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Aus der Psychiatrie an die Biennale

Sie waren unheilbare Fälle und verbrachten Jahre in der Psychiatrischen Pflegeanstalt Rheinau. Dort schufen sie Kunstwerke, die heute in grossen Ausstellungen hängen. Nun zeigt eine Ausstellung die «verrückte »Kunst.

Viele Künstler sind ein bisschen verrückt. Und viele «Verrückte» haben eine künstlerische Ader - manche schaffen sogar ernst zu nehmende Kunst. Zum Beispiel die Insassen der Pflegeanstalt Rheinau. Dazu gehörte etwa die 1944 verstorbene Jeanne Natalie Wintsch, die inzwischen mit ihren komplexen Stickarbeiten international bekannt geworden ist. Sieben ihrer Werke werden zurzeit an der 54. Biennale in Venedig gezeigt.

Blick in den Klinikalltag

In der Ausstellung in Zürich sind einige ihrer ornamentalen Stickarbeiten zu sehen, die verschlüsselte Botschaften enthalten. Ihr betreuender Arzt Oskar Edwin Pfister nahm diese Werke ernst und protokollierte nach ihrem Diktat die Bedeutung der Zeichen. Vierzehn ihrer Arbeiten schenkte der Arzt der Psychiatrischen Klinik Rheinau.

Insgesamt umfasst die Rheinauer Sammlung mehr als 800 Werke von 23 Künstlerinnen und Künstlern. Sie sind auch für die medizinhistorische Forschung interessant, denn die Werke tragen durch ihre Verbundenheit mit dem Klinik-Alltag namhaft zur Patientenperspektive bei, wie Flurin Condrau, Direktor des Medizinhistoischen Instituts und Museums, vor den Medien sagte.

So ermöglicht etwa Hermann M. einen Blick hinter die Kulissen, wenn er die morgendliche Visite des Klinidirektors in kalligrafischen Lettern oder die kargen Menüpläne in fein gezeichneten Tabellen festhält. Von ihm stammt auch der Titel der Ausstellung: «Rosenstrumpf und dornencknie».

Pläne auf Verpackungskartons

Auch die Sehnsüchte und Wünsche der Patienten zeigen sich in ihren kreativen Arbeiten. So hat Heinrich B., der von 1913 bis 1926 in Rheinau war, tausende von Plänen auf Verpackungskartons gezeichnet und seine Erfindungen mit Patentnummer und Preis versehen. Darunter etwa ein Einmann- oder Einfrauflugzeug oder eine Brücke, die sich über den ganzen Zürichsee spannt.

Lisette H., eine Mutter von fünf Kindern, kam 1901 in die Pflegeanstalt, nachdem ein Brand in ihrer Nachbarschaft sie in Verwirrung gestürzt hatte. In Rheinau strickte, häkelte und flocht sie unermüdlich Kinderkittelchen, Damenstrümpfe und -hüte oder Handtaschen. Als Stricknadeln benutzte sie Streichhölzer, als Material dienten ihr Matratzenfüllungen aus Rosshaar oder Seegras sowie Wolle.

SDA

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