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Afrikanisch wider alle Klischees

Das Kunstmuseum zeigt die Grenzen sprengende Kunst von El Anatsui. Eine Ausstellung von Format.

«Gravity and Grace», 2010, Flaschenverschlüsse aus Aluminium und Kupferdraht.
«Gravity and Grace», 2010, Flaschenverschlüsse aus Aluminium und Kupferdraht.
El Anatsui

Da hängt ein Kontinent. Ach was einer, viele. Platten in der Vertikalen, hart und brüchig zugleich, unerschütterlich und doch fragil, glänzend und in edlen Falten, als wärs Brokat, und ist doch nur nichts anderes als Blech. «Der Anfang und das Ende», «Schwere und Anmut», «Die Haut der Erde in Streifen» heissen die fliegenden Riesen an den Wänden des Kunstmuseums, eine poetische Landkarte in Fragmenten von El Anatsui.

Skulptur in Bewegung

«Triumphant Scale» ist die erste grosse europäische Einzelausstellung des 1944 in Ghana geborenen Künstlers – endlich. Seit den 1970er-Jahren lebt El Anatsui in Nigeria, wo er an der Universität

von Nsukka Skulptur unterrichtete. Zu höchster internationaler Anerkennung gelangte Anatsui spätestens 2015 mit dem Goldenen Löwen von Venedig. Seine metallenen Tapisserien sind zu einem Markenzeichen geworden, das mittlerweile zu Preisen gehandelt wird, die sich das Kunstmuseum Bern «nicht mehr leisten kann», wie Kathleen Bühler sagt.

Die Werke bestehen aus mit Draht zusammengehefteten Kronkorken oder Resten von Schraubverschlüssen in unzähligen Farben. Sie stammen von Spirituosenflaschen und werden von Anatsuis Mitarbeitern zu einzelnen Teilen zusammengefügt, bevor der Künstler selbst daraus die riesigen Flächen formt. Gefaltet und fixiert werden sie erst am Ort der Ausstellung. Anatsui will, dass die Werke in Bewegung bleiben, Skulptur interessiert ihn als offene Form, morphologisch und sozial.

Ein Grosserfolg in München

Die Ausstellung «Triumphant Scale» ist nicht in Bern entstanden. Sie kommt aus Doha und wird nach Bilbao weiterreisen, präsentiert wurde ist sie aber erstmals im Haus der Kunst München. Die Berner Variante ist abgespeckt, die raumgreifendsten Arbeiten fehlen, zum Beispiel der Fassadenvorhang, den Anatsui in München vor das Haus der Kunst gehängt hatte, oder die begehbare Installation «Logoligi Logarithm», an der ein ganzes Dorf ein Jahr lang gearbeitet hatte. Dennoch wirken einige der verbleibenden Werke zu gross für das Haus an der Hodlerstrasse, das vor dem «triumphalen Massstab» seines eigenen Vorhabens beinahe kapitulieren muss.

«Black Block», 2010, Aluminium und Kupferdraht. Foto: El Anatsui
«Black Block», 2010, Aluminium und Kupferdraht. Foto: El Anatsui

Und das ist nur gerecht. Kathleen Bühler, die Berner Kuratorin der Ausstellung, weist auf die zeitliche Nähe der Eröffnung des Hauses (1879) und der Berliner Kongokonferenz (1885) hin, auf der die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten verhandelt wurde. Zwischen den beiden Anlässen besteht kein direkter Zusammenhang, die annähernde Koinzidenz macht aber deutlich, gegen welchen Zeitgeist El Anatsuis Werke antreten. Das war in München allerdings kein bisschen leichter. Das Haus der Kunst ist ein Gigant, gebaut von Hitlers erstem Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost. El Anatsui triumphierte. Weit über 100000 Menschen sahen die Ausstellung, die erfolgreichste des Hauses in den letzten zehn Jahren.

Afrikanische Renaissance

Dass sich die Berner Ausstellung etwas zurücknehmen muss, hat umgekehrt den Vorteil, dass die älteren, räumlich weniger ausladenden Werke Anatsuis mehr Gewicht erhalten. Holzreliefs, Holzteller und Holzsäulen, versehen mit symbolischen Zeichen der westafrikanischen Adinkra-Schrift. Diese Arbeiten sind inspiriert von der Sankofa-Bewegung, die sich im Zuge der Befreiung der afrikanischen Staaten für eine Wiederbelebung ghanaischer Traditionen starkmachte.

Besonders beeindruckend in der Skulptur «Erosion», bestehend aus einem gefällten Stamm brasilianischen Holzes, das Anatsui mit unzähligen Schriftzeichen, Spuren von Kultur, versah, den Strunk dann aber mit der Motorsäge in Stücke riss: eine Metapher für die zerstörerische Gewalt des Kolonialismus.

Rätselhafter die ebenso schöne wie verwunschene Terrakotta-Serie «Broken Pots», die sich auf die Kunst und die Mythologie der nigerianischen Nok-Kultur bezieht. In der fragenden Betrachtung dieser Objekte zeigt sich, was der Kolonialismus auf der Seite der Kolonialisten angerichtet hat: Dummheit, Ignoranz, die gähnende Leere des Nichtwissens. Die Dekolonialisierung des europäischen Blicks würde eben auch bedeuten, die Geschichte Afrikas als Teil der eigenen Geschichte zu begreifen, um das doppelte Gift von Ausbeutung und Herabsetzung zu mildern. Anatsui lädt dazu ein, sich auf dem Weg in eine afrikanische Renaissance von der Kunst führen zu lassen.

Das Erbe des Starkurators

«Triumphant Scale» ist auch ein Vermächtnis des 2019 verstorbenen Okwui Enwezor, es ist die letzte von ihm gestaltete Ausstellung, er hat sie zusammen mit dem Kunstprofessor Chika Okeke-Agulu, der in Princeton unterrichtet, kuratiert. Enwezor war ein Weltstar unter den Kuratoren. Er leitete die Biennalen von Johannesburg, Sevilla und Gwangju, kuratierte 2002 die Documenta in Kassel und war 2015 künstlerischer Leiter der Biennale von Venedig, die er in seiner Ausrichtung als Kritik am Kunstmarkt verstanden wissen wollte.

Enwezor habe einer «globalen Sicht auf die Gegenwartskunst» zum Durchbruch verholfen, schrieb die «New York Times». Seit 2011 war Enwezor Direktor des Hauses der Kunst München. 2018 legte Enwezor sein Amt in München nieder, aus gesundheitlichen Gründen und weil ihm das politische und kulturelle Klima in Deutschland zusetzte.

Kein Jahr später starb Okwui Enwezor im Alter von 55 Jahren, wenige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung seines Freundes El Anatsui.

El Anatsui: «Triumphant Scale», Kunstmuseum Bern, bis 21. Juni.

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