«Aussitzen geht nicht mehr»

Kann ein Bild Raubkunst sein, das ein Museum gekauft oder geerbt hat, in gutem Glauben und nach gültigem Recht? Der Gurlitt-Handel hat eine Wende angestossen – über Bern hinaus.

Wem gehört die «Madonna» von Munch? Ein solches Blatt liegt auch im Kunstmuseum Basel.

Wem gehört die «Madonna» von Munch? Ein solches Blatt liegt auch im Kunstmuseum Basel. Bild: Clark Art Institute/Google Art Project

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Vor zehn Jahren war noch alles in Ordnung. Dem Museum gehörten die Bilder rechtmässig, es habe sie zu «marktkonformen Preisen» gekauft, erklärte 2008 der Regierungsrat von Basel-Stadt. Zudem hätten die Verantwortlichen «keinerlei Hinweise» darauf gehabt, wem sie zuvor gehört hatten. Der ganze Fall sei also «sorgfältig geprüft», fand die Regierung. Und wies die Erben von Curt Glaser ab. Sie hatten die Herausgabe von Kunstwerken verlangt, die das Kunstmuseum Basel im Mai 1933 ersteigert hatte.

Es ging um über hundert Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken von Künstlern wie Rodin, Kirchner, Chagall, Kokoschka. Und Curt Glaser, ihr früherer Besitzer – er war Direktor der Staatlichen Kunstbibliothek in Berlin gewesen. Bis ihn die Nazis als jüdisch diffamierten und aus seinem Amt warfen. Glaser flüchtete ins Schweizer Exil, doch vorher liess er seinen Hausrat und grosse Teile seiner privaten Kunstsammlung versteigern. Es war jene Auktion, bei der sich die Basler eindeckten.

Mittlerweile ist nicht mehr alles in Ordnung. Am 1. November 2017 präsentierte die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens ein Dokument, und das machte klar, dass der Regierungsrat bei seiner Prüfung nicht ganz so sorgfältig gewesen war. Und das Kunstmuseum wohl auch nicht ganz so gutgläubig. Es handelte sich um das Protokoll einer Sitzung im Museum vom Juni 1933. Thema, und zwar ausdrücklich: die «Auktion Glaser in Berlin».

«Die Gelegenheit war günstig»

Die Preise seien «niedrig» gewesen, berichtete der Konservator. «Die Gelegenheit war günstig, aus der vorzüglich gewählten Sammlung einiges zu erwerben, was für uns von besonderem Interesse ist.» Auch eine Druckgrafik von Edvard Munchs berühmter «Madonna» war dabei. Für sämtliche Werke zusammen zahlten die Basler damals etwas mehr als dreitausend Franken; 25'000 wären das heute.

Auch wenn man 1933 wenig zahlte und wusste, von wem die Bilder stammten – ein Zwangsverkauf sei die Auktion wohl nicht gewesen.

Was änderte sich damit? Der Präsident der Kunstkommission des Museums erklärte es dem Fernsehen: nicht viel. Auch wenn man 1933 wenig zahlte und wusste, von wem die Bilder stammten – ein Zwangsverkauf sei die Auktion wohl nicht gewesen. War Glaser damals in einer Notlage? Und hatten die Basler sie womöglich ausgenutzt? Das war nicht erheblich. So sah es auch Peter Mosimann, der Anwalt, der das Kunstmuseum Basel 2008 vertreten hatte: Das Museum habe für seinen Besitz einen «gültigen Rechtstitel» gemäss «schweizerischem Recht». Und dann machte Mosimann auch klar, was der Fall Glaser in Basel zu tun hatte mit dem Fall Gurlitt in Bern, wo diesen Donnerstag der zweite Teil der Ausstellung zum umstrittenen Erbe eröffnet wird: Es sei, so der Anwalt der Basler, weder «angezeigt» noch «sinnfällig», das Problem jetzt so zu verstehen wie die Berner. Eben das hatte Marcel Brülhart, Vizepräsident der Stiftung des Kunstmuseums Bern, den anderen Schweizer Museen per «Rundschau» empfohlen.

