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Das Klee-Zentrum und das Kunstmuseum zeigen in einer grandiosen Schau, wie russische Avantgarde und Sozialistischer Realismus die Kunst des 20. Jahrhunderts prägten.

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Da wird zum Angriff geblasen: Rote Balken bilden eine dynamische Formation, die vor weissem Hintergrund ein schwarzes Rechteck zu bedrängen scheint; links unten befindet sich ein schwarzer Kreis, die obere Hälfte des Gemäldes nimmt ein schwarzes Quadrat ein. Noch scheinen diese statischen Kräfte unverrückbar, aber die Revolution hat sich unwiderruflich in Bewegung gesetzt.

Die «Suprematistische Komposition» von Kasimir Malewitsch (1878–1935) aus dem Jahr 1915 hängt im Zentrum Paul Klee gleich zu Beginn der Ausstellung wie eine Portalfigur rechts an einer Stellwand. Auf der linken Seite schraubt sich eine Ikone des Konstruktivismus in die Höhe, auf einer Fotografie ist das Turmmodell von Wladimir Tatlin (1885–1953) abgebildet.

Das fünf Meter hohe Modell stellte eine spiralförmig gewundene Stahlkonstruktion dar, die in der Realität 400 Meter hoch sein und Konferenzräume, Restaurants sowie Radiosender beherbergen sollte. Wie viele andere dieser Architekturvorhaben – etwa El Lissitzkys gigantische Lenin-Tribüne – wurde auch der Tatlin-Turm als Symbol für die Dynamik der Revolution und den Aufbruch in ein neues Zeitalter nie realisiert.

«Ein logisches Ende»

Die Doppelschau im Zentrum Paul Klee (Kuratoren: Michael Baumgartner und Fabienne Eggelhöfer) und im Kunstmuseum (Kuratorin: Kathleen Bühler) leistet im Jubiläumsjahr etwas Einzigartiges: In Bern werden nicht nur die Leistungen der russischen Avantgarde gewürdigt, sondern auch die Folgen von Suprematismus und Konstruktivismus im Laufe des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet.

Überzeugend wird im Zentrum Paul Klee gezeigt, wie über den Brückenkopf Berlin – wo nach der Revolution eine vitale russische Diaspora blühte – ein grosser Einfluss auf die holländische Künstlergruppe De Stijl und vor allem auch auf das Bauhaus in Deutschland ausgeübt wurde.

Damit ist auch der Link zu «Hausherr» Paul Klee gegeben, der damals als Lehrer in Dessau wirkte und die Anregungen der Konstruktivisten mit filigranen Raumkonstruktionen aufnahm. Später beschäftigten sich die Zürcher Konkreten um Max Bill, Vertreter der Minimal Art in den USA wie Frank Stella und Donald Judd sowie die künstlerische Avantgarde in Südamerika mit dem Erbe des Konstruktivismus.

Eine der eindrücklichsten Konstellationen im Zentrum Paul Klee ist Alexander Rodtschenkos 1921 erstmals ausgestelltes Triptychon, das – sechs Jahre nach Malewitschs «Schwarzem Quadrat» – drei monochrome Leinwände aufweist in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau.

«Ich habe die Malerei zu einem logischen Ende gebracht», notierte der Künstler dazu und verkündete mit fast biblischem Pathos: «Es soll keine Darstellung mehr geben.» Rodtschenkos Triptychon ist umgeben von Künstlern, die sich diesem Gebot produktiv «widersetzten» – etwa vom gebürtigen Schweizer Oliver Mosset, der mit einem im Zuge des «radical painiting» 1981 geschaffenen monochromen roten Werk vertreten ist.

Malewitschs Figuren

Im Kunstmuseum empfängt Kasimir Malewitsch als Scharnierfigur ebenfalls gleich am Ausgangspunkt der Schau den Betrachter. Mehr als zehn Jahre später, Ende der 1920er-Jahre, malt er wieder gegenständlich. Seine Motive sind Bauern, oft sind es gesichtslose, geometrische Figuren, die entwurzelt und isoliert im leeren Raum stehen.

