Leitartikel: Schluss mit der Kleinkrämerei

Das Kunstmuseum Bern braucht Unterstützung bei der Entscheidung, ob es Gurlitts Erbe annehmen soll oder nicht.

Das Kunstmuseum Bern sollte sich beraten lassen, wie es mit den Bildern von Gurlitt umgehen soll.

Das Kunstmuseum Bern sollte sich beraten lassen, wie es mit den Bildern von Gurlitt umgehen soll.

(Bild: Reuters)

Die Schweiz nimmt gern. Unversteuerte Vermögen, Despotengelder oder den Profit von Rohstoffen. Was die Schweiz gern nimmt, bringt der Volkswirtschaft viel. Dass irgendwann die Rechnung für diese unsauberen, lukrativen Gewinnspiele präsentiert wird, das wird Politikern und Stimmbürgern langsam bewusst.

Und nun hat Cornelius Gurlitt Bern sein Ein und Alles vermacht, eine Kunstsammlung, über deren Wert und Bedeutung noch immer nur spekuliert werden kann. Gesichert ist einzig die zweifelhafte Vorgeschichte. Gurlitts Vater geschäftete während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis. So wenig man bis jetzt über den Kunstschatz weiss, so dürftig sind auch die Informationen über die Anzahl Bilder, die unter Raubkunstverdacht stehen. Vor diesem Hintergrund ist die wenig euphorische Reaktion von Matthias Frehner auf das unverhoffte Geschenk durchaus verständlich. Der Direktor des Kunstmuseums Bern kennt sich mit Raubkunst aus, ist sowohl mit den ethischen Fragen als auch mit den Abklärungskosten vertraut. Zudem weiss er, dass sein Museum mit den aktuellen personellen und finanziellen Mitteln diese Aufgabe mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht allein bewältigen könnte. Bis heute ist Frehner und seinem Team von keiner Seite Unterstützung bei dieser schwierigen Aufgabe signalisiert worden. Im Gegenteil. Noch bevor das Ausmass des Erbes und die dazugehörigen Verpflichtungen bekannt sind, winken Politiker von rechts bis links ab, weil sie Kosten fürchten. Kein positives Zeichen kommt auch von der Eidgenossenschaft, nicht einmal die Bundesstelle für Raubkunst fühlt sich zuständig.

Bern hatte bis heute keine glückliche Hand im Umgang mit grossen Geschenken. Die Erben von Paul Klee mussten mit dem Abzug von Bildern drohen, weil sie den Eindruck hatten, dass das Kunstmuseum Bern sich zu wenig um den Nachlass kümmerte. Als dann Maurice E. Müller als Deus ex Machina über 100 Millionen Franken für ein Klee-Museum aus dem Hut zauberte, waren Freude und Verblendung auch bei den Politikern so gross, dass man sich keinerlei Gedanken über die Folgekosten des Geschenks für die öffentliche Hand machte. Für dieses Versäumnis musste dann Hansjörg Wyss büssen, der dem Kunstmuseum die Mittel für die geplante Abteilung Gegenwartskunst schenken wollte. Auf wenig charmante Art wurde ihm vonseiten der Politik und des Museums vermittelt, dass man eigentlich mehr Geld von ihm erwarte. Als der Mäzen dann auch noch bei wichtigen Entscheidungen übergangen wurde, kündigte er die Vereinbarung mit der Stadt auf. Heute hat das Kunstmuseum die Finanzierung der Abteilung Gegenwart noch immer nicht auf der Reihe, deren Eröffnung einst für 2008 in Aussicht gestellt wurde und die nun frühestens für 2017 zu erwarten ist.

Unter Beobachtung

Eine neue Dimension für Berns Kunstmuseum und Politiker ist nun das Erbe Gurlitt. Einen vergleichbaren Fall gibt es auf der ganzen Welt kaum. Es wäre also auch der Moment für Politiker, ihren Umgang mit Geschenken, Mäzenen und subventionierten Häusern zu überdenken, statt nur die Kostenleier zu kurbeln. Und echtes Interesse zu entwickeln und dem Stiftungsrat des Kunstmuseums Hand zu bieten bei seiner Entscheidungsfindung, ob er denn das heikle Erbe annehmen will.

Die Schweiz nimmt gern. In seiner gestrigen Ausgabe schreibt das «Wall Street Journal» nicht nur über den 2,5-Milliarden-Vergleich, den die Credit Suisse nächste Woche mit den amerikanischen Steuerbehörden wohl abschliessen wird, sondern auch über das Berner Kunstmuseum und das Erbe Gurlitt. Frehner und seine Leute sind sich bewusst, dass sie – wie auch immer sie sich entscheiden – unter Beobachtung stehen. Die Gefahr, dass ein alleingelassener Stiftungsrat vor der Last des Erbes und dem öffentlichen Druck kapituliert, ist gross.

Bern hätte dann seine Ruhe – aber möglicherweise eine einmalige Gelegenheit verpasst, einen gewichtigen Beitrag zu einer neuen Wahrnehmung der Schweiz in der Welt zu leisten: einer Schweiz, die gerne nimmt und dafür auch etwas leistet.

Der Bund

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