Höchst produktive Vernunftehe

Er und Klee, das war keine Liebe auf den ersten Blick. Michael Baumgartner, der abgetretene Chefkurator des Zentrums Paul Klee, hat im Laufe der Jahre aber mit wachsender Faszination den Kosmos des Künstlers erforscht.

Der Kunsthistoriker und der Mann seines Lebens: Michael Baumgartner und Paul Klee.

Der Kunsthistoriker und der Mann seines Lebens: Michael Baumgartner und Paul Klee. Bild: Adrian Moser

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«Aus heiterem Himmel, bar jeder Logik und ohne konkretes Berufsziel vor Augen habe ich im Alter von 34 Jahren in Bern mit dem Studium der Kunstgeschichte angefangen.» Michael Baumgartner spricht diese Worte in der Cafeteria des Zentrums Paul Klee in seiner ruhigen, unaufgeregten Art ganz gelassen aus. Vorher hatte er das Sekundarlehramt absolviert, später nach einer Reise durch Afrika eine «Kurzbleiche in Tropenagronomie» und ein Landwirtschaftspraktikum gemacht.

«Ich war relativ lange auf der Suche», sagt Baumgartner, «am Ende kam ich darauf, dass mich mehr der kulturgeschichtliche Kontext interessiert als das Agronomische.» Er schrieb eine Zeit lang als freier Journalist über kulturhistorische Themen, etwa über Raben oder Leuchtkäfer. Der landwirtschaftliche Hintergrund («Mein Grossvater war noch Bauer, meine Grossmutter Elisabeth Baumgartner eine bekannte Emmentaler Schriftstellerin») war ihm später im Zentrum Paul Klee durchaus von Nutzen, als man begann, die 2,5 Hektaren Ackerfläche in einem «Fruchtland»-Projekt mit dem Anbau von Mais und Sonnenblumen nachhaltig zu bewirtschaften. «Da konnte ich dann schon etwas dazu sagen», bemerkt er lakonisch.

Es ist ein regnerischer Augusttag, der dem Klee-Zentrum viele Besucher beschert. Vor mehr als dreissig Jahren, als Baumgartner an der Universität Bern mit dem Studium begann, sei auch das erste Kind unterwegs gewesen; Bekannte hätten ihn mitunter mit besorgter Miene gefragt, ob er sich seiner Verantwortung überhaupt bewusst sei. Klee habe ihn damals gar nicht interessiert, sagt Baumgartner, «als Jugendlicher war das für mich Schulhauskunst». Verantwortung hat Baumgartner dann bald übernommen; in der Paul-Klee-Stiftung wurde er von seinem damaligen Chef – dem heutigen Direktor des Basler Kunstmuseums, Josef Helfenstein – gefördert und im Expertisenwesen eingesetzt.

Von einer leidenschaftlich aufflammenden und dann beständig lodernden Liebe zu Paul Klee kann indes nicht die Rede sein; eher muss man von einer Vernunftehe sprechen, in der das Gegenüber mit einer allmählich wachsenden Zuneigung erforscht wurde. Als er seine Abschlussarbeit über den Schweizer Maler und Dichter André Thomkins schrieb, realisierte Baumgartner, wie wichtig Klee für die Kunst des 20. Jahrhunderts ist: «Von Klee aus öffnen sich historisch viele Wege», sagt Baumgartner, «er war eine Schlüsselfigur mit einer einmaligen künstlerischen Entwicklung und einer ungeheuren Produktivität, extrem selbstbewusst und gleichzeitig bescheiden.»

Lange Liste von Verdiensten

Bescheidenheit ist auch eine Eigenschaft, die man mit Michael Baumgartner verbindet. Es ist allerdings eine Bescheidenheit gepaart ist mit sanfter Beharrlichkeit und einer Begeisterungsfähigkeit, die sich nicht im grossen Auftritt ausdrückt. Kürzlich ist er 65 Jahre alt geworden und als Chefkurator und Direktor Sammlung, Ausstellungen und Forschung in Pension gegangen. Seine Stelle wurde international ausgeschrieben, das Rennen machte Fabienne Eggelhöfer aus dem eigenen Haus. Verabschiedet wurde Baumgartner intern mit einer «schönen Feier», wie er sagt, «es war ein guter Kreis von Leuten mit feinem Essen». «Doch, doch», sagt er auf Nachfrage, er sei gebührend gewürdigt worden. Und an dieser Feier gab es etliche Verdienste zu erwähnen: Baumgartner war als Vertreter der Paul-Klee- Stiftung von 2001–2005 Mitglied der Projektgruppe zur Konzeption des Zentrums Paul Klee; er war für den Umzug der gut 4000 Klee-Werke vom Kunstmuseum ins Zentrum Paul Klee verantwortlich – und er hat in den vergangenen Jahren grosse, international ausstrahlende Ausstellungen in Kooperation mit Museen von Weltruf wie dem Moma, dem Centre Pompidou oder dem Lenbachhaus kuratiert, von «Franz Marc – Paul Klee» (2008) über «Die Tunisreise» (2104) und «Klee & Kandinsky» (2015) bis zu «Paul Klee und die Surrealisten» im letzten Jahr.

