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Anstiftungen zum Regelbruch

Zeitlich begrenzt und ephemer: Zeitgenössische Performances gewinnen an Bedeutung. Das Kunstmuseum Bern zeigt mit «The Show Must Go On» vielfältige Facetten des Performativen.

Pavel Büchler: Lou Reed Live (2008)
Pavel Büchler: Lou Reed Live (2008)
Pavel Büchler
Leidy Churchman: Painting Treatments
Leidy Churchman: Painting Treatments
Leidy Churchman
Sam Taylor-Johnson: Philip Seymour Hoffman aus der Serie Crying Men (2004)
Sam Taylor-Johnson: Philip Seymour Hoffman aus der Serie Crying Men (2004)
Sam Taylor-Johnson
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Eigentlich sieht es aus wie eine Einladung, sich selber gesanglich auszutoben. Da stehen ein Verstärker und ein Mikrofon. Alles scheint bereit dafür, dass sich der Besucher hinstellen und an einer imaginären Castingshow teilnehmen kann. Aber in der Installation «Lou Reed Live» von Pavel Büchler ist ein Kurzschluss eingebaut. «Ich schaffe nur die Voraussetzungen, so wie ein unfähiger Elektriker», hat der 1952 geborene Künstler einmal seine Arbeitsweise beschrieben.

In diesem Fall wird das Mikrofon zum Lautsprecher. Wer am Mikrofon lauscht, hört Lou Reed, wie er ein Streichholz anzündet und dann ein «Hello» haucht. In einer Endlosschlaufe ist diese Begrüssung wieder und wieder zu hören. Die Anwesenheit des Sängers wird in dieser Installation evoziert – und gleichzeitig wird die vom Bühnensetting genährte Aussicht auf eine Performance zur Farce.

Inszenierte Gegenwart

Aber «The Show Must Go On», wie der Titel der von Kathleen Bühler kuratierten Ausstellung im Kunstmuseum Bern lautet. In Anlehnung an den legendären Song der britischen Popgruppe Queen wird in dieser vierten Schau (nach «Dont’ Look Now», «Merets Funken» und «Kunst heute») im Rahmen einer Reihe thematischer Sammlungspräsentationen nun der Fokus auf die überragende Bedeutung des Performativen in der Kunst gelegt.

In der Tat: Performancekunst boomt derzeit, ob an der Documenta oder an der Biennale in Venedig. Kathleen Bühler vermutet, dass «das Vorübergehende der künstlerischen Setzung in der Performance für die gegenwärtige kulturelle Lage eine überzeugende Form verkörpert». Erst die Aneignung der Medien Foto, Film und Video ermöglichte es diesem in den 1960er-Jahren in bewegten Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs entstandenen Medium flüchtiger Gesten, ein breites Spektrum an Ausdrucksformen zu gewinnen.

Auch die Malerei wurde von diesem «performative turn» beeinflusst. Die drei raumfüllenden, in der grossen Halle des Neubaus als spannungsgeladener Dreiklang gehängten Werke zeugen davon: Franz Gertschs inszenierter «Bigger Than Life»-Schnappschuss einer Gruppe Jugendlicher, John M. Armleders im Gestus des «Action Painting» wie beiläufig auf die Leinwand geworfenen Farbbahnen und Dieter Roths «Work in Progess»-Wandgemälde, das mit Kassettengeräten ins Akustische ausgreift.

Die ausgewählten Werke etwa von Kimsooja (die Südkoreanerin ist mit einer vierteiligen Videoarbeit vertreten, in der sie, der Kamera den Rücken zugewandt, in vier Metropolen im Fluss des Fussgängerverkehrs wie ein Fels in der Brandung steht), von Claes Oldenburg (seine fotografisch dokumentierte Performance «Placid Civic Monument» von 1967 im New Yorker Central Park besteht aus dem Ausheben und Zuschütten eines Grabs) oder von Silvie Zürcher (ihre Fotocollagen auf einem Paravent hinterfragen scharfsinnig Geschlechterrollen) – allesamt stammen sie aus den reichen und international ausgerichteten Beständen der eigenen Sammlungen, der Stiftung Gegenwart, der Berner Stiftung für Fotografie, Film und Video sowie aus Dauerleihgaben der Stiftung Kunsthalle Bern.

Die schillernde Mehrdeutigkeit des Performancebegriffs wird im Erdgeschoss des Anbaus klug aufgeschlüsselt. Die Performance setzt Gegenwart in Szene, bietet sie gleichsam dar und ist damit immer auch Inszenierung. In «Hotel Dolores» hat die Schweizer Künstlerin Manon monumentale Fotoarbeiten in leeren, schmucklosen Räumen eines ehemaligen Kurhotels geschaffen.

Selber ist sie nur indirekt präsent; durch die Verwendung von persönlichen Requisiten wird ein melancholisches Ringen mit der Vergänglichkeit der Dinge angedeutet. Die britische Künstlerin Sam Taylor-Johnson hinterfragt in ihrer grossartigen Serie «Crying Men» die Authentizität gespielter Emotionen – wenn sie Hollywoodstars wie den 2014 verstorbenen Philip Seymour Hoffman in Hotelzimmern zum Weinen auffordert.

Katalog fürs «digitale Museum»

Eine Neuerung betrifft den Katalog, der nicht mehr «auf Teufel komm raus als Coffee Table Book» erscheinen müsse, wie Direktorin Nina Zimmer sagt. Das kleine, handliche Bändchen gibt es für fünf Franken fast zum Selbstkostenpreis; zudem wird es ab Donnerstag auf der Homepage des Kunstmuseums auch als Download kostenlos zur Verfügung gestellt. «Wir haben beim Inhalt keine Abstriche gemacht», so Zimmer, «aber diese Form des Katalogs ist ein Schritt hin zum digitalen Museum, in dem man Wissen auch virtuell zirkulieren lassen kann.»

Spannend verspricht auch die Zusammenarbeit mit «Bone» zu werden. Im Rahmen des Anfang Dezember stattfindenen Performancefestivals werden dort auftretende Künstler im Kunstmuseum haltmachen und in improvisierten Darbietungen einzelne Werke der Ausstellung mit der eigenen künstlerischen Praxis in Verbindung bringen. The show must go on.

Selber performativ tätig werden kann der Besucher bei Doria García. Ja, er wird in diesem sozialpsychologischen Experiment aufgefordert, auf einem Sockel ausgelegte Bücher mit dem Titel «Steal This Book» zu entwenden. Das Aufsichtspersonal, so versichert die Museumsleitung, werde dazu ermutigt, bei Regelbrüchen demonstrativ wegzuschauen.

Bis 21. Januar 2018. Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 18.30 Uhr.

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