«Hier habe ich mein Netzwerk»

Erfolgreich und smart: Der 40-jährige Galerist Bernhard Bischoff ist seit einigen Tagen auch Partner im Auktionshaus Kornfeld. Ein Gespräch über Pläne, die Bedeutung des Respekts und den Kunststandort Bern.

«Ich war ein Schnäppchenjäger und habe auch viel Chabis gekauft»: Bernhard Bischoff in seiner Galerie im Progr Bern.

«Ich war ein Schnäppchenjäger und habe auch viel Chabis gekauft»: Bernhard Bischoff in seiner Galerie im Progr Bern.

(Bild: Valérie Chételat)

Hätten Sie sich Anfang Jahr in Ihren kühnsten Träumen vorstellen können, dass Sie im Dezember Teilhaber in der Galerie Kornfeld sind? Natürlich nicht. Ich betreibe meine Galerie nun schon seit 12 Jahren. Sie läuft gut, aber manchmal werden gerne die Anfänge vergessen. Zu Beginn habe ich häufig auf Noppenpapier in der Galerie übernachtet und «hartes Brot» gegessen. Man hat ja immer die Vorstellung, im Kunsthandel sei viel Geld vorhanden. Dass man am Anfang oft unten durch muss, wird gern ausgeblendet.

Aber mittlerweile sind Sie sehr erfolgreich. In den letzten Jahren hat sich meine Galerie erfreulich entwickelt, das stimmt. Und so sass ich also im Frühling in meiner Galerie und stellte mir ein paar Fragen zu meiner Arbeit. Ich bin ja 40 geworden dieses Jahr.

Hatten Sie eine Krise? Nein, überhaupt nicht. Der Job machte mir so viel Freude wie noch nie, aber trotzdem fragte ich mich, ob ich die nächsten 25 Jahre so weiter machen möchte. Neben der Galeriearbeit hatte ich auch viele freie Projekte, die ein wenig zu meinem «Hobby» geworden sind, bei denen ich aber häufig selber auch draufzahlen musste.

Alles läuft bestens. Warum also diese neue Weichenstellung? Genau in dem Moment, als ich feststellte, dass ich eigentlich ganz zufrieden bin, ist die Anfrage von Kornfeld gekommen. Ich kenne die Galerie Kornfeld recht gut und bin mit der Familie befreundet. Mit Marlies Kornfeld, der Ex-Frau von Eberhard Kornfeld, habe ich während fünf Jahren meine Galerie geführt, auch eine ihrer Töchter arbeitete bei mir mit, und mit Eberhard Kornfeld bin ich seit fast 15 Jahren bekannt. Vor ihm habe ich grossen Respekt, weil er eine der wenigen Persönlichkeiten ist, die auf ihrem Gebiet wirklich Ausserordentliches geleistet haben.

Was war Ihre erste Reaktion auf das Angebot, im Sinne einer «Berner Lösung» als designierter Nachfolger bei Kornfeld einzusteigen? Meine erste Reaktion war: Das kann ich nicht. Doch je länger ich den Floh, den man mir ins Ohr gesetzt hatte, spürte, desto mehr beschäftigte mich diese Zukunftsperspektive. Über die Kunst der Gegenwart haben Eberhard Kornfeld und ich uns dann gefunden. So wie er Tische von Diego Giacometti besitzt, habe ich einen Esstisch von Reto Leibundgut. Ich will damit sagen: Auch Eberhard Kornfeld setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv mit Gegenwartskunst auseinander. Und in diesem Sinne machte ich bisher «fast» das Gleiche, wobei ich meine Künstler natürlich nicht auf eine Stufe wie Giacometti stellen will. Und daneben gibt es die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, und diese hat mich in meiner Arbeit im Handel in den letzten Jahren auch immer mehr beschäftigt.

Sie sind also bei Kornfeld der richtige Mann am richtigen Ort? Diese Frage kann ich noch nicht beantworten, das wird sich weisen. Die Galerie wird ja nicht nur von Eberhard Kornfeld geführt, da ist ein wunderbares, eingespieltes Team.

