Stichworte bitte, dann sprudelts!

Harald Szeemann (1933–2005) war in den Sechzigerjahren Direktor der Kunsthalle Bern. In diesem auf einem Interview basierenden Monolog entwirft er ein scharfes Bild der damaligen Berner Szene.

Einladung zum Berner Kunsthalle-Fest 1966 (Ausschnitt). Zeichnung von Markus Raetz. Links unten Harry Szeemann.

Einladung zum Berner Kunsthalle-Fest 1966 (Ausschnitt). Zeichnung von Markus Raetz. Links unten Harry Szeemann. Bild: Pro Litteris

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Als wir 2003 ein Buch über das Café de Commerce an der Gerechtigkeitsgasse planten), baten wir unter vielen andern Harry Szeemann, mit seinen Erinnerungen dazu beizutragen. Mit seinen Berner Ausstellungen, namentlich «When Attitudes Become Form» (1969), dann als Leiter der Documenta 5 (1972) hatte Szeemann die Rolle des weltweit wirkenden Ausstellungsmachers fast im Alleingang erfunden. Doch er war und blieb auch ein lokaler Gedächtniskünstler, der das Berner Kunstmilieu mit unwahrscheinlicher Präzision memorierte. Man traf sich im Hotel Palace in Lausanne und er verblüffte uns mit einem Redeschwall, der – so scheint uns – mehr als blosses Name Droping ist. Seine Erinnerungen fügen sich zu einem amüsanten Text, der viel über Bern erzählt.

«1956 startete ich mein «Heimattheater» an der Kramgasse 6. Nach der Vorstellung ging man die Gage umgehend versaufen: erst im Commerce, dann in der Forellenstube. Damals war Dieter Roth in Bern, Iseli war noch nicht unter der Knute von Theres, Peter Althaus war befreundet mit Charlotte Zoller, einer schönen schwarzhaarigen Schauspielerin. Ionesco kam zur Premiere der «Kahlen Sängerin» und Barandun, Oberarzt der Tuberkuloseabteilung am Tiefenauspital, verheiratet mit einer prächtigen Bündnerin, sass fast täglich im Commerce. Wie auch Max Altdorfer, Sekretär für Literatur im Departement des Innern und eine Art Mäzen, der auch mir zu Berühmtheit verhelfen wollte. Ah!, und Richard Ulrich, Kassier der Kunsthalle, sowie Hans Bolliger, der vom Kunsthaus Zürich zu Kornfeld gewechselt hatte. Hat er eventuell seine Memoiren geschrieben? Man müsste seine Witwe fragen. De Rivaz, Direktor der Nationalbank, war zugleich Gründer der Wölfli-Stiftung. Elka Spoerri ist leider kürzlich gestorben. Toni Gerber gehörte zum Commerce. May Fasnacht gehörte zum Commerce. Werro kam seltener. Franz Gertsch hin und wieder, war aber noch zu arm. Rolf Weber war wichtig, lebte mit Sherry, seiner aus Surinam stammenden Frau. Sie hatten ein Kind, doch dann wurde sie des Landes verwiesen, und sie zogen nach Holland. Rüdlinger, Franz Meyer, Alder selbstverständlich; Eva Ebinger, Nizon, Vincent Carter... Und Luginbühl, Toni Grieb, Daniel Spoerri.

Ein anderer, der immer vor dem Abendessen kam, war Krünes. Interessante Figur, lebte ein wenig wie ein Obdachloser, im Winter ging er Schnee schaufeln, um etwas zu verdienen, war aber irrsinnig belesen, ich traf ihn später wieder im Sozialarchiv in Zürich. Nicht zu vergessen der Kerzenkreis – Golowin, Walter Zürcher; die gingen allerdings eher in die Webern. Es gibt natürlich auch die Schlüsselromane des Herrn Gelpke, der dann ein Sufi wurde. Die Politiker gingen eher ins Della Casa. Lebt Morgenthaler noch? Und seine Frau? Nelly Morgenthaler war selbstverständlich oft dort, mit hochrotem Kopf, stinkbesoffen. Ich weiss nicht, ob vielleicht sogar Sartre, nach dem Krieg... Es gab ja die Alliance Française. Ionesco jedenfalls kam mit uns trinken.

