Der letzte Leonardo

Ein Gemälde wird versteigert – und sorgt für Streit.

«Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci gehört einem notorischen russischen Sammler. Foto: PD

«Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci gehört einem notorischen russischen Sammler. Foto: PD

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Leonardo da Vinci dürfte sich im Grab umdrehen (wobei unklar bleibt, wo das eigentlich ist: Im 19. Jahrhundert gingen seine sterblichen Überreste bei Restaurierungsarbeiten verloren). Ausgerechnet eines seiner Gemälde, von denen es ja nur eine Handvoll gibt, muss jetzt herhalten als Spielball eines wüsten Rechtsstreits. Ausgerechnet eines der legendär schönen Leonardo-Gesichter als Aushängeschild für die hässliche Fratze, welche der Kunstmarkt bisweilen enthüllt.

Dabei wäre die Angelegenheit im Grunde eine erfreuliche: Am 15. November nämlich kommt beim Auktionshaus Christie’s in New York das Bild «Salvator Mundi» (Christus als Weltenretter) unter den Hammer. Eine Sensation, schliesslich handelt es sich um das weltweit einzige Leonardo-Gemälde in Privatbesitz – und damit um das einzige, das sich auf dem freien Markt bewegt. Die Christie’s-Leute sprechen denn auch von einem Ereignis, das man nur einmal erlebe, und liessen sich von der US-Presse mit Sätzen zitieren wie: «Niemand wird je in der Lage sein, das Wunder von Leonardos Malerei in seiner Gänze zu erfassen, so wie niemand je den Ursprung des Universums kennen wird.»

Den Ursprung des Gemäldes indes kennt man sehr wohl. Es ist derzeit im Besitz eines der berüchtigtsten Kunstsammler, des russischen Oligarchen Dimitri Rybolowlew. Der kaufte den «Salvator» 2013 dem Genfer Kunstexperten Yves Bouvier ab, für astronomische 127,5 Millionen Dollar – ohne zu wissen, dass Bouvier das Werk nur wenig zuvor für fast läppische 80 Millionen erstanden hatte. Kein Wunder, fühlte sich Rybolowlew, als das ans Licht kam, ebenso gelackmeiert wie das New Yorker Kunsthändler-Kollektiv, welches an Bouvier verkauft hatte. Wobei das sich nicht über einen schlechten Deal beklagen darf: Es hatte das Werk nämlich 2005 gekauft, als man noch annahm, beim «Salvator» handle es sich lediglich um die Arbeit eines Schülers von Leonardo. Kaufpreis: 10'000 Dollar.

Ohne Lebensnähe

Dann aber kam, 2011, die spektakuläre Entdeckung des wahren Urhebers des Bildes, und unmittelbar danach dessen öffentliche Präsentation an einer grossen Leonardo-Ausstellung in London. Wer es dort sah, war ernüchtert. Der «Salvator» kommt live in keiner Weise an die Herrlichkeit der sonstigen Porträts Leonardos heran. Sein Gesicht, durch unsachgemässe Restaurierungen stark in Mitleidenschaft gezogen, scheint seltsam verschwommen; die charakteristische Lebensnähe – wie man sie etwa von einer «Mona Lisa» her kennt – fehlt komplett.

Man fühlte sich kurz an den legendär respektlosen Ausspruch des Malers Lucian Freud erinnert, der einst sagte, jemand solle «mal ein Buch darüber schreiben, was für ein schlechter Maler Leonardo war». Dies als Trost für all jene, die nicht über das nötige Kleingeld verfügen, um Mitte November für den «Salvator» mitzubieten. Und selbst wenn das Werk danach für Jahrzehnte in irgendeinem Safe verschwindet: Ein Ticket für den Louvre kostet schlappe 15 Euro. Die Leonardos dort sind besser – und erst noch rechtsstreitfrei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 20:52 Uhr

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