Tatsächlich gehört zum Vertrag über Gurlitts Erbe eine erweiterte Definition von Raubkunst. Heikel ist demnach nicht mehr nur, was die Nazis ihren Eigentümern raubten. Sondern auch Fluchtgut, also Kunst, die die Opfer wegen ihrer Verfolgung zu Geld machen mussten. Das nennt man «verfolgungsbedingten Entzug», und der spielte bis zum 24. November 2014, als die Berner den Handel mit Deutschland unterschrieben, wohl in Deutschland und anderen Ländern eine Rolle für den Umgang mit Raubkunst. Nicht aber in der Schweiz.

Tatsächlich gehört zum Vertrag über Gurlitts Erbe eine erweiterte Definition von Raubkunst. 

Und an diesem Standard hätte sich auch nichts ändern sollen, Gurlitt zum Trotz. Das Bundesamt für Kultur hatte den Bernern damals von der Vereinbarung abgeraten. Und als sie sie trotzdem unterschrieben, betonte der Bund, das Museum habe den Entscheid für sich allein gefällt. So verteidigte auch Anwalt Mosimann die Basler im Fall Glaser: Für die übrige Schweiz gelte der Grundsatz aus dem Fall Gurlitt nicht.

Doch das war letzten November. Mittlerweile ist in Basel etwas gegangen unter dem Druck der Diskussion, die die «Rundschau» und dann vor allem die «Basler Zeitung» führten. So kam die Forderung der Erben Curt Glasers wieder auf den Tisch. Und Mitte Februar entschieden die Behörden, den Fall nochmals zu untersuchen. Gemessen am «Berner Bekenntnis» seien Gutgläubigkeit und ein marktkonformer Preis keine ausreichenden Argumente mehr, kommentierte Florian Schmidt-Gabain, der an der Uni Basel Kunstrecht unterrichtet.

Ein Kollege Schmidts hatte das schon früher kommen sehen. Auch andere Museen könnten nun unter Zugzwang geraten, erklärte der Zürcher Kunstrechtsexperte Andrea Raschèr dem «Bund» im November 2014, als die Berner ihre Vereinbarung in Sachen Gurlitt abgeschlossen hatten. «Wenn irgendein Museum heute den neuen Standard ignorieren will, dann müsste es das öffentlich begründen», so Raschèr: «Der Legitimationsbedarf hat sich erhöht.»

La Chaux-de-Fonds gibt zurück

Genau das ist mittlerweile passiert. «Aussitzen und wegsehen geht nicht mehr», sagt Andrea Raschèr heute. Das aktuellste Beispiel: La Chaux-de-Fonds. Letzten Monat hat die Stadt ein millionenschweres Ölbild des Impressionisten John Constable den Nachkommen einer von den Nazis verfolgten Familie übergeben. Nach der Enteignung war es 1943 in Nizza versteigert, 1946 in einer Genfer Galerie weiterverkauft und 1986 dem Kunstmuseum von La Chaux-de-Fonds vermacht worden. Auch hier verweigerten die Behörden die Rückgabe zunächst mit der Begründung, das Werk sei ebenso rechtsgültig und gutgläubig gekauft wie geerbt worden. Und das sollte sogar mehr wiegen als die Tatsache, dass es sich hier eingestandenermassen um Raubkunst handelt.

«Aussitzen und wegsehen geht nicht mehr»Andrea Raschèr, Kunstrechtsexperte

Wie in Basel bekam man dann aber auch in La Chaux-de-Fonds den erhöhten Druck zu spüren. Zehn Jahre nach ihrem ersten Vorstoss lancierten die Erben 2016 einen zweiten; 2017 entschloss sich die Stadt zur Rückgabe des Bilds von Constable, 2018 wurde sie vollzogen. Im Gegenzug erhielt das Museum im Einigungsverfahren seine Gutgläubigkeit ausdrücklich attestiert. Und zudem eine Entschädigung von 80'000 Franken für die Restaurierungsarbeiten am Gemälde.

Schliesslich ist der Gurlitt-Effekt auch am Bund nicht vorbeigegangen. In seinem Grusswort zum ersten Teil der Gurlitt-Schau sprach Bundesrat Berset letztes Jahr jedenfalls von einem «beispielhaften» Vorgehen der Berner in der Raubkunstfrage. Zudem engagiert sich der Bund seit 2016 finanziell, wenn Museen die Provenienz, also die Herkunft ihrer Bestände erforschen wollen. Das hatten mehrere Vorstösse im Parlament verlangt, aber der Bundesrat hatte davon wiederholt nichts wissen wollen. Nun sind bis 2020 zwei Millionen Franken für die Provenienzforschung vorgesehen.

