Der Körper starrt zurück

Drangsaliert, geformt, gefeiert: Am 20. Performance-Festival Bone wurde der menschliche Leib zur Projektionsfläche.

Berührend ehrlich: Julischka Stengeles «Musenaufstand».

Berührend ehrlich: Julischka Stengeles «Musenaufstand». Bild: Lorenz Seidler/zvg

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Es gehe darum zu ergründen, wie der Körper in der Performance heute auftrete, ob er sich quälen müsse oder feiern lassen dürfe, sagt Sibylle Omlin, die neue künstlerische Leiterin des Bone-Festivals am Eröffnungsabend. Ein Performance-Festival zum Thema Körper sei ja etwa wie ein Musikfestival zum Thema Ton, konstatiert ein Gast im Schlachthaus-Theater. Tatsächlich liegt es in der Sache der Natur, dass der Körper in der Performance-Kunst eine zentrale Rolle spielt. Schliesslich produziert diese Kunstform nicht bleibende, materielle Werke, sondern manifestiert sich in vergänglichen Aktionen. Der Körper dient dabei als Material, Display und Projektionsfläche.

Ein Augenschein zeigt, dass dies auch bei der 20. Bone-Ausgabe nicht anders ist. Zum einen wird der Körper zum Gegenstand, der aufgrund eigener Sehnsüchte und gesellschaftlicher Idealvorstellungen geformt und drangsaliert wird. So zwängt ihn Barbis Ruder («Berner Woche» vom 30. 11.) in einen goldfarbenen Aerobicdress, wo er Stimmen ausgeliefert wird, die sein Perfektsein fordern. Er wird medial vervielfältigt, muss eine stumpfe Choreografie stampfen, wird vom lokalen Star-Coiffeur aufgebretzelt, um von etwas übergossen zu werden, was wie flüssige Schokolade aussieht. Es sind Themen wie die Kommerzialisierung der Kunst sowie Prostitution zwecks Erfolg, welche die gebürtige Deutsche Barbis Ruder in ihrer aufwendigen Performance auslotet.

Soziale Gärung

Ohne grosses Brimborium kommt dagegen Julischka Stengele in ihrem «Musenaufstand» aus. Hier wird ein Körper, wie Gott ihn schuf, Blicken ausgesetzt, wobei Stengele den Blicken nicht nur standhält, sondern deren Richtung umkehrt. Dafür lässt sie das Publikum einen Kreis bilden, selber bezieht sie Position auf einer Drehscheibe im Zentrum, wo sie sich langsam um ihre eigene Achse dreht und fordernd ins Publikum zurückblickt. So macht die Wiener Performerin ihren nackten, fülligen Körper einerseits zur Skulptur, andererseits bricht sie mit Sehgewohnheiten und hinterfragt so Schönheitsideale und Stigmatisierung. Hier soll der Körper einfach sein dürfen. Stengeles Aktion ist in ihrer Schlichtheit und Ehrlichkeit berührend.

Derweil geht es im Schlachthaus-Keller nicht um das Äussere des Körpers, sondern vielmehr um dessen Inneres. «Fermentation and Bacteria» nennt Maya Minder ihre Küche, wobei der Name auch Programm ist. Minder verweist mit ihren Gerichten aus fermentierten und eingelegten Zutaten auf die jahrtausendealte Symbiose unserer Körper mit Bakterien und Mikroben, wobei die Fermentation auch als Metapher für eine soziale Gärung gelesen werden kann: Dinge sind am Brodeln, brauchen aber ihre Zeit, bis sie bereit und geniessbar sind.

Noch einmal ganz anders kommen Körper beim Duo Sööt/Zeyringer zum Einsatz. In blauen Latzhosen bauen die beiden estnischen Performerinnen ein Regal zusammen. Das tun sie in streng choreografierter Abfolge, sodass der Aufbau einem roboterähnlichen Tanz gleicht. Ein alltäglicher Akt wird hier mit poetischem Witz zu einem ästhetischen Pas de deux erhoben. Und plötzlich spürt man eine warme Zuneigung zu ihnen, zu diesen effizient und zuverlässig funktionierenden Maschinen namens Körper, welche doch so einiges duldsam über sich ergehen lassen müssen. Speziell wenn Bone-Zeit ist.

Erstellt: 04.12.2017, 07:36 Uhr

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