Das Versteckspiel um diesen «Tizian» ist unnötig

Das Kunsthaus Zürich machte aus seinem ganzen «Tizian» zähneknirschend einen halben. Aber stammt das Gemälde überhaupt aus dem 16. Jahrhundert?

Das Gemälde «Abendlandschaft mit Figurenpaar», das sich seit Februar im Kunsthaus Zürich befindet. Foto: Kunsthaus Zürich

Das Gemälde «Abendlandschaft mit Figurenpaar», das sich seit Februar im Kunsthaus Zürich befindet. Foto: Kunsthaus Zürich

Christoph Heim

In rund zwei Jahren eröffnet das Kunsthaus Zürich den grossen Erweiterungsbau von Chipperfield. Mit den grossartigen Impressionisten aus der Sammlung Bührle und den Welt­klasse-Giacomettis wird es seine Stellung als eines der führenden Kunstmuseen der Schweiz ausbauen können.

Im Grunde hat es also das Haus nicht nötig, für seine im internationalen Vergleich bescheiden anmutende Altmeistersammlung zu trommeln. Dennoch entschloss sich Direktor Christoph Becker letzten Februar mit einer beispiellosen Marketingaktion, das Gemälde «Abendlandschaft mit ­Figurenpaar» als ein Werk des grossen venezianischen Meisters Tizian ­anzukündigen.

Hat der für seine anatomische Präzision berühmte Künstler je eine derart verformte Hand gemalt?

Die Freude währte nur kurz. Im Sommer konnte der «Tages-Anzeiger» aufzeigen, dass wenig für die Echtheit dieses Tizian spricht. Das Kunsthaus ging danach über die Bücher und änderte etwas zerknirscht darüber, dass man einer solchen Peinlichkeit überführt worden war, kurzerhand das Etikett neben dem Bild im Museum. Aus dem echten und einzigen Schweizer «Tizian» wurde ein «Tizian zugeschrieben». Nun liegt seit kurzem neben dem zweifelhaften Tizian im Museum auch noch ein Flugblatt auf, das auf die Zuweisungsproblematik des Gemäldes aufmerksam macht. So weit, so gut. Völlig deplatziert ­sind allerdings die Vorwürfe, die das Kunsthaus darin dem «Tages-Anzeiger» macht.

Wir haben nichts verdreht, sondern richtiggestellt, sonst hätte das Museum die falsche Etikettierung nicht geändert. Wir haben nichts verschwiegen, sondern im Gegenteil die Hintergründe, die zu diesem Bilderkauf führten, öffentlich gemacht. Nicht unseriös war die Berichterstattung, sondern ganz nahe an den Echtheitsbescheiden, die einer genaueren Prüfung nicht standhielten. Die Passage kann ersatzlos gestrichen werden.

Wie wacklig selbst die Bezeichnung «Tizian zugeschrieben» ist, zeigen übrigens Details im Bild, die nahelegen, dass das Bild nicht 1520 in Italien, sondern im 18. Jahrhundert im Norden Europas entstand. So gibt es in Tizians Werk keinen gotischen Kirchturm, der aus Pfeilern besteht, zwischen denen Licht hindurchscheint. Solche Kirchen gab es im 16. Jahrhundert in Belgien, nicht in Italien. Nie malte Tizian einen Mann in einem solchen Harnisch wie auf dem Bild, der überdies nur Sandalen trug. Und nie streift in seinem Werk ein Mann seine Schuhe auf dem Rock der Angebeteten ab.

Es kann gut sein, dass man das Etikett neben dem Bild noch einmal ändern muss.

Mehr noch: Hat der für seine anatomische Präzision berühmte Künstler je eine derart verformte Hand gemalt, die wie eine unförmige Pranke auf der Schulter der Frau ruht? Selbst der Kopfputz des Ritters wirft Fragen auf, gleicht er doch eher einem Turban als einem Renaissance-Hut, wie er sonst in Tizians Werk vorkommt.

Der Zürcher Kunsthändler und Kunsthistoriker Karim Khan, der uns jüngst auf diese Unstimmigkeiten hingewiesen hat, empfiehlt deshalb dringend eine Altersbestimmung des Gemäldes mit naturwissenschaftlichen Mitteln. Klarheit könnte eine Radiokarbon-Datierung schaffen, wie man sie an der ETH macht. Wichtig wäre auch eine Analyse des Wasserzeichens im Papier, auf das die Abendlandschaft gemalt worden war.

Es kann nämlich gut sein, dass man das Etikett neben dem Bild noch einmal ändern muss, sodass nicht einmal mehr Tizian draufsteht.

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