Wer macht verbindliche Regeln?

«Es ist viel passiert seit dem 24. November 2014.» So bilanziert es auch Marcel Brülhart vom Kunstmuseum Bern. Heute kämen die Museen nicht mehr darum herum, ihren Besitz vertieft zu untersuchen. Und mit dem alten Kriterium für Raubkunst, der Konfiskation, sei es nicht mehr getan. «Fluchtgut» sei allerdings kein scharf verwendbarer Begriff, so Brülhart, und mit dem «verfolgungsbedingten Entzug» werde es schnell kompliziert: Es gehe um die ganz konkreten Motive und Umstände, unter denen ein Verkauf stattgefunden habe. Und die seien womöglich nicht mehr immer eindeutig zu eruieren.

Was bleibt zu tun? Nach dem Bund sollten sich auch Kantone und Städte als Träger oder Finanzierer der Museen stärker an der Provenienzforschung beteiligen, findet Andrea Raschèr. «Man darf die Museen nicht alleine lassen.» Andrerseits müssten diese die Resultate ihrer Forschung umgehend und fortlaufend publik machen. «Damit schaffen sie Transparenz und eine solide Basis, auf der dann das nötige Vertrauen entstehen kann.»

In Bern gibt es neue Ansprüche
auf Werke aus dem Erbe Gurlitt.

Was den Bund angeht: Für seinen Teil pocht er auf die Veröffentlichung, wo er die Provenienzforschung unterstützt. «Museen, die dafür Geld vom Bund erhalten, sind verpflichtet, ihre Ergebnisse zu publizieren», erklärt Benno Widmer von der Anlaufstelle Raubkunst im Bundesamt für Kultur. Zudem habe der Bund auch die Treffen institutionalisiert, an denen zweimal jährlich mit Museen Fragen rund um Raubkunst und Fluchtgut besprochen würden.

Andrea Raschèr würde auf «diesem klugen Weg» noch einen Schritt weiter gehen und die Forschungsgelder an die Bedingung knüpfen, dass sich die Museen an einer «Plattform» beteiligen: Hier sollte die Forschung publiziert werden. Zudem müsse die Branche «klare Regeln» entwickeln, um künftigen Ansprüchen fair begegnen zu können. Die Angebote des Bunds seien «positiv», «aber es fehlt ihnen an jener Verbindlichkeit, mit der sich die Ängste in den Museen ausräumen liessen». Schliesslich brauche die Schweiz kein Restitutionsgesetz, wie Österreich eines aufgestellt habe. Wohl aber eine Schiedsstelle wie die deutsche Limbach-Kommission, die den Konfliktparteien in strittigen Fällen Empfehlungen liefern könne.

«Schwierige Fälle»

Auch Marcel Brülhart plädiert für eine solche Schiedsstelle. Und für ein geregeltes Verfahren. Es gebe zwar einen Arbeitskreis unter den Museen, aber der mache «wenig Fortschritte». Und im eigenen Haus? «Auch wir haben schwierige Fälle, und bei denen werden auch nach aller Beforschung wohl Provenienzlücken aus der heiklen Ära der NS-Verfolgung bleiben. Aber wir wenden den neuen Massstab nicht nur beim Erbe Gurlitt an, sondern auch bei unserem ganzen übrigen Bestand an Kunst.» Wo man «problematische Werke» entdecke, so verspricht es Brülhart, da werde man aktiv auf mögliche Erben zugehen.

Was die Sammlung von Cornelius Gurlitt angeht, die den ganzen «Paradigmenwechsel» (Raschèr) angestossen hat, da gibt es diese möglichen Erben schon: Das Kunstmuseum sei mit «neuen Ansprüchen» auf Werke aus der Sammlung Gurlitt konfrontiert, sagt Brülhart. «Aber mehr kann ich im Moment dazu nicht sagen.»

Teil 2 der «Bestandesaufnahme Gurlitt» im Kunstmuseum Bern: «Der NS-Kunstraub und die Folgen», 19. April bis 15. Juli (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:52 Uhr

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