Oder ein Gnagi im Ringgenberg

Als ich Kunsthalle-Direktor wurde, war noch alles beisammen: Wir machten die ersten Modeschauen mit schwofenden Mannequins, zeigten Experimentalfilme, brachten das Living Theatre erstmals in die Schweiz, Anastasia Bitzos veranstaltete ihre Abende mit konkreter Poesie, Polo Hofer spielte an der Vernissage. Man mietete das Royal, wo jede Nacht ein Science-Fiction-Film gezeigt wurde. Anschliessend ins Commerce. Wenn kein Tisch frei war, ins Pyrénées, oder man ass nebenan im Ringgenberg ein Gnagi. Man war damit beschäftigt, Leben in diese Stadt zu bringen. Ging auch in die Webern oder in den Falken, vertilgte dort Käseschnitten mit Zwiebeln. Jimmy Schneider war Falken, und ich hatte mein Aussenbüro im Falken, anders als Rüdlinger, der praktisch im Commerce lebte.

Ab 1970 wohnten auch wir zwar nicht im Commerce, aber doch im Commerce-Haus. Bevor wir auszogen, machte ich dort noch die Ausstellung über meinen Grossvater. Am Tag der Eröffnung lief mein Mietvertrag aus. Genial, denn so musste ein anderer die Ausstellung hüten. Dieser andere war Toni Gerber. Eine herrliche Zeit: Katharina Sieverding, Buthe, Polke, Mario Merz, Kossuth kamen alle zur Eröffnung und anschliessend in den Kornhauskeller. Denn nach der «Attitudes»-Ausstellung fing der Commerce-Wirt an, den Zimperlichen zu spielen: Er bangte um seinen Ruf. Ich wurde ja damals wirklich von allen Zeitungen begeifert.

Kürzlich bin ich nach langer Zeit ins Commerce zurückgekehrt. Balthasar Burkhard hatte mir gesagt, es sei jetzt dort wieder gut. In den mittleren Jahren kriegte etwa noch ein Robert Müller sein blutiges Steak, und der Pomérol war okay. Vorher hatte man Rioja getrunken und bekam Kopfweh davon, dann Chianti, von dem einem speiübel wurde. Die alten Maler – Mumprecht zum Beispiel – kreuzten immer mal wieder auf. Man malt ja nicht, um Kunstgeschichte zu machen. Ueli Berger! Und Jean-Fréderic Schnyder, der aber eher selten. Der Bruder von Christian Megert, Grafiker, war hingegen oft dort. Und Gfeller-Corthésy: immer. Christian Jaquet gelegentlich. Dann die Allenbachs – das waren Klee-Sammler. Meret Oppenheim hatte bei ihnen die Dachterrasse. Zieglers waren aus der Familie Rupf, Knopfhandlung am Bärenplatz, Renée Ziegler ist die Tochter der Rupfs, und die Rupf-Stiftung ist in Bern. Dann gibts die früher sehr schöne Carolina, verheiratet mit Losinger und jetzt mit Wildbolz, Ex-Direktor von Wander, Ovomaltine. Scazziga heisst das Tessiner Geschlecht, aus dem sie stammt. Sie brachte immer weisse Trüffel aus Turin mit. War eng befreundet mit Carla de Rivaz. Einmal ging ich mit James Lee Byars auf den Golfplatz, weil Carolina gesagt hatte, sie sei dort anzutreffen. Aber Byars führte sich in dieser spiessigen Golfgesellschaft wie der Letzte auf; dort konnten wir uns nie mehr zeigen. Dazumal ging noch Madame de Meuron in Bern um. Sie besass fünfzehn Häuser in der Altstadt, und die Stadt hoffte natürlich, die eines Tages einheimsen zu können. Peter Stein traf man übrigens ab und zu – ah!, und Liselotte Pulver, die Schauspielerin! Mit der sass ich auch an einem Commerce-Tisch, zusammen mit den Surbeks. Der alte Pulver war Grafologe, Max Pulver, geborener Deutscher, der Schweizer geworden war. Und wenn es den Zwiebelkuchenabend bei Helen Marti gab, der Buchbinderin im Kunstmuseum, erschien jeweils auch Liselotte Pulver mit ihrem glockenhellen Lachen, das schon Billy Wilder entzückt hatte. Circa 1967 kam Anastasia an die Kunsthalle. Vorher hatte Frau Milo, Antiquitätengeschäft Milosevicz, diese Halbtagsstelle. Sie wurde aber ermordet. In ihrem Antiquitätengeschäft. Anastasia hielt mit der Science-Fiction-Ausstellung Einzug. Und da gabs noch einen Künstler, der in die Nähe von Worb umzog, Peter Hebeisen. Mit dem Meieli, seine Frau hiess Meieli. Auch der lungerte damals herum. Und Distel, habt ihr den schon gefragt? Lebte in der Matte. Und Heinzli Brand, damals Rathausgasse, sowie sein Bruder, jetzt in Trondheim, Norwegen. Brand machte die Fotoserien für mich, als ich «Attitudes» vorbereitete, mit der weissen Pelzjacke, die zurzeit in Luzern ausgestellt wird. We are the winners, ladies! (Die Brasserie im Palace Lausanne verloste unter ihren Gästen allabendlich eine Flasche Champagner, und unser Tisch hat gewonnen.)

