Ausgerollte Teppiche für die Kunst

Im hintersten Emmental steht ein ganzes Dorf wieder für drei Wochen im Bann von Schweizer Kunst der letzten 130 Jahre.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Es soll ja Leute geben, die kommen nur wegen der Teppiche», sagt Ruedi Trauffer und schmunzelt. Der agile Mann mit der weissen Kurzhaarfrisur und der runden Brille war während 40 Jahren Dorfschullehrer in Trubschachen und ist Leiter des Ausstellungsteams. Jetzt steht er mitten in einem Zimmer des Schulhauses Hasenlehn auf einem Gabbeh-Teppich, der in verschiedenen Grünschattierungen ein abstraktes Muster bildet.

An den Wänden hängen Bilder von Robert Zünd, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in lichtdurchfluteten Sommergemälden das schweizerische Mittelland darstellungswürdig machte: ländliche, idealisierte Idyllen, die Technik und Industrialisierung bewusst aussparen.

Zünd ist der traditionelle Ausgangspunkt der diesjährigen Ausstellung in Trubschachen, die den Titel trägt: «Mit neuen Augen sehen». Von Zünd ausgehend wird der Besucher stufenweise an die Abstraktion und an die im Dorfschulhaus ausgestellte Gegenwartskunst herangeführt: eine kleine Schule des Sehens.

Ganz genau schaue sich, so erzählt Trauffer, auch der Inhaber eines Thuner Teppichgeschäfts jeweils Fotos der Bilder an, ehe er entscheide, welches Exemplar er in welchem Raum für die Bilder ausrolle. Die Teppiche sollen allerdings – das ist eben die Kunst – nicht von den Bildern ablenken; dasselbe gilt auch für die Blumenarrangements und Sträusse, die ebenfalls Tradition haben in Trubschachen und in jedem Zimmer einen besonderen Akzent setzen. Für viele Einheimische ist die Bäuerin und Floristin Sonja Krähenbühl eine veritable Künstlerin.

Im Jahr 1964 erstmals durchgeführt, feiert die alle vier Jahre stattfindende Kunstausstellung Trubschachen heuer mit der 20. Ausgabe ein Jubiläum. Entlang der Hauptstrasse ist Festbeflaggung durchs Dorf angezeigt: Trubschachens Wappen befindet sich auf Augenhöhe mit der Berner und der Schweizer Fahne.

Die beiden Schulhäuser Dorf und Hasenlehn verwandeln sich in temporäre Museen, im Aussenraum ist – bereits seit Ende Mai – der Solothurner Bildhauer Schang Hutter mit seinen von der Verletzlichkeit des Menschen zeugenden Grossplastiken präsent, derweil er in der Aula des Hasenlehn-Schulhauses auch als Grafiker entdeckt werden kann.

Ein spannender Dialog entsteht vor dem Firmensitz der Seilerei Jakob, dem neben Kambly bekanntesten Unternehmen in Trubschachen. Ein massiver Kubus von Hutter ist da platziert, beschrieben mit Texten des Künstlers über sein Erweckungserlebnis im Nachkriegsmünchen und mit einer auf der Oberseite in eine Vertiefung eingelegten, spitznasigen Figur – daneben verströmt das schwebende Rad aus Stäben und Seilen, eine optische Visitenkarte der Firma Jakob, eine Stimmung des Aufbruchs und der Leichtigkeit.

Nach wie vor selbsttragend

Wieder sind rund 420 Freiwillige im Einsatz, die ehrenamtlich in allen möglichen Funktionen mithelfen: bei Führungen, beim Parkplatzdienst oder in der Kaffeestube. Sogar die Dorfpfarrerin nimmt in ihren Predigten Bezug auf die Kunstausstellung: Vor acht Tagen war Niki de Saint-Phalle Thema einer Betrachtung auf der Kanzel. Und erneut werden im 1500-Seelen-Dorf in den drei Wochen weit über 30'000 Besucherinnen und Besucher erwartet.

Nicht gerüttelt wird an den bescheidenen Preisen für Eintritt und Katalog, und die Organisation ist nach wie vor selbsttragend, kommt ohne Sponsoring und öffentliche Gelder aus.

