Superman rettet keine Schwarzen

Die Tate Modern will schwarzen Künstlern aus den USA Geltung verschaffen. «Seele der Nation: Kunst in der Ära von Black Power» kommt zum richtigen Zeitpunkt.

Verstörendes Gemetzel: Faith Ringgold, «American People Series #20: Die». Foto: © Faith Ringgold (Moma, New York, 2017, Pro Litteris), Reproduktion fotografiert von John Wronn

Verstörendes Gemetzel: Faith Ringgold, «American People Series #20: Die». Foto: © Faith Ringgold (Moma, New York, 2017, Pro Litteris), Reproduktion fotografiert von John Wronn

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Mit einem Mal ist überall vom Ku-Klux-Klan (KKK) die Rede. Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Präsident der Vereinigten Staaten weisse Rassisten in Schutz nimmt, und der KKK Donald Trump dafür Beifall zollt.

Aktueller könnte, nach Charlottesville, kaum sein, was derzeit in London zu sehen ist. Man spaziert durch die Tür einer Ausstellung an der Themse und wird unmittelbar konfrontiert mit einer Klan-Zusammenkunft. Zuallererst glaubt man nur ein wuseliges Gewirr kleiner weisser Dreiecke auf schwarzem Hintergrund vor sich zu haben. Dann schärft sich der Blick, und das Ganze formiert sich – zu weissen Kapuzen, zu brennenden Kreuzen, zum Schein von Fackeln in tiefer Nacht.

Es ist eine beängstigende Szene, dieses Bild des Malers Norman Lewis, dieser Aufmarsch im Finstern. Das Weisse ist dabei die tödliche Gefahr. «America The Beautiful» hat Lewis seine Vision mit scharfer Ironie betitelt: «Amerika, du Schöne», frei übersetzt.

Düstere Reminiszenzen

Mit diesem Gemälde beginnt der Gang durch die Schau «Seele einer Nation: Kunst in der Ära von Black Power», die Londons Tate Modern ihren Besuchern als politisch-ästhetischen Anstoss offeriert. Sie ist, dafür hat Mr. Trump gesorgt, topaktuell. Überall stösst man in den zwölf kühlen Räumen auf heisse Klan-Geschichte: auf das, was «white supremacy» zu verantworten hat.

Hier Melvon Edwards kinoleinwandgrosser «Vorhang» aus Stacheldraht und Fussketten – zur Erinnerung an Sklaverei und Einkerkerung langer Zeiten. Dort Charles Whites Bild «Mississippi», auf dem ein in Decken gewickelter Mensch, der die Augen fest geschlossen hat, von kompassartigen Richtungshinweisen umgeben ist. Nur das «S» für Süden fehlt in diesem Kompass. Wo es stehen sollte, sieht man stattdessen den blutigen Abdruck einer Hand. Der Rest bleibt der Fantasie überlassen. Im Beitext erwähnt der Künstler, dass er mütterlicherseits fünf Lynchmorde in der Familie gehabt habe.

Auch eine von Dana Chandler geschaffene Nachbildung der von Gewehrkugeln durchlöcherten, blutverschmierten Tür Fred Hamptons ist zu sehen. Hampton war ein 21-jähriger schwarzer Aktivist, den die Polizei von Chicago in seiner Wohnung meuchlings ermordete. «US approved», staatlich genehmigt, erklärt ein offizielles Abzeichen auf Chandlers Replikatür.

Das Ganze ist eine der bewegendsten Shows der Tate geworden. Es ­atmet hautnah die Spannung einer Zeit radikaler Umbrüche in den USA.

Und Betye Saars «Sambo’s Banjo»? Das ist, von aussen gesehen, das munterste Musikinstrument, das man sich vorstellen kann. Schaut man aber ins Innere, enthüllt es als Miniaturfigur einen Banjospieler, der an einem Strick baumelt. Das Banjo steht still. Sambo spielt nicht mehr.

Darin, in diesen düsteren Reminiszenzen, erschöpft sich die Tate-Ausstellung natürlich nicht. Sie geben nur den Hintergrund historischer Erfahrung ab, vor dem schwarze Künstler der 60er- und 70er-Jahre ihre eigene Produktion entwickelt haben. Was ist schwarze Kunst? Was soll sie sein? Das waren Fragen, die jene Zeit der Rebellion aufwarf.

Das Spektrum der Antworten reicht vom Ruf zur Selbstbewaffnung über Black-Panther-Karikaturen, in denen Dynamitstangen gegen Uniformierte geschleudert werden, bis zu kühner Abstraktion, Farbfeuerwerken, Heldenbildern und mysteriösen Totempfählen. Das Ganze ist eine der bewegendsten Shows der Tate geworden. Es ­atmet hautnah die Spannung einer Zeit radikaler Umbrüche in den USA.

Schwarze Gegenkultur

Den Ausgangspunkt für die Ausstellung bilden Martin Luther King und der Marsch auf Washington von 1963. Damals suchte die neu gegründete schwarze Künstlergruppe Spiral eine gemeinsame Initiative zu entwickeln – um einer durchweg weissen Kultur schwarze Erfahrung und schwarze Ideen entgegenzustellen.

