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Chirurgennadel und Seidenfaden

Die Abegg-Stiftung in Riggisberg feiert ihren 50. Geburtstag mit einem Blick hinter die Kulissen: Wie bewahrt man eine Textilsammlung von Weltruf für die Zukunft?

Mit einer winzig kleinen Staubsaugerdüse wird das chinesische Glimmer-Gewand von Schmutz und Staub befreit.
Mit einer winzig kleinen Staubsaugerdüse wird das chinesische Glimmer-Gewand von Schmutz und Staub befreit.
Abegg-Stiftung/Christoph von Viràg

Ein kleiner Ausschnitt des prächtig bestickten Gewebes schimmert unter der Arbeitsleuchte. Die Hand führt in präzisen, sparsamen Bewegungen eine ungewohnt gebogene Nadel. Ein haarfeiner Faden verbindet zwei Sicherungsschichten: einen Trägerstoff und eine transparente Seidencrepeline. Dazwischen wird ein Fragment einer über tausendjährigen textilen Kostbarkeit geborgen.

Die Stimmung im Atelier ist ruhig, absolute Konzentration spürbar. Eine Textilrestauratorin brauche viel Ausdauer, sagt Regula Schorta, Direktorin der Abegg-Stiftung, beim Besuch im hauseigenen Atelier. Hunderte, oft gar Tausende von Arbeitsstunden seien notwendig, bis ein Objekt ausstellungsfähig sei. Neben der Ausdauer sind Präzision vonnöten, die perfekte Beherrschung der gewählten Technik und – besonders wichtig – die Fähigkeit, die eigene Kompetenz in den Dienst der Objektsicherung zu stellen.

Fit machen für die Zukunft

Das Motto heutiger Textilrestaurierung lautet nicht etwa «aus Alt mach Neu». Auch wenn die Restauratorin durchaus in der Lage wäre, die Stickereien dieser über tausendjährigen Robe aus China perfekt zu imitieren, um Fehlstellen verschwinden zu lassen: hinzugefügt wird einzig das, was der Sicherung der Textilien dient. Um die Sicherung der textilen Schätze für die Zukunft geht es in der Sonderausstellung der Abegg-Stiftung.

Unter dem Motto «Spurensuche – Erhalten und Erforschen von Textilien» wartet die Schau mit jüngst restaurierten textilen Raritäten auf: Am Beispiel spektakulärer, über tausend Jahre alter Objekte aus Zentralasien und China wird anschaulich gemacht, welcher Untersuchungen und Arbeiten es bedarf, um eine Robe, ein paar Schuhe oder einen Wandbehang ausstellungsfähig und fit für die Zukunft zu machen. Ziel sei es, das Objekt in einen «überlebensfähigen Zustand» zu bringen, so Regula Schorta.

Die Feinde der Kostbarkeiten

Die Textilrestaurierung ist das eigentliche Herz der Abegg-Stiftung. Hand in Hand mit der Forschung sorgt sie dafür, dass die Textilsammlung – eine der weltweit bedeutendsten – auch die nächsten Jahrhunderte überdauert. Den Grundstein dazu legten Werner und Margaret Abegg vor fünfzig Jahren mit der Gründung des Museums und des Forschungs- und Konservierungsateliers für Textilien.

Licht, Schmutz und Belastung heissen die Feinde textiler Kostbarkeiten. Licht verändert die Farben und lässt sie verblassen, macht das Material spröde und lässt es altern – geradeso wie Haut, die zu viel Sonne abbekommt. Auf Staub und Schmutz finden Mikroorganismen einen Nährboden und schädigen die Gewebe. Und eine unsachgemässe Lagerung oder Präsentation der Textilien führt zu Belastungen und Spannungen.

Doch bevor dem Objekt reinigend und sichernd zu Leibe gerückt wird, steht die Forschung im Vordergrund: Welche Materialien wurden eingesetzt? Welche Techniken wurden bei der Herstellung verwendet? Wo treten Schäden auf und was sind die Ursachen? Falls keine Vergleichsstücke vorhanden sind – was bei derart alten und daher seltenen Stücken, wie sie die Ausstellung präsentiert, meist der Fall ist – muss Grundlagenforschung geleistet werden. So etwa bei den Schuhen, die ausgestellt sind. Sie wurden aus Pflanzenfasern und Seide geflochten und erinnern trotz ihrer 1500 Jahre an absolut trendige Ballerinas.

Um das Geheimnis der unbekannten Flechttechnik zu ergründen, wurden die Schuhe originalgetreu nachgeflochten. Das Verfahren aus der experimentellen Archäologie brachte zutage, dass sie mit viel Raffinesse in einem Stück gearbeitet wurden. Mit dem Wissen um die Entstehung findet die Textilrestauratorin die richtige Behandlung für jeden «Patienten», weiss Regula Schorta: «Es gibt keine Allgemeinrezepte. Jedes Stück braucht eine massgeschneiderte Behandlung.»

Faser um Faser

Ein Glanzstück der Ausstellung ist ein chinesisches Gewand, das aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammen dürfte. Ein Kurzfilm zeigt, wie die Restauratorin die prachtvoll bestickte Robe mit einer winzigen Staubsaugerdüse und einem Pinsel von Schmutz befreit – Faser um Faser. Makroaufnahmen erlauben einen detaillierten Blick auf die Motive und den einzigartigen Glanz, der von dem Gewand ausgeht: wie im Stoff eingearbeitete Leuchtkäferchen funkeln zwischen zwei transparenten Schichten eingearbeitete Glimmerplättchen um die Wette.

Bisher ist weltweit kein zweites Textil mit einem solchen Steinschmuck bekannt.

Ein Gewand, das einem Herrscher angemessen war und das für den glamourösen Auftritt des Trägers sorgte. Bisher ist weltweit kein zweites Textil mit einem solchen Steinschmuck bekannt.

Ein weiterer Kurzfilm dokumentiert die präzis ausgeführten Nähstiche, mit denen geschickte Hände ein Originalgewebe auf einem Trägerstoff sichern. Zur optimal schonenden Präsentation werden massgefertigte Figurinen gefertigt, welche die Gewänder stützen. So eröffnet sich dem Betrachter zum einen ein viel körperlicherer Eindruck des Gewandes. Zugleich ist sichergestellt, dass keinem Gewand auch nur der geringste haarfeine Faden gekrümmt wird. Nachkommende Generationen werden es den umsichtigen Restauratorinnen danken.

Bis 12. November. Täglich 14–17.30 Uhr. Führungen Mo–So. Voranmeldung empfohlen. Infos: www. abegg-stiftung.ch

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