Ihr Einstieg bei Kornfeld wurde von der Geschichte um den Kunsthändler Cornelius Gurlitt überschattet, in dessen Sammlung sich möglicherweise Raubkunst aus der NS-Zeit befindet. Auch Eberhard Kornfeld unterhielt ja Geschäftsbeziehungen mit dem Münchner Kunsthändler. Die ganze Raubkunstfrage ist ein heikles Thema, da wird sehr viel, aber wenig Fundiertes geschrieben. Die Fakten sind ja klar: Raubkunst ist gestohlen worden und die muss zurückgegeben werden, und da müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die Besitzer auch zu finden. Komplizierter wird es bei der Fluchtkunst, hier stellt sich die Frage, wer unter welchen Umständen gezwungen war, seine Kunst zu verkaufen. Die Frage der Herkunft ist für uns Händler enorm wichtig, nicht nur bei Raubkunst, sogenannter «entarteter Kunst» oder Fluchtkunst. Werke, bei denen man eine lückenlose Provenienz garantieren kann, erzielen meist auch höhere Preise im Markt.

Werden potenzielle Käufer abgeschreckt, wenn der Stammbaum eines Bildes nicht lückenlos ist? Nicht abgeschreckt, aber es ist eben so: Je mehr man weiss über ein Werk, desto interessanter ist es. Und da haben wir Händler von heute einen Vorteil, weil wir auf Register wie etwa das «Art Loss» zurückgreifen können. So etwas gab es in den 50er- und 60er-Jahren noch nicht. Früher kam es stark drauf an, ob man eine Person, die ein Werk verkaufen wollte, kannte oder nicht – und auf eine jahrelange Erfahrung.

Mit Ihrer Galerie und dem Einstieg ins Auktionshaus Kornfeld fahren Sie künftig zweigleisig. Ist das auf Dauer nicht problematisch? Die Galerie will ich nicht aufgeben, sie ist ja mein Baby; und einen grossen Teil der Künstler betreue ich ja schon über Jahre. Denen will ich treu bleiben.

Galerien haben ja ein sehr schlechtes Image . . . . . . wir sind oft als die Bösen verschrien, die den Kunstschaffenden nur Geld abluchsen. In manchen Fällen stimmt das auch. Ich habe da als Vizepräsident des Verbands Schweizer Galerien schon einen gewissen Überblick. Wir haben insgesamt über 1700 Galerien; davon aber nur knapp 60 in unserem Berufsverband. Wir haben hohe Qualitäts- und Aufnahmekriterien. Dass es unter allen anderen einige schwarze Schafe gibt, die auch Künstler ausnützen, ist leider Tatsache. So müssen manchmal Künstler zahlen, damit sie überhaupt ausstellen dürfen.

Wie viel bekommen denn Ihre Künstler? Wir machen normalerweise «halbe-halbe», wobei die Mehrwertsteuer von uns übernommen wird; aber eben, eine «richtige» Galerie bietet auch etwas für das Geld. Aber es ist ein Geschäft, wir müssen ja auch davon leben können. Eine Galerie ist ein Gesamtpaket: Handel, Ausstellungen, Schätzungen und Nachlassverwaltungen gehören dazu. Mein Engagement bei Kornfeld ermöglicht es mir, einen weiteren Teil dieses Gesamtpakets in Zukunft mit abzudecken; ich bringe auch die Gegenwart mehr mit ein. Hier im Progr soll auch das Gegenwartsfenster der Galerie Kornfeld etabliert werden.

Ihre Galerie bleibt also unabhängig? Vorläufig ja. Das muss allerdings nicht die nächsten 100 Jahre so bleiben. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit Séverine Spillmann eine tolle Frau für das Operative gefunden habe. Für die Strategie sind wir zusammen verantwortlich. So weiterarbeiten wie bisher kann ich in meiner Galerie leider nicht mehr.

Sie haben in Thun bereits als 17-Jähriger klassische Konzerte organisiert. Wann ist die Leidenschaft für die Kunst in Ihnen erwacht? Auch für die bildende Kunst habe ich mich früh interessiert und als 15-Jähriger angefangen, auf den Flohmärkten Bilder zu kaufen. Ich habe Werke von Künstlern gekauft, die in den 50er- und 60-Jahren in der Region bedeutend waren, dann vergessen wurden. Ich war ein Schnäppchenjäger und habe auch viel «Chabis» gekauft.