Die Bemühungen um eine gemeinsame Kunstrichtung hatten zwar wenig Erfolg. Dafür waren die beteiligten Künstler in ihren Ansätzen zu verschieden. Aber Spiral stiess die Entwicklung schwarzer Kunst entscheidend an. Was folgte, waren Bilder wie Lewis’ «Amerika, du Schöne» oder Cliff Josephs «Blackboard», ein kurioses schwarzes Abc von Ashanti und Black Panther bis Malcolm X und Zulu. Faith Ringgold entwarf nach dem Attica-Gefängnisaufstand von 1971 eine Karte Amerikas, auf der Dutzende von Gewalttaten gegen Schwarze verzeichnet sind.

«Diese Karte amerikanischer Gewalt ist nicht vollständig», schrieb sie dazu. «Bitte tragen Sie ein, was Ihrer Ansicht nach fehlt.» Sodann gibt es Bilder der berühmten «Mauer des Respekts», einer Wandmalerei an einer Häuserfront in Chicago, auf der «schwarze Helden», Bürgerrechtskämpfer, Autoren, Sportler und natürlich Musiker gefeiert wurden. Miles Davis und andere haben, wo diese Mauer steht, ihr Plätzchen gefunden. Ohne ihre Musik wäre jene Ära nicht denkbar gewesen.

Andere prominente Repräsentanten der Black-Power-Bewegung – wie Angela Davis – kommen gleich mehrfach in diesen Räumen vor. In einem originellen Bild von Wadsworth Jarrell besteht Davis buchstäblich aus den Worten und Buchstaben einer ihrer Ansprachen. Die Buchstaben purzeln ihr kunterbunt aus dem Mund.

Schockierend oder humorvoll

Ein Porträt Muhammad Alis, des grossen Boxers, hat ausnahmsweise ein weisser Künstler beisteuern dürfen. Das Bild stammt von Andy Warhol, es ist dessen Sportler-Serie entnommen. Der Warhol-Beitrag erinnert daran, dass die Namen der hier vertretenen und inzwischen vielfach verstorbenen schwarzen Künstler auch Kennern der internationalen Kunstszene bisher überwiegend unbekannt waren. Ihre Arbeit ist lange Zeit unbeachtet geblieben. Sie zählten in der Kulturszene nicht «mit dazu».

In der Tate will man sie nun dem weissen Kanon einfügen und zugleich auf ihr Anliegen aufmerksam machen – um ihren Urhebern endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Was genau die «Seele einer Nation» meint, lassen die Kuratoren offen: Es könnte die geplagte Seele Amerikas sein oder die Stimmungslage der von den Panthers beschworenen «schwarzen Nation» in den USA.

Es könnte die geplagte Seele Amerikas sein oder die Stimmungslage der von den Panthers beschworenen «schwarzen Nation» in den USA.

Im Grunde sucht jedes dieser Bilder den Betrachter auf andere Weise zu berühren. Sam Gilliam zum Beispiel ist vertreten mit einem riesigen Gemälde, auf dem sich etwas wie Tränen, violette Vorhangfalten und Blutstropfen ausmachen lassen. «April 4, 1969» heisst es. Es ist gemalt worden zum ersten Jahrestag der Ermordung Martin Luther Kings.

Dagegen sucht Faith Ringgold mit der grellen, scharf konturierten Abbildung eines wahren Gemetzels zwischen weissen und schwarzen Männern und Frauen zu schockieren. Ein schwarzes und ein weisses Kind in der Bildmitte halten einander entsetzt umfangen. «Amerikaner, Serie Nr. 20: Stirb» ist diese Katastrophenszene betitelt. Den Ku-Klux-Klan oder Donald Trump braucht es da schon nicht mehr.

Aufarbeitung schwarzer Kultur

Eher humorvoll kommt Barkley Hendrick daher. Bei ihm ist Superman zum schwarzen Superman geworden: mit Sonnenbrille, verschränkten Armen und ohne Hosen, dafür in einen rot-weiss-blauen Bilderrahmen gesteckt. In seiner Erklärung zu dieser «Ikone für meinen Superman-Mann» zitiert Hendrick Bobby Seale, einen der Black-Panther-Gründer: «Wann hätte Superman je jemanden gerettet, der schwarzer Hautfarbe war?»

In London, wo die Ausstellung noch bis zu den Herbstferien zu sehen ist, hat die Tate-Initiative besonderes Interesse geweckt. Hier hat nämlich in allerjüngster Zeit eine ähnliche Aufarbeitung schwarzer Kultur und Geschichte begonnen. Bücher, Fotoausstellungen und neue Fernsehserien, aber auch die Gründung der Schwarzen Kulturellen Archive in London deuten darauf hin, dass Bedarf besteht, den man endlich decken will.

Gleich mehrere Universitäten wollen im Herbst Lehrgänge über Grossbritanniens schwarze Geschichte anbieten. Auch im Vereinigten Königreich sei diese «Story» allzu lang ignoriert worden, meinen all die, die jetzt mit dem Ausgraben beschäftigt sind.

«Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power» in der Londoner Tate Modern läuft bis 22. Oktober. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 17:44 Uhr

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