Tausend Ansichten eines Kastanienbaums

Der Zürcher Künstler Felix Studinka ging jahrelang in den Belvoirpark, um einen Baum zu zeichnen. Nun hält ein Buch seine filigranen Kohlearbeiten fest.

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Guido Kalberer@tagesanzeiger

Es gibt eine bekannte Fotoserie, die der ungarische Schriftsteller Péter Nadas von einem riesigen Wildbirnenbaum in seinem Garten in Gombosszeg gemacht hat. Unzählige Aufnahmen zu jeder Tages- und Jahreszeit zeigen denselben Baum – und doch immer wieder einen anderen. Weil er sich verfärbt, verändert, verwandelt.

Nun hat Felix Studinka, dessen Vater auch aus Ungarn stammt, dieses Verfahren radikalisiert. Er geht seit 2006 fast täglich in den Belvoirpark, um dort Bilder eines Kastanienbaums zu malen. Der Zürcher Künstler führt seinen Kohlestift übers Papier und versucht, stets mit Blick auf den Baum, auch den Prozess des Sehens festzuhalten, mit dem Effekt, dass sich die Linie des Zeichenstifts auf dem Blatt verselbstständigt. Es entstehen Zeichnungen, auf denen die Gestimmtheit des Künstlers sich unentwirrbar vermischt mit der Ansicht der Dinge: Das zeichnerische Gestalten wird so zu einer philosophischen Praxis, in der sich Erkennen als Interesse – also als Dazwischensein – offenbart.

Auf einigen Blättern ist vieles zu sehen, bloss kein Baum. In der künstlerischen Interaktion zwischen Objekt und Subjekt ist etwas Drittes, etwas Neues entstanden. Der gleiche Ursprung führte zu ganz unterschiedlichen Resultaten.

Mal bedrohlich, mal verspielt

Man kann «nie in gleicher Weise dasselbe sehen», schreibt der Komparatist Marco Baschera in einem die Bilder begleitenden Essay. Dies führt mitunter so weit, dass der Künstler nur einige wenige Kohlestriche auf dem Papier hinterlässt: eine Ahnung von Baum, wenn überhaupt. Die Ansicht des Baums auf den über tausend Blättern (im Buch «Chestnut Journal» finden sich deren 200) löst sich beinahe völlig auf – zurück bleiben einzelne Striche –, und geben sich einige Seiten später in Umrissen wieder zu erkennen. Diese sind manchmal bedrohlich, manchmal verspielt, ganz so, als handle es sich um verschiedene Aggregatzustände desselben Stoffs.

Es geht Studinka nicht um Abbildung oder Repräsentation, sondern um die Autonomie des künstlerischen Prozesses. In der Verwandlung, Überhöhung oder Verfremdung liegt die Kunst, nicht in der Unterwerfung. «Bei mir sind Tast- und Sehsinn eng miteinander verbunden», sagt Felix Studinka. Da er auch sich selbst in den Blick nehmen wolle, sei die Kontemplation wichtiger als die reine Konstatierung.

Und wieso hat sich Studinka für Kohle entschieden? Neben der Tatsache, dass der Kohlestift grösstmögliche Reduktion erlaube, sei ihm wichtig gewesen, dass sein Lehrer und Pate, der 1933 in Budapest geborene, heute in Frankreich lebende Künstler Alexandre Hollan, auch mit Kohle arbeite (von ihm stammen sogar ähnliche Bildserien mit Bäumen aus dem Languedoc-Roussillon). Womit wir wieder bei Péter Nadas wären, der Hollan in seinem letzten Band «Leni weint» einen Essay gewidmet hat.

Felix Studinka: Chestnut Journal. Mit Essays von Erich Franz und Marco Baschera. Scheidegger & Spiess, Zürich 2019. 175 S., ca. 52 Fr.

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