einen Totenschädel und ein ­Stillleben mit toter Maus und faulenden Früchten. Gegen Ende seines Lebens kommt wieder eine tote Ratte vor, am Fusse eines Abfallberges, der in einer Kehrichtverbrennungsanlage wie ein Schuttkegel daliegt.

Ursprünglich wollte Kurator Heinz Häsler bereits vor 30 Jahren in Interlaken eine Ausstellung mit Werken von Jürg Kreienbühl realisieren. Aber die damalige Kunstgesellschaft reagierte ablehnend auf den Vorschlag. Warum um Himmels willen sollte man so hässliche Bilder mit dermassen trostlosen Sujets ausstellen?

Erniedrigte und Beleidigte

Ja, der gebürtige Basler Jürg Kreienbühl, der ursprünglich Naturwissenschaftler werden wollte und dann zur Malerei wechselte, den nüchtern-analytischen Blick jedoch beibehielt, hat von Anfang an eine soziale Wirklichkeit mit einem schnörkellosen Realismus ins Bild gesetzt: Friedhofsbilder, Müllhalden. Später in den Bidonvilles von Paris, wo er in einem ausgedienten Autobus sein Atelier einrichtete, waren es die elenden Behausungen der Deklassierten: Baracken portugiesischer und nordafrikanischer Arbeiter. Er lebte unter Clochards und Zigeunern und malte sie als Chronist und teilnehmender Beobachter.

Einer dieser Unglücklichen, ein Krüppel namens Maurice, nahm er bei sich auf und stellte ihn dar, wie jener, langsam sterbend, mit ausgemergeltem Gesicht im Bett liegt. Meist malte er mit Öl auf Leinwand, oder aus Kostengründen auch auf Pavatex. Im Kunsthaus Interlaken zeigen auch Zeichnungen, Lithografien und Radierungen die grosse technische Könnerschaft von Kreienbühl. Aus Monets Seerosenteich etwa wurde ein Weiher mit ölverschmutzter Oberfläche voller Plastikabfälle.

Da wollte ein Maler Zeugnis ablegen von den Rändern der Gesellschaft und von der Zerstörungskraft eines Systems, das die Umwelt zerstörte und sich in Gestalt eines urbanen Molochs immer mehr in das Land hineinfrass. Der gegenständliche Zugang zu dieser Wirklichkeit stand für Kreienbühl nie zur Disposition. Alle Zweifel an der Darstellbarkeit der sichtbaren Welt, welche die künstlerische Avantgarde zur Abstraktion trieb, scheinen an ihm abgeprallt zu sein. Für ihn galt, grösstmögliche Authentizität anzustreben ohne jede sentimentale Sozialromantik.

In Interlaken sind Werke aus allen Schaffensphasen ausgestellt. Schiffswracks und mit Abfall übersäte Strände in Le Havre, die Baustelle von «La Défense» als urbane Einöde, Bilder aus einer stillgelegten Fabrik für Heiligenfiguren, die aus gebranntem Ton hergestellt wurden. Später malte er auch in der Schweiz: Im Skulpturenpark von Bernhard Luginbühl, in der ehemaligen Brauerei Warteck in Basel und in den Bergen (etwa das Stockhorn).

Er brach aber die scheinbare Idylle, indem er Zivilisationsspuren wie Hochspannungsleitungen prominent ins Bild rückte. Natürlich fehlen auch Bilder aus der «Arche Noah» nicht. Jahrelang malte Kreienbühl im vom Verfall bedrohten Zoologischen Museum im Pariser Jardin de Plantes, diesem «Louvre der Tiere». Er machte auf den Niedergang der 1889 gebauten Glass-Metall-Konstruktion aufmerksam und dokumentierte die immense Vielfalt der ausgestopften Tiere, letztlich das Verschwinden einer künstlich geschaffenen Welt.

Traditionelle Arbeitsteilung

In die Ausstellung integriert sind Werke von Kreienbühls Frau Suzanne Lopata und vom gemeinsamen Sohn Stéphane Belzère (vgl. Text rechts), die beide unter dem Eindruck des dominanten Vaters und Ehemannes um eine eigene Bildsprache rangen. Lopatas Werke zeigen in einem Stil zwischen Naiver Malerei und Neuer Sachlichkeit meist Interieurs in der gemeinsamen Wohnung oder im näheren Umfeld. Während Kreienbühl als «Chronist der Endzeit» (Aurel Schmidt) immer wieder in die feindliche Welt ausschwärmte, scheint Lopata sich mit der Vermessung einer häuslichen (Schein-)Idylle zufriedengegeben zu haben. Eine ziemlich traditionelle Arbeitsteilung.

Bis 18. November. Öffnungszeiten: www.kunsthausinterlaken.ch

Der Bund

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