Ansetzen zum Höhenflug

Künstlerisch war die Militärzeit für Paul Klee extrem fruchtbar, wie nun eine Ausstellung im Zentrum Paul Klee zeigt.

Der Erste Weltkrieg prägte sein Werk: Das 1920 entstandene Gemälde «Friedhof» von Paul Klee. Foto: Zentrum Paul Klee

Der Erste Weltkrieg prägte sein Werk: Das 1920 entstandene Gemälde «Friedhof» von Paul Klee. Foto: Zentrum Paul Klee

«Such mich!» Auf einer an «Herrn Felix Klee» adressierten Feldpostkarte fordert der Vater den damals 9-jährigen Sohn auf, ihn auf dem Gruppenfoto ausfindig zu machen. Der Maler Paul Klee absolviert seit März 1916 seine militärische Grundausbildung im bayrischen Landshut, im Alter von 36 Jahren ist der Sohn eines Deutschen mitten im Ersten Weltkrieg eingezogen worden.

Sein Sprössling wird zu Hause in München kaum Schwierigkeiten bekundet haben, den Vater unter den rund 20 Soldaten ausfindig zu machen. Während alle anderen ernst bis grimmig in die Kamera blicken, bildet ein entspannt lächelnder Klee das Zentrum der Gruppe. Hier scheint sich einer im militärischen Umfeld wohlzufühlen, als Aussenseiter gleichsam ein geheimes Zentrum markierend. Vielleicht ahnt er schon, dass er in der Kaserne künstlerisch ungemein produktiv sein wird. So schreibt er seiner Frau Lily später einmal, wie er ein Wochenende verbracht hat: «Malte und zeichnete und wusste zum Schluss gar nicht mehr, wo ich eigentlich bin. Staunend erblickte ich unten an meinen Füssen die grausam kriegerischen Stiefel.»

Funktion: «Gebrauchsmaler»

Dabei verachtet Paul Klee das «Soldatenspiel» und hat sich bei Kriegsausbruch mit seinen beiden Malerfreunden August Macke (mit dem er 1914 die für seine Entwicklung so bedeutsame Tunesien-Reise unternahm) und Franz Marc (mit dem er der Künstlergruppe Der Blaue Reiter angehörte) über den Sinn des Waffengangs gestritten. Während Macke schlicht seine Pflicht erfüllen wollte, betrachtete Marc – wie viele andere Künstler – den Krieg als notwendige Reinigung, um den «europäischen Geist» zu heilen. Mit dem Kriegsausbruch findet die Aufbruchsstimmung ein jähes Ende, die «Internationale der Kunst» zerbricht: Macke und Marc fallen an der Westfront, Wassily Kandinsky geht zurück nach Moskau. Paul Klee bleibt in Deutschland zurück.

Noch kann der auf der Fotografie lächelnde Klee nicht wissen, dass er in den folgenden zwei Jahren vom Horror der Front verschont bleiben und als «Gebrauchsmaler» die Kennzeichnung und Tarnung von Flugzeugen erneuern wird. Manchmal muss er auch Flugzeugunfälle protokollieren. Der Wortlaut erinnert zuweilen an eine abstrakte Komposition: «Zu tief geflogen, an einer Telegrafenstange hängen geblieben, auf dem Werftdach einmal aufgehupft, überpurzelt und verkehrt liegen geblieben wie ein Trümmerhaufen.»

«Ob meine Kunst bei gelassenem Weiterleben auch so schnell emporgeschossen wäre?»Paul Klee in seinem Tagebuch

Für die technischen Aspekte der Fliegerei scheint Klee wenig empfänglich gewesen zu sein, umso mehr interessierte ihn der Gegensatz von Schweben und Abstürzen, von «Himmlischem und Teuflischem». Der Zivilist Klee hatte bereits einen beträchtlichen Weg in Richtung Abstraktion zurückgelegt (eine Ausstellung zu diesem Thema ist bis 21. Januar in der Fondation Beyeler zu sehen).

Die Mischung aus Abstraktion und Gegenständlichem bringt einen, so eine Erkenntnis des Soldaten Klee, der Wahrheit der Dinge näher. Aus den Erfahrungen der Fliegerschule entsteht später eine Serie halb abstrakter Werke mit abstürzenden Flugzeugen und Fliegervögeln. Im «Haus zum Fliegerpfeil» (1922) tauchen auch Pfeile auf, die an die zu Beginn des Kriegs aus Flugzeugen auf die feindlichen Bodentruppen abgeworfenen Fliegerpfeile aus Metall erinnern.

