Bilder wie Geschichten

Wenn die Bundesstadt zur Kunstmeile wird: Der Verein Berner Galerien lädt zum Augenspaziergang durch hochkarätige Ausstellungen.

Mystische Schattenspiele: «Midnight I» (2017), Hinterglasmalerei von Silvia Gertsch .

Mystische Schattenspiele: «Midnight I» (2017), Hinterglasmalerei von Silvia Gertsch . Bild: zvg

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Ein Bild ist ein Anfang. Seine Betrachtung provoziert eine Kettenreaktion, bei der neue Bilder entstehen. Bilder, die sich zu Geschichten und Möglichkeiten zusammensetzen. «Midnight I», ein neues Bild der Berner Künstlerin Silvia Gertsch, zum Beispiel. Was ist da zu sehen? Ein Regensturm in Florida? Eine Feuersbrunst in Sidney? Oder bloss eine der Fantasie entsprungene Farbsinfonie? Je mehr Betrachter man befragt, desto mehr Interpretationen und Geschichten werden möglich. Spannend ist es deshalb, zu erfahren, wie die Künstlerin selbst zu ihrem Bild kam. Und was am Anfang war. Die Inspiration für «Midnight I» liegt ein paar Jahre zurück; Gertschs Erinnerung aber ist noch wach.

Kurz vor Mitternacht, irgendwo in der Umgebung von Bergamo. Im Schritttempo tuckert ein alter Polo durchs Dunkel. Dicker Nebel drückt gegen die Autoscheiben. Wer da hineingerät, möchte so schnell wie möglich weg. Nicht so Silvia Gertsch. «Halt an!», sagt die Berner Malerin zum Fahrer und steigt aus mit der Videokamera in der Hand.

Der Chauffeur fährt zurück, bis die Lichter des Autos wie glühende Augen aus den Nebelschwaden aufscheinen; Gertsch filmt ins gespenstische Nichts und findet das Bild, das sie gesucht hat. Zu Hause, sagt sie, hüte sie einen Fundus von über 40'000 Aufnahmen, Videofilmchen, Schnappschüssen. Erinnerungen, mit denen sie sich eines Tages im Atelier auseinandersetze. «Wenn ich unterwegs bin, taste ich die Welt ständig nach Momenten ab, die in mir etwas zum Klingen bringen. Mein Gefühl sagt mir, welche Momente das Momentane überdauern.»

Frei fliegende Illusionen

Atmosphärisches, Licht-und-Schatten-Spiele, Objekte im Gegenlicht, das ist, was Gertsch interessiert. «Bevor ich einen Eindruck fixiere, ist er frei fliegende Illusion. Durch die Malerei gebe ich ihm eine Bühne, auf der er sich entfalten kann.»

Die Künstlerin (sie ist die Tochter des Schweizer Malers Franz Gertsch) liebt es, die Wirkung mit Farben zu überhöhen. Dafür hat sie ihre Technik, die Hinterglasmalerei, perfektioniert. Gertsch arbeitet mit Ölfarben aus reinen Pigmenten, ohne Lösungsmittel; Farben mit starker Körperlichkeit, sie verleihen den Bildern eine Aura, die später bis in den Ausstellungsraum hinein spürbar ist. Als Fotografie würde man ihren Schnappschüssen wohl keine Aufmerksamkeit schenken, als ausdrucksstarke Malerei jedoch entwickeln sie einen magischen Sog, der auch mal einen paradiesischen Zustand in einen Albtraum kippen lässt.

«Midnight I» ist eine von 25 neuen Arbeiten, die Gertsch im Rahmen des Galerienwochenendes in der Galerie Bischoff zeigt – es ist ihre erste Einzelausstellung seit langem. Dass die neuen Werke bloss 38 mal 52 Zentimenter messen, ist für Gertsch, die sonst grossflächig arbeitet, eine neue Erfahrung gewesen. Spannend zu entdecken, wie die Verdichtung auf das Kleinformat die Intensität ihrer Bilder verstärkt.

Beim ungezwungenen Kunstschnuppern und Augenspazieren durch Berns Ausstellungsräume begegnet man übrigens nicht nur Bildern und ihren Geschichten, sondern auch – mit etwas Glück – ihren Schöpfern. Wie Silvia Gertsch sind sie bereit, neugierige Fragen zu beantworten. Oder zu verraten, welche Geschichte tatsächlich hinter einem einzelnen Gemälde steckt.

Diverse Orte Von A wie Archivarte bis Z wie Zentrum Paul Klee: 14 Galerien, 7 Museen und weitere Kulturpartner laden zum Rundgang: Sa, 13.,/So, 14. Januar 2018, 11 bis 17 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2018, 07:10 Uhr

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