«Jedes Mal ein Wagnis»

«Die Kunstausstellung ist jedes Mal ein Abenteuer und ein Wagnis», sagt Oscar Kambly. Der Trubschacher Biscuitfabrikant ist die treibende Kraft hinter der Ausstellung. Sein Vater und der damalige Dorflehrer Walter Berger hatten vor über einem halben Jahrhundert die zündende Idee. Berger war im Lehrerseminar in Bern mit Kunst und Musik in Berührung gekommen. Diese prägenden Bildungserlebnisse wollte er seinen «Trubschächelern» nicht vorenthalten. Und so brachte Walter Berger, der eng mit Cuno Amiet befreundet war, Schweizer Kunst eben ins Dorf. «Es ist ein mit Aufwand und persönlichen Opfern verbundenes Gemeinschaftswerk», betont Kambly.

So ist denn jede neue Ausstellung für Kambly ein Neubeginn im Dienste der Grundidee von Trubschachen: berühmte Kunst «mitten ins Leben zu bringen» und über den Bogen eines bestimmten Themas die Brücke von den Ikonen zur Gegenwartskunst zu bauen. Viele der gezeigten 200 Gemälde und Plastiken stammen aus Privatsammlungen und Schätzen von Stiftungen und Museen.

Im Hodler-Raum erzählt Ruedi Trauffer, dass es bei Leihanfragen auch etliche Absagen gegeben habe: «Private Sammler sind in der Regel grosszügiger mit Leihgaben als Museen, die uns Laien gegenüber vielleicht gewisse Vorbehalte haben.» Zu den Leihgebern gehören neben Privaten wie Christoph Blocher das Kunstmuseum Bern, das Kunsthaus Zürich oder Nestlé. Der Parcours durch 130 Jahre Schweizer Kunstgeschichte ist einmal mehr ein eindrückliches Seherlebnis : Unter den ausgestellten 16 Kunstschaffenden gibt es Trubschacher Habitués wie Ferdinand Hodler, Félix Vallotton und Giovanni Giacometti (mit nicht weniger als 25 Werken ist er in der Turnhalle in einer «Retrospektive» vertreten).

10 der 16 ausgestellten Künstlerinnen und Künstler erleben indes im Emmental ihre Premiere: Clara von Rappard, Peter Moilliet (dessen klassisch anmutenden Skulpturen erstmals mit den Farbexplosionen seines Vater Louis Moilliet gezeigt werden), Schang Hutter, Marly Schüpbach und Niki de Saint-Phalle (von der im Innenhof «Les footballeurs» um den Ball kämpfen). Im Dorfschulhaus stellen ebenfalls erstmals Ueli Güdel (mit seinen mystisch-märchenhaften Szenen eines vitalen Landlebens), Regine Ramseier, Pia Fries, Hans Kohler und Mirjam Helfenberger aus — von Letzterer ist als künstlerische Antwort auf Arnold Böcklin eine vierteilige «Toteninsel» ausgestellt, ein Bergsee mit beträchtlicher Sogwirkung inmitten der trichterförmigen Bergkulisse. In solche Kunst möchte man in Trubschachen eintauchen.

Bis 23. Juli, täglich von 10–21 Uhr www.ausstellung-trubschachen.ch (Der Bund)

Erstellt: 03.07.2017, 06:49 Uhr

Artikel zum Thema

Raus aus den Kunsttempeln, ab ins Emmental!

Und wieder hält die Kunst Einzug in Schulhäuser, Turnhalle und Dorf: Trubschachen ist in den kommenden Wochen das Ausflugsziel für alle, die Kunst, Güezi und schöne Landschaften schätzen. Mehr...

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Die Angst als Wegweiser

Sweet Home Die schönste Scheune steht in London

Paid Post

Bildung gegen die Macht der Maras

In den grösseren Städten El Salvadors kontrollieren Gangs, die sogenannten Maras, ganze Quartiere. Die Banden nutzen die tristen Zustände im Land, um Kinder und Jugendliche zu rekrutieren.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...