Als wärs ein Bühnenstück

Der Front am nächsten kommt Klee als Begleiter von Eisenbahntransporten, die Flugzeugteile ins französische Hinterland bringen. Seinen Alltag kommentiert er mit einer bisweilen fast zynisch anmutenden Distanz. Nachdem man ihm im Zeughaus Uniform und Stiefel ausgehändigt hat, notiert er im Tagebuch: «Im Quartier. Generalkostümprobe. Das Stück verspricht effektvoll zu werden.»

In der Tat: Das Stück namens «Militärdienst» ist für Klees künstlerische Entwicklung von kaum zu überschätzender Bedeutung. Nicht geisttötend und abstumpfend wirkt das Umfeld auf ihn, sondern stimulierend und dazu geeignet, Erlebtes mit abstrakten Elementen wie Linie und Farbe auszudrücken – 1917 etwa in einer Serie von Arbeiten mit «steilwinkligen Zickzackbewegungen». Diese Blitze sind beides: Ausdruck von Angst und Bedrohung, aber auch ein gestalterisches Mittel, um Energie und Dynamik zu versinnbildlichen.

Die gesellschaftliche Ausnahmesituation schärft die Wahrnehmung des Künstlers – so verändert sich etwa das Motiv des Vogels, der von einem Märchenwesen zur technischen Apparatur wird. Klee selber fragt sich: «Ob meine Kunst bei gelassenem Weiterleben auch so schnell emporgeschossen wäre?»

Während des Kriegs erlebt er dank erfolgreicher Verkäufe seiner Berliner Galerie nicht nur seinen Durchbruch, er vertieft auch sein Verständnis von Abstraktion, entdeckt neue Materialien wie das Leinen der Flugzeugtragflächen, Löschblätter, Rückseiten von Couverts. Sein Formenvokabular erweitert er mit Buchstaben, Zahlen, Pfeilen oder der Farbigkeit der Tarnflächen, die sein Werk auch nach Kriegsende prägen werden. Und die alte «Pickelhaube», die er selber tragen musste und die ihm Sinnbild der Lächerlichkeit war, hat er als Motiv später wiederholt verwendet – teils zum Schwänzchen mutiert, teils im Aquarell «Der grosse Kaiser, zum Kampf gerüstet» (1921) gar spöttisch zum Zwiebeltürmchen mit Geweihaufsatz erhöht.

Nicht nur ein Realitätsflüchtling

Die von Chefkuratorin Fabienne Eggelhöffer eingerichtete Ausstellung – sie besteht mit einer Ausnahme aus Werken aus der Sammlung – zeigt erstmals umfassend die Folgen des Ersten Weltkriegs auf Klees Schaffen. Während sich entlang der Aussenwände eine Chronologie der Ereignisse mit Fotografien, Tafeln und Zitaten entfaltet und unter Hörglocken Tagebuchauszüge gelesen werden, sind die Kabinette im Innenraum von «Kommentare zur Politik» über «Flucht vor der Realität» bis zu «Herabstürzende Pfeile» thematisch gegliedert. Nicht zuletzt relativiert die überzeugend strukturierte Schau im Untergeschoss die von Klee selber beförderte Einschätzung, er sei ein weltabgewandter Künstler gewesen. Bereits 1913/14 gibt es von ihm bildnerische Kommentare des Zeitgeschehens, so karikiert er mit einfachen Federstrichzeichnungen Typen wie den General oder den Feldherrn. Noch in seinem Todesjahr 1940 reagierte Klee auf den Kriegsausbruch und zeichnete eine «närrische Jugend», Kinder mit Pickelhauben, die vergnügt Krieg spielen.

Nach dem Waffenstillstand im November 1918 bleibt Klee noch bis Weihnachten im Militär, verbringt dann die Festtage bei der Familie in München und kehrt nicht mehr zur Truppe zurück. An seine Frau schreibt er: «Das Schicksal hat ja gesprochen, und es hat bei diesem Riesenkrach keinen Sinn mehr, einem kleinen Posten treu bleiben zu wollen.» Mittlerweile zur Kultfigur der jungen Kunst geworden, hat Klee das Weltkriegsgemetzel in künstlerischer Hinsicht als Kriegsgewinnler überstanden. Vieles hat er gefunden, er hat nun Grosses vor.

Bis 3. Juni 2018. www.zpk.org

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