«Danke, das wars»

Mit einem Holzrahmen ziehen «Begegnungskünstler» durch die Stadt und betrachteten durch das Viereck fotografierende Touristen vor dem Zytglogge. Impressionen vom 18. Bone-Performancefestival in Bern.

Gar nicht gehetzt: Black Market International verstehen es, die Gleichzeitigkeit von Ereignissen zu einem bleibenden Gesamteindruck zu formen.

Gar nicht gehetzt: Black Market International verstehen es, die Gleichzeitigkeit von Ereignissen zu einem bleibenden Gesamteindruck zu formen. Bild: zvg

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«Zum Geburtstag, lieber Black Market, zum Geburtstag viel Glück», singt die Mexikanerin Elvira Torres, ist aber hinter einer Glasscheibe kaum noch zu sehen. Mit einem brennenden Stab im Mund hat sie einen Vorhang aus Russ vor sich zugezogen. Es ist nur eine Variante des nun 30-jährigen Performance-Kollektivs Black Market International, sich am diesjährigen Bone-Festival zu beglückwünschen.

Ein anderes Mitglied, der Nordire Alastair MacLennan, tut es, indem er sich bei kalten Temperaturen in der Seitengasse vom Schlachthaus-Theater einen Eimer Wasser mitsamt totem Fisch über sein Haupt giesst. Zwischen den Aufführungen zeigen die Mitglieder kurze Einzel- oder längere Gruppen-Performances. Das vernetzte Kollektiv bezeichnet seine Arbeit als «Begegnungskunst», und es prägte die jüngere Performance-Szene, die sich derzeit zwischen Progr und Schlachthaus trifft.

Alle fünf Jahre nehmen sie am Festival teil, was somit immer auf ein rundes Jubiläum fällt. Dieses Jahr ist das erste Mal ohne Norbert Klassen, den langjährigen künstlerischen Leiter des Bone. Sein Nachfolger Valerian Maly erinnert in den auf den Punkt gebrachten Zwischenansagen oft an die Verdienste des 2011 verstorbenen Black-Market-Mitbegründers. Klassen führte etwa thematische Schwerpunkte in die einzelnen Ausgaben ein. Bone 18 trägt den Untertitel «schools of...» und fokussiert auf den Ideenaustausch und die künstlerische Vernetzung. Für die täglichen Workshops im Progr wurde die alte Schulglocke wieder in Betrieb genommen und klingelt jeden Morgen, um Künstler und andere Interessierte zusammenzubringen.

Der Alltag wird ein Film

Der Berliner Jörn Burmester leitet eine der temporären Performance-Akademien und führt durch die Räume. Mit der Unterrichtsform werde natürlich gespielt, erklärt er und skizziert die bisherigen Hauptanliegen.

«Woran erkennt man überhaupt eine Performance?», fragt Burmester. Der Begriff bewege sich in einem «merkwürdigen Dreieck aus Leistung, Potenzial und Darstellung». Mit einem Holzrahmen zogen die Workshop-Teilnehmer durch die Stadt und betrachteten durch das Viereck fotografierende Touristen vor dem Zytglogge. «Man sieht auf einmal die Alltagshandlungen der Leute wie einen Film. Wenn jemand sagt, es ist eine Performance, und wenn alle es wissen, dann ist es automatisch schon eine», sagt Burmester.

Die Fragen nach den Bedingungen und Grenzen dieser Kunstform sind am Festival allgegenwärtig und letztlich nicht zu beantworten. Aber Beispiele dafür, was Performance sein kann, gibt es zahlreiche an den bestens besuchten Abenden im Schlachthaus. Zwischen den höchst unterschiedlichen Kurzvorstellungen herrscht Gedränge im Foyer und reger Austausch.

Spiel mit Grenzüberschreitung

Der Ägypter Omar Ghayatt schafft es, aus dem Publikum drei Rollen zu casten und mit diesen wenige Minuten später eine ergreifende Szene zu spielen. Wie sie ihn auf seine Anweisung hin treten, beleidigen und ins Gesicht spucken, wird spätestens mit untermalender Musik zum brisanten Spiel mit der Grenzüberschreitung. Auch hier bleibt unklar, wo die Performance anfängt – und wann sie aufhört. Zeitlich klar abgegrenzt ist das «Theatre Piece» von John Cage, welches acht Schauspieler mit je einer klobigen Uhr am Armgelenk interpretieren.

Die Norbert-Klassen-Allstar-Band, wie Valerian Maly Klassens ehemalige Schüler ankündigt, hetzt durch eine gigantische Zufallsoperation auf Grundlage von festgelegten, komponierten Elementen: den Mund voll Wäscheklammern oder Zigaretten, werden Teddybären rasiert und die Fingernägel einer Puppe vor dem Mikrofon abgeknipst. Die Performer verspeisen Dosen voll Apfelmus und eingelegter Gurken; sie sind Rivalen um die Aufmerksamkeit des Publikums, bis es schliesslich heisst: «Danke, das wars.»

Auch Black Market International verstehen es, die Gleichzeitigkeit von Ereignissen zu einem bleibenden Gesamteindruck zu formen, was sie in ihrer Ensembleperformance am Mittwoch beweisen.

Kaum miteinander rivalisierend und gar nicht gehetzt betreten die Altehrwürdigen den Raum, zwitschern einander zu und geben sich je ihren eigenen Impulsen hin. Wie ein heimlicher Beobachter lernt man die Menschen durch entgleiste Gesichtszüge und alberne Gesten kennen. Sie imitieren einander, kämmen sich die Glatze, führen dadaistische Gespräche und tanzen mit heruntergelassenen Hosen. Was zeitweise fast auseinanderdriftet, findet immer wieder einen gemeinsamen Rhythmus: eine so diverse und doch geschlossene Truppe, die sich sichtlich wohlfühlt. Der Singapurer Lee Wen tritt immer wieder aus der Gruppe und spricht zum Publikum. Auch er gratuliert auf seine Weise: «Das ist die schlimmste Performance aller Zeiten. Black Market ist tot. Die Kunst ist tot.»

Bis 6.12. www.bone-performance.com (Der Bund)

Erstellt: 05.12.2015, 11:13 Uhr

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