Grausame Blockbuster des 19. Jahrhunderts

Das Zürcher Kunsthaus zeigt unter dem Titel «Cantastorie» knallbunte Plakate süditalienischer Puppentheater.

Schwert gegen Fischzähne: Auf den Werbeplakaten der Puppenspieler wurde heftig gekämpft. Fotos: Sammlung Würth, Künzelsau

Schwert gegen Fischzähne: Auf den Werbeplakaten der Puppenspieler wurde heftig gekämpft. Fotos: Sammlung Würth, Künzelsau

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Tief rammt der tapfere Ritter sein Schwert in den Rachen des Riesen­fisches, aber dessen Zähne sind auch nicht ohne: Wer gewinnt? Und was ist mit dem Paar in der Muschel? Und mit den zwei Riesenschlangen im Bild ­daneben?

Das Publikum, das «Dolores e Straniero» einst in Neapel im Puppentheater sah, wusste Bescheid. Es kannte diese und viele weitere Geschichten, die von Karl dem Grossen und seinen Paladinen erzählten, auswendig. Ob Ariosts «Orlando furioso» oder «La Gerusalemme ­liberata» von Torquato Tasso: Was heute nur noch Bildungsbürger interessiert, war dank der «Opera dei Pupi» und der als Bänkelsänger herumreisenden Cantastorie selbst Analphabeten bestens bekannt.

Wenn sie vor den grossformatigen Plakaten standen, die jeweils die Szene des Tages ankündigten, hätten viele von ihnen die zugehörigen Dialoge gleich selbst rezitieren können (jedenfalls gibt es Berichte über lautstarke Proteste, wenn etwas einmal nicht ganz so gesagt wurde, wie es sich gehörte).

Köpfen und küssen

Nun hängen rund 70 dieser Plakate als Leihgaben der Sammlung Würth im Bührle-Saal – und erzählen ihre Geschichten einem Publikum, das wohl erst einmal nachlesen muss, wie das denn genau war mit den Rittern Orlando und Rinaldo und ihrer Angebeteten Angelica. Aber vielleicht muss man das ja auch gar nicht so genau wissen: Die Riesengemälde haben auch für rittermythologische Ignoranten vieles zu bieten. Da wird geköpft und erstochen und geküsst, allerlei Monster und Mönsterchen plagen die Helden, auch Riesen und Zauberinnen treiben ihr Unwesen, und wenn einer stirbt, schwebt eine Taube gen Himmel.

Gefürchig: Tafel zu «Palmerino», erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

Gemalt wurden die Plakate in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von Mitgliedern der Puppenspielerfamilien Parisi und Maldera, die in Neapel und Foggia wirkten. Fast 250 dieser Gemälde sind erhalten, ursprünglich muss es weit mehr gegeben haben: Schon die Aufführung des «Orlando furioso» dauerte rund neun Monate, und für jede Folge gab es ein eigenes Werbebild. Was davon übrig geblieben ist, wurde in drei grossen Kisten überliefert: gefaltet, aber in bemerkenswert gutem Zustand. Die Restauratoren hatten nicht allzu viel zu tun, um die Leimfarbe aufzufrischen, mit denen die Bilder gestaltet wurden.

Knallbunt sind sie, fast comicartig zugespitzt, oft krud im Strich und dennoch ungemein liebevoll in den Details. So stereotyp die Ritter auf den ersten Blick aussehen – auf den zweiten entdeckt man ihren irren oder zornigen Ausdruck, ihre charakteristische Kleidung und tausend Arten, wie Blut spritzen kann. Die Dämönchen, Flugteufel und Fabeltiere erinnern mal an Hieronymus Bosch, dann wieder an «Star Wars». Und die Fische auf dem Bild zu «Dolores e Straniero» sehen alle anders aus, ihre Schuppen sind präzis schattiert: Auch Gebrauchskunst kann Kunst sein.

Das Fernsehen besiegelte das Ende der «Opera dei Pupi». Nun waren es andere Geschichten, die das Publikum bannten.

Wie die Kunst des Puppentheaters gewirkt haben mag damals, in ihrer Blütezeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Das lässt sich in der Ausstellung in einer Fernsehdokumentation aus den 1950er-Jahren nachvollziehen. Man sieht darin nicht nur die Puppenspieler am Werk mit ihren Stangenpuppen, sondern auch das Publikum, das gebannt zuschaut – oder auch mal lauthals schimpft und droht, wenn ein unsympathischer Ritter auftritt. Man hatte halt seine Lieblinge unter den ­Figuren, vor allem Rinaldo stand hoch im Kurs, «weil er viele Frauengeschichten hatte», wie ein Puppenspieler dem Interviewer sagt.

Dass er es vor einer Kamera sagt, ist ­allerdings eine triste Pointe. Denn die Verbreitung des Fernsehens besiegelte – mehr noch als das Kino – das Ende der «Opera dei Pupi». Nun waren es andere Geschichten, die das Publikum bannten.

Umso verdienstvoller ist es, wenn diese fast verschwundene Volkskultur heute auf anderem Weg ihr Publikum findet. Die Gastkuratorin Daniela Hardmeier hat sich zusammen mit Kunsthausdirektor Christoph Becker einiges einfallen lassen, um zu verhindern, dass die Schau allzu museal wird. So dröhnt täglich um 15 Uhr eine Jahrmarktorgel durch den Saal – weil es bei der «Opera dei Pupi» selbstverständlich auch Musik gab (wenn auch wohl nicht ganz so laute).

Geschichten werden lebendig

Auch eine Bühne gibt es in der Ausstellung – nicht für Puppenspiele zwar, aber für alle möglichen anderen Auftritte. Am engsten vertraut mit der Welt der Plakate dürfte die illustre Nuova Compagnia di Canto Popolare sein, die aus Neapel anreist. Ansonsten wird die Perspektive in alle möglichen Richtungen erweitert – mit helvetischer Landstreichermusik und Brahms’ Liederzyklus «Die schöne Magelone», mit orchestraler Begleitung des Silhouettenfilms «Die Abenteuer des Prinzen Achmed» und Kindertheater.

Die originalen Puppen (respektive ein paar sichtlich oft gebrauchte und wohl auch von feindlichen Figuren malträtierte Köpfe) bleiben derweil in ihrer ­Vitrine liegen. Auch ihre Dialoge gibt es nur stumm – in Form von abgegriffenen Textheften, die den Puppenspielern als Gedächtnisstütze dienten. Aber das macht fast gar nichts: Die ritterlichen Gestalten und ihre Geschichten werden allein auf den Plakaten so lebendig, dass einem ihre Nachfolger auf der Mattscheibe dagegen tatsächlich ein wenig matt vorkommen.

Bis 8. Oktober. www.kunsthaus.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 18:40 Uhr

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