Und wann sind Sie so richtig eingestiegen in die Kunstszene? Das war mit 20, da habe ich angefangen, die Weihnachtsausstellungen zu besuchen. Wenn ich Gefallen an einem Werk fand, habe ich mir den Künstler gemerkt, seine Adresse ausfindig gemacht und ihn dann im Atelier besucht. So habe ich zum Beispiel Reto Leibundgut und Dominik Stauch früh kennen gelernt – und bin langsam in die Szene reingerutscht. Der Durchbruch ist mir dann 1999 zusammen mit Claire Schnyder mit der Ausstellung «Heartbreak Hotel Vollpension» im Hotel Beau Rivage mit Künstlern aus aller Welt gelungen.

2001 eröffneten Sie im Alter von 28 Jahren Ihre eigene Galerie. Haben Sie auf dieses Ziel hingearbeitet? Es waren die Künstler, die mich ermutigt haben, eine Galerie zu eröffnen. Und schneller, als mir lieb war, hatte ich eigene Räume und eine Galerie.

Sie haben sich ja auch rasch in der Szene einen Namen gemacht. Haben Sie ein Geheimnis? Das Wichtigste ist Respekt. Aber jeder Künstler ist auch ein Unternehmer und hat Rechte. Als Unternehmer hat er aber auch Pflichten. Er kann nicht einfach alles dem Staat delegieren.

Was erwarten Sie denn vom Staat? Der Staat soll unterstützen – ich bin ja auch in der Kunstkommission der Stadt Bern –, aber er soll keine Staatskünstler heranzüchten. Künstler muss man aus einem inneren Antrieb heraus werden.

Warum sind Sie eigentlich von Thun nicht direkt nach Zürich, wo die meisten wichtigen Galerien sind? Hier in Bern habe ich mein Netzwerk, und hier sind auch meine wichtigsten Kunden. In Zürich wird mit anderen Bandagen gekämpft, Die meisten angesagten Galerien sind Start-ups, also fremdfinanziert. Dahinter steckt häufig ein Sammler oder Investor. Es gibt dort nur wenige Galerien, die so wie ich arbeiten.

Kommt denn ein Schweizer Künstler, der es international schaffen will, überhaupt um Zürich herum? Was heisst da um Zürich herumkommen? Heute ist ja der ganze Kunstmarkt globalisiert. Das Problem ist höchstens, dass wir hier in Bern weniger Publikum haben. Allerdings hat es in Zürich, wo ich einige grosse Projekte realisieren konnte, auch verschiedene Szenen. Das hat zur Folge, dass man an einem Anlass nicht unbedingt mehr Besucher hat als in Bern. Ich kenne ein paar Galerien im Kreis 4, einem Kunst-Trendquartier, die haben manchmal tagelang keinen einzigen Besucher. Ich habe mindestens jeden Tag 10 bis 20.

Werden Sie überhäuft mit Anfragen von Künstlern, die gerne mit Ihnen zusammenarbeiten würden? Als ich angefangen habe, da habe ich pro Woche 1 bis 2 Dossiers bekommen, heute sind es 10 Anfragen pro Tag, die aus der ganzen Welt per E-Mail eintreffen. Da ist es schwierig, den Überblick zu bewahren, und die Chance gross, dass man auch mal einen Künstler mit Potenzial übersieht. Aber wenn man seinen Künstlern, also seinem Programm treu bleiben will, kann man nicht laufend neue Positionen aufnehmen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus? Ich unterrichte ja an Hochschulen, und da wird diese Frage, wie man als Künstler zu einer Galerie kommt, immer wieder gestellt. Es gibt verschiedene Wege, zum einen sind es all die Stipendienausstellungen. Dort schaue ich mich immer um. Häufig sind es auch «eigene» Künstler oder Sammler, die mir jemanden empfehlen. Auch Kritiker sind wichtig.

Und der Marktwert Ihrer Künstler, wie steht es um den? Eine schwierige Frage. Man kann ja nicht nur Stars unter Vertrag haben, sonst gibts einen Zickenkrieg, es braucht einen Mix. Es wird leider oft schlecht über den Markt gesprochen, dabei passiert dort eigentlich die einzige objektive Beurteilung, weil jemand bereit ist, für ein Kunstwerk Geld auszugeben. Es ist auch so, dass eigentlich nur Künstler, die im Markt erfolgreich sind, es nachhaltig auch in Museen schaffen.

Also versuchen Sie auch, ihre Leute in den Museen unterzubringen? Das ist eine meiner Hauptaufgaben als Galerist; denn nur durch Ausstellungen in Institutionen werden die Künstler richtig wahrgenommen.