Baumgartner betrachtet in der Cafeteria die Besucherströme und sagt: «Eigentlich konnte ich mir vor zwölf Jahren, als das Klee-Zentrum eröffnet wurde, kaum vorstellen, das es so gut herauskommt.» Anfangs sei er von Kollegen fast bedauert oder belächelt worden, wenn er gesagt habe, er arbeite im Zentrum Paul Klee: «Die Berner Architekten kritisierten den Bau von Renzo Piano heftig und das Kulturestablishment zeigte wenig Goodwill.»

«Man nimmt uns heute ernst»

Selber habe er auch gewisse Zweifel verspürt, räumt Baumgartner ein. Ob dieses monografische Zentrum in seiner von Maurice E. Müller visionär gedachten Dimension nicht zu gross sei, ob das Interesse dafür nicht masslos überschätzt werde. Heute kann er sagen: «Es ist uns gelungen, das Haus zu profilieren. Wir sind mittlerweile ein ernst zu nehmender, international anerkannter Partner.» Mit der jetzigen Direktorin Nina Zimmer einig, dass ausgehend von Klee auch die Klassische Moderne einbezogen und immer wieder versucht werden muss, in Ausstellungen zeitgenössische Bezüge herzustellen. Das von der Politik verordnete Zusammengehen von Zentrum Paul Klee und Kunstmuseum sieht er pragmatisch: «Diese institutionelle Verbindung war angezeigt. Es bleiben zwei eigene Marken, und bei der Schaffung von Synergien überwiegen die Vorteile.»

Der Anstoss zur letzten Ausstellung, an der Baumgartner beteiligt war, ging ursprünglich von Kuratorin Kathleen Bühler im Kunstmuseum aus: «Bei der Ausstellung zum Jubiläum der Russischen Revolution merkten wir erstmals, was für ein Potenzial die Zusammenarbeit birgt. Beide Häuser konnten ihre Kompetenzen und Netzwerke einbringen.»

Er entlarvt die Fälscher

Neben seiner Funktion als Kurator und Sammlungsleiter war Baumgartner auch verantwortlich für die Echtheitsabklärung von Klee-Werken. Wer wissen will, ob sein Klee-Bild echt ist, der muss sich um ein Zertifikat des Berner Kompetenzzentrums bemühen. Künftig wird er seine grossen Erfahrungen als Berater zur Verfügung stellen. «Es zirkulieren viele Fälschungen von Klee, aber zum grössten Teil sind sie plump und leicht identifizierbar», sagt er. Es gibt aber auch raffinierte Fälscher, die etwa das Original vom Materialträger lösten und das von Klee signierte Werk in den Verkauf brachten. «Das ist ziemlich verzwickt», sagt Baumgartner. «Die Fälscher haben dann zum Beispiel auf den Karton mit Klees Handschrift eine Fälschung geklebt.» Einmal besuchte er sowohl die Besitzerin einer Fälschung als auch den Besitzer des abgelösten Blattes. «Die Situation war eindeutig, die Leimpunkte und die Abmessungen passten genau.» Aber die Dame habe den Vorschlag, Werk und Materialträger wieder zusammenzuführen, vehement abgelehnt. «Die Fälschung hängt wohl noch heute in ihrer Wohnung.»

Bei Echtheitsabklärungen müsse man sich auch davor hüten, ein Werk voreilig als Fälschung abzutun. In einem Fall sprach viel gegen ein Bild, das für Klees Verhältnisse ausgesprochen rau war in der Ausführung. «Wir haben dann mit der Einwilligung des Besitzers Materialproben genommen und festgestellt, dass es zu einer Serie von Arbeiten gehört, die wir in der Sammlung haben.»

Ganz von der Bildfläche im Zentrum Paul Klee verschwindet Michael Baumgartner indes nicht: In einem 30-Prozent-Pensum betreut er künftig den Catalogue raisonné; das rund 9500 Arbeiten umfassende Werkverzeichnis Klees soll als Forschungsplattform online zugänglich gemacht werden. Insbesondere im Bereich der Provenienzforschung und bei der Analyse der Werkprozesse bestehe Nachholbedarf, sagt Baumgartner. «Wir wollen nicht einfach einen Werkkatalog auf höchstem Niveau vorlegen, sondern auch Forscher, Sammler und Händler sowie kunsttechnologische Erkenntnisse präsentieren.»

Eine von Klee ausgehende Ausstellung stünde Bern als sich profilierendem Zentrum für Provenienzforschung gut an, meint Baumgartner. Die kuratorische Herausforderung würde ihn reizen: Die wissenschaftlich-historische und die künstlerische Seite des Themas mit Fokus auf Klee miteinander zu verbinden. «Ich bin offen», sagt er, «ausgebrannt fühle ich mich nicht.» Die beständig gewachsene Leidenschaft, sie brennt weiter. (Der Bund)

Erstellt: 19.08.2017, 08:24 Uhr

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