Mehr als nur ein grosser «naiver» Künstler

Der Berner Arzt Peter Somm hat die Adolf-Dietrich-Stiftung gegründet. Aus seiner Sammlung sind jetzt Werke des Thurgauer Malers im Kunstmuseum Olten zu sehen.

«Stillleben mit Kürbissen», 1929, Öl auf Karton.

«Stillleben mit Kürbissen», 1929, Öl auf Karton. Bild: Adolf-Dietrich-Stiftung

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er verbrachte sein ganzes Leben in Berlingen am Bodensee. In seinem Dorf malte der Autodidakt das, was ihm vertraut war: Nachbarskinder, Blumensträusse, Haustiere, den Blick aus seinem Stubenfenster in Nachbars Garten, auf die Dorfstrasse oder auf den See. Eine Staffelei benutzte er nie, seine Bilder malte er stets auf dem Tisch in der Wohnstube, oft bei schlechtem Licht.

Diese Bilder aber haben ihren Weg in die Welt hinaus gefunden – bis ins Museum of Modern Art in New York. Der Thurgauer Maler Adolf Dietrich (1877–1957) wurde in den 1920er-Jahren als «Schweizer Henri Rousseau» bekannt und stieg vom Kleinbauern und Gelegenheitsarbeiter zu einem anerkannten Vertreter der Neuen Sachlichkeit auf.

Vorurteile abbauen

In seiner Kindheit sei Dietrich ein häufiges Gesprächsthema in der Familie gewesen, sagt Peter Somm. Der 75-jährige gebürtige Thurgauer wohnt in Herrenschwanden und arbeitete während Jahrzehnten als Anästhesiearzt. In seiner Freizeit auch als Kunstmaler tätig, gründete er Ende des letzten Jahres die Adolf-Dietrich-Stiftung: Sie bezweckt den Erhalt der Sammlung von Werken Dietrichs, die sich im Besitz Somms befinden.

Unter anderem hat er in den vergangenen Jahren neben Arbeiten aus allen Schaffensperioden und Lithografien auch die beiden Hauptwerke «Stillleben mit Kürbissen» (1927) und «Weihnachtskaktus auf Salontisch vor blauem Hintergrund» (1937) erworben. Als Präsident der Stiftung ist es ihm ein Anliegen, dass die Bedeutung Dietrichs endlich «angemessen» gewürdigt werde: «Man kann ihn nicht weiter nur als grossen ‹naiven› Künstler abstempeln.»

Erschwerend für eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit Dietrich sei auch der Umstand, dass Dietrich mit Ausnahme einer Ausstellung 2010 in der Fondation Saner in Studen «westlich der Linie Winterthur–Zürich–Schaffhausen kaum je gezeigt worden ist».

Das Kunstmuseum Olten bietet nun Gelegenheit, Adolf Dietrichs Schaffen erstmals gemeinsam mit Positionen der Avantgarde seiner Zeit zu betrachten; unter anderem sind Albert Anker, Cuno Amiet und Otto Dix mit Werken vertreten. Die von der Museumsdirektorin und Dietrich-Spezialistin Dorothee Mesmer kuratierte Schau kann überzeugend aufzeigen, dass und wie Adolf Dietrichs Werk im Kontext der damaligen Zeit rezipiert wurde.

«Kein Aussenseiter»

Adolf Dietrichs Ölgemälde «Stillleben mit Kürbissen» hängt auch in der gegenwärtigen Ausstellung im Kunstmuseum Olten – und zwar neben einem Stillleben von Felix Vallotton. «Wenn man nicht wüsste, wer welches Bild gemalt hat», sagt Peter Somm, «könnte man die beiden Künstler glatt verwechseln. Dabei haben sich Valloton und Dietrich gar nicht gekannt.»

Auch andere aufschlussreiche Vergleiche, etwa von Sonnenuntergängen, zeigen laut Somm die hohe Qualität der Arbeiten des Autodidakten Dietrich, der ganz eigenständig und unbeirrbar seinen Weg gegangen sei: «So wird deutlich, dass Adolf Dietrich in der damaligen Kunstszene kein Aussenseiter war und wie falsch es ist, ihn einfach in die Schublade des ‹naiven Realisten› zu stecken.»

Die in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Thurgau realisierte Ausstellung wartet auch mit mehreren verschollen geglaubten Werken auf, die in den letzten Jahren wieder aufgetaucht sind.

Bis 30. August. Ende August erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess der Katalog. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2015, 09:55 Uhr

Kommentare

Blogs

Mamablog Bei einer Trennung sollten beide Eltern ausziehen

Sweet Home Die Sache mit dem Holztisch

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...