Nach Beizenschluss am Guichet

Hubert Wassmer ist natürlich gestorben, wie auch sein Bruder, Ricco. Aber Françoise würde ich noch fragen, meine erste Frau, 37, Boulevard Brune, Paris 14. Nach Beizenschluss ging man immer noch an den Guichet, um ein paar Flaschen zu kaufen, die man dann bei jemandem zu Hause bis auf den letzten Tropfen austrank. Im Commerce, im Falken suchte ich jeden an, Mitglied des Vereins Kunsthalle zu werden. So hatte die Institution wieder dreissig Franken in der Kasse und ich einen Grund, auszugehen... Denn sooft ich einen gekapert hatte, musste das auch gefeiert werden. 1966 das Kunsthallefest mit dem Atelier 5, der Einladung von Markus Raetz. Und oha!, der Dichter Geissbühler! Sein Blüemli-Gedicht ist irrsinnig gut! Vielleicht hat ihm einer im Commerce einen Tritt ans Knie gegeben und gesagt:

Denk an die Natur, Geissbühler! Sowie Claus Bremer, lebt er noch? Auch Bazon Brock, der hielt ja damals in Bern seinen Dauervortrag. De Wilde. Uecker. Und die «vier Fründ»: Roth, Spoerri, Gerstner, Thomkins. Oder Otto Mühl! Mühl wurde später von der Galerie Jaeggi nach Bern eingeladen, zog seine Performance in der Brauerei Gasser ab, mit Hühnerschlachten, nackten Weibern, Nudelhölzern zwischen den Beinen.

Und Bern die Drogenstadt. Das Living Theatre hatte schon früh LSD angeschleppt. Dann gab Timothy Leary sein Gastspiel, heiratete sogar eine blonde Bernerin. Und der immer so genau zeichnete: Reini Rühlin. Und der all die Fliegen malte, der Herr Hofkunst. Und natürlich Tschumi mit der Beatrice. Wie stehts mit Sol Lewitt? Der hatte mehrere Auftritte, schon vor Gachnang und wieder mit Loock. Weiter gabs so Damen wie Judith Müller, Tochter des Expressionisten Albert Müller, Freund von Hugo Ball. Und Paolo, eine ganz farbige Figur, der einzige Maler, der jeweils am 1. Mai eine rote Fahne raushängte vor seinem Balkon visà- vis der Tramstation Zytglogge. Und Peter Saam und Tschartsch, der sich zweimal von der Brücke stürzte, das erste Mal landete er in einem Baum. Als Beitrag zur «Attitudes»-Ausstellung verbrannten sie ihre Militäreffekten. Davon gibts schöne Fotos. Wie zwei nicht ganz geglückte Nussgipfel stehen sie neben dem Feuerchen.

Und Megert war immer im Commerce. Der Goldschmied Zschaler auch. Wie, den kannst du nicht leiden? Ja, was heisst nicht leiden können. Historische Wahrheit! Und dann gabs den Grabbildhauer Jeker und seine Tochter, eine Schönheit, die an der keramischen Fachschule studierte und später einen Architekten heiratete. Namens Hostettler vielleicht? Eine andere Figur war Harloff, der zwei Meter acht grosse Holländer – Harloff, nicht Karloff –, der diese winzig kleinen Bildchen malte. Ein Wahnsinnstyp. Und Bezzola? Keine Bilder gemacht dort, wie alle Fotografen. Im Commerce hat man getrunken und geschwätzt, nicht fotografiert. Das war ja das Schöne daran.»

Der Architekt Ralph Gentner (1932) war langjähriger Partner im Atelier 5. Von ihm stammte die Initiative zum Café-de-Commerce-Buch. Markus Jakob (1954) ist Journalist und Übersetzer in Barcelona. Er schrieb den Szeemann-Monolog ins Reine (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2016, 09:00 Uhr

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