Leidet man denn als Galerist auch unter dem Überangebot an Kunst? Heute hat es eindeutig zu viel Kunst, und das liegt sicher auch daran, dass die Menschen viel freie Zeit haben – und Kunst als «Hobby» betreiben. Heute betätigen sich viele Leute am Feierabend mit Kunst; und dann kommt einer in meine Galerie, sieht zum Beispiel ein Bild von Pascal Danz und denkt sich, dass er das auch malen könnte. Da ist viel Vermittlungsarbeit gefragt. Kommt hinzu, dass Kunstausbildungen an den Fachhochschulen heute von der Politik gleich wie Ingenieurausbildungen angesehen werden. Die Klassen müssen voll sein, damit die Subventionen nicht gekürzt werden, und so nimmt man zwangsläufig auch Leute auf, die eigentlich gar nicht das Zeug zum Künstler haben.

Viele der Absolventen der Hochschule der Künste laufen zwangsläufig in eine berufliche Enttäuschung hinein? Die Hochschulen haben da eine grosse Verantwortung, die Studierenden auf die Realität vorzubereiten. Damit ihnen auch die Konsequenzen bewusst sind, wenn sie sich für die Kunst entscheiden. An den Hochschulen wird häufig die Haltung vermittelt, dass man einfach drei Mal das Eidgenössische oder das Aeschlimann-Corti-Stipendium gewinnen muss. Häufig ist ihnen nicht bewusst, dass man nach der Ausbildung mindestens 10 Jahre arbeiten muss, um seinen Stil zu finden. Viele drängen sofort auf den Markt und fordern ein Recht auf Unterstützung ein.

Das stört Sie? Ich staune, wenn Künstler von einem Recht auf Stipendien reden. Dann antworte ich jeweils: «Und was ist mit dem Coiffeur vis-à-vis, warum solltest du mehr Rechte haben als er?» In der Kultur wird selbstverständlich nach Unterstützung verlangt. Ich finde sie wichtig, aber man hat kein Recht darauf.

Kommen wir noch zu einigen Ereignissen im Kulturjahr 2013: Sind Sie mit der Lösung einer Dachstiftung zufrieden, unter der das Klee-Zentrum und das Kunstmuseum künftig enger zusammenarbeiten werden? Man hat endlich eine Lösung gefunden, die gangbar ist. Ob es funktionieren wird, hängt stark von den Personen ab, die es umsetzen werden – und da bin ich im Moment sehr zuversichtlich. Es ist eine grosse Chance für Bern. Die aktuelle Ausstellung «Zwischen ‹Brücke› und ‹Blauer Reiter›» im Klee-Zentrum zum Beispiel: wenn die im Gropius-Bau in Berlin gezeigt würde, kämen 200'000 bis 300'000 Leute. Aber wir sind nun mal eine Kleinstadt, und wir sind in der Schweiz, dem Land mit der grössten Museumsdichte. Wir sind sehr verwöhnt.

Ist das jetzt ein Plädoyer fürs Sparen im Museumsbereich? Nein überhaupt nicht. Aber man sollte mehr schätzen und wahrnehmen, was hier Tolles geleistet wird.

Haben Sie sich über die Forderung der Berner Jungfreisinnigen geärgert, die Kunsthalle zu schliessen? In Bern wird die Suppe häufiger heisser gekocht als gegessen. Man muss Stimmung machen, das gehört nun mal mit zur Politik. Die Kunsthalle ist für mich einer der wichtigsten Kunst-Orte in der Schweiz. Aber sie schöpft leider ihr Potenzial nicht ganz aus, um das alte Publikum zu halten und neues zu gewinnen. Man muss die Leute abholen, ihnen den Zugang zu neuen Positionen leichter machen.

Sie engagieren sich an vielen Kulturfronten, sind etwa auch Präsident des Berner Theatervereins von Konzert Theater Bern. Warum machen Sie das alles? Weil es mir sonst langweilig wird (lacht), und ich brauche nicht soviel Schlaf. Aber ernsthaft: Als Kunstvermittler stehe ich gerne im Hintergrund und muss meinen Kopf nicht immer in den Medien sehen.

Mit regelmässiger Medienpräsenz werden Sie als einflussreiche Kulturfigur in Bern künftig leben müssen. Wenn es der Sache dient, dann ist es auch in Ordnung. Aber um auf die Frage zurückzukommen. Warum ich das mache? Ich kann nur eine etwas altmodische Antwort geben. Ich finde, man muss der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Der Bund

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