Kultur

Kultorte und andere Augenöffner

Mit einer formal sehr klassischen Fotoschau des südafrikanischen Künstlers Santu Mofokeng verabschiedet sich Philippe Pirotte nach sieben Jahren als Direktor der Kunsthalle Bern.

Eyes-wide-shut, Motouleng Cave, Clarens, Free State, 2004.

Eyes-wide-shut, Motouleng Cave, Clarens, Free State, 2004. Bild: Santu Mofokeng, Courtesy Lunetta Bartz, MAKER, Johannesburg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vorne pinkelt ein Junge gegen eine dunkle Mauer. Die Fenster im Hintergrund sehen aus, als zerschnitten Gitterstäbe das hinter ihnen brennende Licht. Ein Stück Stacheldraht blitzt im Dunkel auf. Das Schwarzweissfoto scheint ein Gefängnis zu zeigen. Doch die vergitterten Fenster auf «In der Nähe von Maponyas Discountladen» gehören zu einem Geschäft. Die Szene, die Santu Mofokeng 1985 festgehalten hat, ist harmloser, als sie scheint. «Meine Bilder laden zu Projektionen ein», sagt Mofokeng, der den Betrachter gern bei seinen Vorurteilen packt und zum Hinsehen führt.

Santu Mofokeng wurde 1956 in Johannesburg geboren. Aufgewachsen im Township Soweto, das 1976 zum Zentrum des Widerstands gegen das Apartheidsregime avancierte, begann er als Strassenfotograf. Seine Bilder wurden in Zeitungen veröffentlicht. Fotos wie das von den «Streikbrechern in Carletonville» sind beste Reportagebilder, doch Mofokeng spürte, dass ihm die Zuspitzung auf eine Aussage nicht genügte.

1986 schuf der Künstler seinen ersten Foto-Essay «Train Church». Er fotografierte Pendler, die von Soweto nach Johannesburg zur Arbeit fuhren. Oft Stunden unterwegs, waren sie auf ihrem Weg zur Arbeit auch auf einem spirituellen Pfad. Die Bilder zeigen Betende, eine ekstatische Priesterin im Pendler-Gedränge, Bibelleser, alle in ausdrucksstarkes Schwarzweiss getaucht.

Heilig-giftiges Wasser

Santu Mofokeng war mit seinen Fotografien oft in internationalen Ausstellungen vertreten. Erstmals sind seine Arbeiten nun in einer breit angelegten Retrospektive zu sehen. Die Ausstellung «Chasing Shadows», kuratiert von Corinne Diserens, vereint über 200 Werke aus 30 Schaffensjahren des Fotokünstlers. Die zuvor im Jeu de Paume in Paris gezeigte Schau, die nach Bergen, Antwerpen und Johannesburg weiterreisen wird, beschliesst Philippe Pirottes Ausstellungsreihe «The Idea of Africa (Re-Invented)». Zugleich markiert die für Pirotte ungewöhnlich klassische Fotoausstellung das Ende seiner siebenjährigen Tätigkeit als Direktor der Kunsthalle Bern.

In der Kunsthalle Bern war Mofokeng bereits im vergangenen Jahr zu sehen, im Rahmen der Ausstellung «Animism», die eine naturwissenschaftlich-rationalistische Weltsicht hinterfragte. Vielfach hat Mofokeng sich in seiner Arbeit mit Ritualen und bedeutungsbeladenen Orten beschäftigt. Im titelgebendem Foto-Essay «Chasing Shadows» dokumentiert er Riten und Kultorte des «Zionist Apostolic Faith», der christliche und schamanistische Komponenten verbindet. Durch Langzeitbelichtungen, die die Akteure geisterhaft verwischt erscheinen lassen, nähert Mofokeng sich dem Erleben der Gläubigen. Der Fotograf selbst bewahrt indes eine kluge Distanz zu den übersinnlichen Phänomenen. Seine jüngste Serie «Radiant Landscapes» zeigt durch Giftabfälle verseuchte Landschaften. Dabei greift Mofokeng ausnahmsweise auch zum Farbfilm. In kräftigem Rot schillert das von Chemikalien verseuchte Wasser, das er am Klip River in Soweto aufgenommen hat. Auf einem Bild, das ein Reinigungsritual am Klip River zeigt, ist das Wasser zwar klar, doch die Steine, auf denen die Menschen sitzen, weisen rote Spuren auf. «Religion spielt eine dubiose Rolle in Südafrika», sagt Mofokeng dazu.

Spuren der Geschichte

Ob auch die Spuren vergangener Gewalttaten in Landschaften sichtbar bleiben, diese Frage stellt die Serie «Trauma Landscapes», für die Mofokeng weltweit historisch belastete Orte wie Auschwitz oder Hiroshima fotografiert hat. Befremdend harmlos wirkt eine im Format etwas kleinere Aufnahme aus dem Memorial Park in Hiroshima, die das Bild eines modernen, aufgeräumten, ja, heiteren Platzes bietet. «Wir haben ein kollektives Gedächtnis», sagt Mofokeng, «doch der Schrecken eines Ortes ist nur lebendig, wenn wir seine Geschichte kennen.»

Eine intelligente Begleitung zu Mofokengs fotografischen Arbeiten bietet der belgische Künstler Sven Augustijnen mit seinem Film «Spectres», der nach der Möglichkeit historischer Wahrheit fragt. «Spectres» untersucht den Mord an Patrice Lumumba, der von Juni bis September 1960 erster Ministerpräsident der unabhängigen Republik Kongo war. Der Sozialist Lumumba, der die ertragreichen Bergbaubetriebe verstaatlichen wollte, war den ehemaligen belgischen Kolonialherren und den USA unbequem. Washington drängte Kongos Staatspräsidenten Joseph Kasavubu, Ministerpräsident Lumumba aus dem Amt zu entlassen. Wer letztlich hinter Lumumbas Ermordung im Januar 1961 stand, ist bis heute unklar.

Der 1970 geborene Augustijnen wählt einen eigenwilligen Weg, um dem Rätsel nachzuspüren. Nicht er recherchiert in «Spectres», sondern Jacque Brassinne de la Buissière, der als Regierungsmitglied mit am Tisch sass, als die Unabhängigkeit Kongos 1960 beschlossen wurde. Als ehemals hochrangiges Kabinettsmitglied verfügt der 80-jährige Brassinne über Zugang zu exklusiven Informationen. Offen bleibt, ob er das Rätsel um Lumumbas Tod wirklich auflösen oder unter dem Vorwand der Recherche für das belgische Establishment peinliche Spuren verwischen möchte.

Die Ausstellung wird am Freitag um 18 Uhr eröffnet und dauert bis 27. 11. (Der Bund)

Erstellt: 07.10.2011, 16:08 Uhr

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Kleine weisse Wunder

Mamablog Soll man schreckliche Kinderwünsche erfüllen?

Die Welt in Bildern

Grenze der Hoffnung: Bauunternehmer verstärken die Mauer in San Diego, USA, weil in den vergangenen Wochen zahlreiche Migranten illegal den Zaun in Tijana, Mexiko überquert haben. (10. Dezember 2018)
(Bild: Rebecca Blackwell) Mehr...