Vier Fragen an Livio Baumgartner

Livio Baumgartner erschafft Lichtwesen, verbildlicht Assoziationsketten, experimentiert mit Sprengungen und mag Abbruchhäuser.

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Xymna Engel

Eines Ihrer Werke trägt den Titel «Die obere rechte Ecke ist schwarz!». Nun nehmen Sie an der Gruppenausstellung «Color Sensation» im Raum No teil. Wenden Sie sich von der Farbe ab oder der Farbe zu?
Der Werktitel bezieht sich auf Sigmar Polke, der in den 70er-Jahren einem seiner berühmtesten Bilder den Titel gab: «Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!». Damit parodierte er den Konstruktivismus. Meine eigenen Fotogramme entstanden ganz ähnlich. Am Anfang sahen sie oft aus wie zerknittertes Papier, in den letzten Jahren haben mich aber auch klare Linien immer mehr fasziniert. In Fotogrammen sind die Farben natürlich elementar: Je nach Belichtungszeit verändern sie sich. Es ist ein ständiges Spiel zwischen knallenden Farben, Kontrasten und der Dunkelheit.

Auch die Musik spielt eine grosse Rolle. Ihre Fotogramme, die Sie im Raum No zeigen werden, tragen die Titel von Standards der Jazzmusik.
Jazz oder improvisierte Musik basiert auf einem Freiraum, welchen man bespielen kann, so wie man sich als Künstler einem Werk oder einer Ausstellung nähert. Mir geht es in meiner Kunst um den Kopf als Raum. Er ist zwar klein, aber die Gedanken können sich unendlich ausdehnen. Ich möchte Gedankengänge verbildlichen. Die Musik kann solche Flächen und Räumlichkeiten sehr gut darstellen – für mich ist sie also eine wichtige Inspirationsquelle.

Sie sind in Bern geboren, leben aber seit einigen Jahren in Zürich. Ist Bern als Standort für junge Künstler nicht attraktiv?
Die Entscheidung, in Zürich zu leben, hat nichts mit der Kunstszene zu tun. Bern leidet unter dem Kleiner-Bruder-Syndrom. Dabei gibt es hier genauso interessante Ausstellungen und viele Freiräume. Ich mag das Familiäre. Du kannst eine Ausstellung in einem Off-Space machen und danach mit einem Galeristen in die Kunsthalle gehen. In Zürich gibt es natürlich viel mehr Galerien und einen florierenden Kunstmarkt. Man muss sich aber auch immer fragen, ob man sich überhaupt in diesem System bewegen will. Als junger Künstler ist man derzeit ja fast gezwun­gen, gerenderte 3-D-Bilder zu ­machen oder Nike-Turnschuhe als Ready-­mades auszustellen.

Sie selber haben mit Sprengungen experimentiert oder Besucher Ihre Kunstwerke mit der Taschenlampe aufspüren lassen. Daneben wirken Ihre Fotogramme in erster Linie schön. Wie gehen Sie mit dem Verhältnis von Ästhetik und Inhalt um?
Ästhetik verweist auf die Schönheit. In der Kunst wird aber vermieden, etwas als schön zu bezeichnen, da der Inhalt dabei scheinbar zu kurz kommt. Wenn man ästhetische Bilder macht wie ich, ist die Frage natürlich berechtigt, wo die Bedeu­tung bleibt. Ich war vor drei Jahren in Israel, und dort haben mich viele Leute gefragt, was wir hier in der Schweiz eigentlich für Probleme haben. Die dortigen Künstler setzen sich in ihrer Kunst in erster Linie mit dem politischen Konflikt ihrer Heimat auseinander. Da wir hier solche existenzielle Probleme nicht haben, muss man sich schon fragen, was man eigentlich mit seiner Kunst auslösen will. Ich persönlich versuche, dem Egoismus entgegenzuwirken. Er ist für mich die Keimzelle des Kapitalismus. Ich bin zwar kein politischer Kunstaktivist, möchte aber Denklandschaften aufbauen, in denen die Leute einen Ruhepol finden und vielleicht auch zu einer anderen Haltung gelangen, mit der sie durchs Leben gehen: eine Art Sensibilisierung durch die Wahrnehmung der Schönheit.

Der Bund

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