Malewitsch schien sich auf den ersten Blick an die veränderten Zeiten anzupassen, indem er an die Tradition anknüpfte – gleichwohl kann man seine figurativen Bilder auch als neue künstlerische Sprache verstehen und zudem auch als Kritik lesen an den verheerenden Folgen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Millionen Menschen auf dem Land das Leben kostete.

Ende der 1920er-Jahre war der revolutionäre gesellschaftliche und politische Aufbruch auf dem Weg, in eine vom Staat verordnete und überwachte Kunstrichtung wie den Sozialistischen Realismus zu münden. Spätestens 1932 wurde die Partnerschaft zwischen der Revolution des neuen Sowjetstaats und der vielfältigen künstlerischen Avantgarde offiziell beendet.

Kunst sollte für die breite Masse verständlich sein und Begeisterung wecken. Die Partei war nun alleinige Auftraggeberin, die Beschönigung der Lebensverhältnisse und die Darstellung der kommunistischen Utopie gingen Hand in Hand.

Verklären und abrechnen

In monumentaler Form wurden technische Errungenschaften und ihre Helden – Bauern, Arbeiter, Parteiführer – ins Bild gesetzt. Zu den erfolgreichsten Malern des Sozialistischen Realismus wurden Alexander Samochwalow, Alexander Gerassimow und Alexander Deineka, die historische Gemälde und Genrebilder schufen, Kolchosen- und Textilarbeiterinnen, Funkerinnen oder Sportler feierten und natürlich immer wieder Stalin als Lichtgestalt in Szene setzten. Die Kunst wurde in den Dienst der Propaganda gestellt, das Resultat war oft Kitsch. Aber nicht immer.

Im Kunstmuseum lässt sich die ideologische und stilistische Weiterverarbeitung des Sozialistischen Realismus verfolgen bis in die Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion, als eine jüngere Generation mit der sowjetischen Bilderwelt abrechnete.

Ein Rundgang im Kunstmuseum ist als dichte visuelle Erzählung angelegt und zeigt den vielfältigen, mitunter auch subversiven Umgang mit den Vorgaben dieses realistischen Stils: In der DDR konnte ein Wolfgang Mattheuer die Entfremdung des Arbeiters zum Thema machen, indem er mythologische Figuren wie Sisyphos in wüstenartigen Landschaften agieren liess; in der BRD setzten sich Maler wie Jörg Immendorff mit seiner Café-Deutschland-Serie und Martin Kippenberger mit seinen Persiflagen intensiv mit dem sowjetischen Erbe auseinander.

Der Bogen ist weit gespannt: von Künstlern wie Georg Baselitz und Norbert Bisky, die sich mit ihrer eigenen Sozialisierung in der DDR beschäftigten, bis zu Ilya Kabakow, der in den vergangenen Jahren seiner sowjetischen Identität nachspürte und in Collagen persönliche Familienszenen mit Stalin-Büsten und offiziellen Repräsentationen kombinierte.

Mikhailovs Abgesang

Einen prominenten Platz nimmt Boris Mikhailov mit einigen seiner Arbeiten ein. Der russische Künstler hat in diversen Fotoserien seit den späten 1960er-Jahren das marode, faulige System dokumentiert – mit bläulich eingefärbten, kollabierenden Stadtbildern oder in Sepia-Tönen gehaltenen Aufnahmen eines von Badegästen bevölkerten Salzsees, der eine heilende Wirkung haben soll, aber eher einer Kloake gleicht.

In «Case Studies» hat Mikhailov 1997/98 kaputte und kranke Menschen fotografiert, den Bodensatz der postsowjetischen Gesellschaft. Auf den lebensgrossen Porträts spielen sie teils Passionsszenen nach und wirken wie ein höhnisch-verzweifelter Abgesang auf die Verheissungen eines neuen Menschen Jahrzehnte zuvor. Es ist ein Angriff auf den Betrachter, der sich dieser Zumutung nur zu gern rasch entziehen möchte.

Bis 9. Juli. Eröffnung: Mittwoch, 18 Uhr, im Kunstmuseum, danach per Shuttle-Bus ins Zentrum Paul Klee. Rahmenprogramm: www.lang-lebe-die-revolution.ch. (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2017, 07:08 Uhr

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