«Fröi di a däm, wo d hüt no chasch»

Am 31. Januar feierte der gleichermassen mit dem Emmental wie mit Lappland verbundene Dichter, Übersetzer und Volkskundler Hans Ulrich Schwaar seinen 90. Geburtstag.

Hans Ulrich Schwaar hat über 2500 Kunstwerke gesammelt, darunter zahlreiche Werke von Emil Zbinden wie zum Beispiel «Winter». (zvg)

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Vielen noch in frischer Erinnerung ist Hans Ulrich Schwaar durch die 2008 zusammen mit Hans Schmidiger lancierte Petition «Fertig Bärndütsch a üsne Schuele? Das darf doch nid sy!», mit der er – trotz mehr als 13 000 Unterschriften vergeblich – die Wiedereinführung der Mundart in den Fächern Werken und Turnen sowie ein eigenes Schulfach dafür forderte.

Darauf kommt Schwaar nun nochmals zurück, wenn er sein jüngstes, zu seinem 90. Geburtstag erscheinendes Buch «Rychs Bärndütsch – gschribe wi me redt» der Kulturkommission des Kantons Bern widmet und in einem einleitenden Brief an dieselbe seinem Entsetzen über das Verbot der Mundart als Unterrichtssprache Ausdruck gibt. Um ihren Rang als Kulturgut und ihren ausserordentlichen Reichtum sichtbar zu machen, habe er, so Schwaar weiter, in seinem Buch nach Stabreimen gesucht, um sie «in sinn- und klangverwandte Strophen» zu fassen.

Geschmückt mit ganzseitigen Landschaftsfotos von Peter Aegerter, ist daraus nicht nur ein schönes, sondern auch ein ausnehmend lustiges Buch entstanden, das mit seinen originellen Wortspielen das Emmentalerdeutsch tatsächlich auf unverwechselbare Art zum Klingen bringt: «E Ploderi un e Pladeri / e Plegeri un e Plaaschti / e Pyschti un e Päärschi» oder: «E Chräschlegi un e Chächi / e Chribelegi un e Chutzelegi / es Chutzli un es Chuderluuri.»

Im Anhang präsentiert Schwaar dann aber doch auch noch «Chly öppis vo miir säuber». In seiner eigenwilligen, seit 1985 bewusst auf das «Schryybe wi me redt» abgestellten Schreibweise erzählt er da: «I bi ke Gfeuuer Sime / u scho gaar nid e Gotthäuf / zwaar o us em Ämmitaau / aber vo zoberscht obe // Ha probiert i Wort zfasse / was schwäär isch gsy zverdoue / u bin im soo loos worde / u druuf o ùme bùschber // Wiu gäng ùme Lüt hi gsiit /das tüei se inträssiere / han is zletscht du o no gwaagt / par Büechli z publiziere.»

Dreissig «Büechli» hat Hans Ulrich Schwaar inzwischen publiziert, und das Beharren auf dem Dialekt als literarischem Medium hat ihn nicht etwa zu einem unbelehrbaren Lokalpatrioten, sondern zu einem der weltoffensten Autoren der Schweiz gemacht.

Ramuz als Lehrblätz

Zwar hat der am 31. Januar 1920 in Sumiswald geborene Bauernsohn aus dem Bucholterberg in seiner Zeit als Lehrer in Trubschachen, Gohl und Langnau begonnen, unter Titeln wie «Ämmegrien: Grüschtets u Ungrüschtets», «Ghoblets u Unghoblets» oder «Gryymts u Ungryymts» eigene und zusammengetragene oberemmentalische Texte und Verse zu publizieren. Aber schon vorher, im Jahre 1977, hatte er mit dem ersten Band seiner am Ende auf sechs Bände angewachsenen Übersetzung der Werke von Charles-Ferdinand Ramuz ins Berndeutsche seinen Umgang mit dem Dialekt auf eine ganz besondere Weise bereichert und verdichtet. Auf dem Umweg über die Künstler, die Ramuz Werke illustriert haben, ist Schwaar übrigens auch zu jenem leidenschaftlichen Bildersammler geworden, dessen mehr als 2500 Gemälde heute von der Stiftung Hans Ulrich Schwaar in Langnau nicht nur aufbewahrt, sondern auch ausgeliehen werden.

Nach 1982, als er sich als Lehrer vorzeitig pensionieren liess, kam dann das Erlebnis des Nordens, insbesondere Finnlands und Lapplands hinzu, mit dem er seinem Leben einen ganz neuen Sinn und seinem Schreiben ein Thema schenkte, das in nicht weniger als 14 Büchern dokumentiert ist. Im handgeschriebenen Band «Erlebtes Finnland» hat er 1985 geschildert, wie er die Schweiz «fast fluchtartig» verliess und wie er sich in Finnland von allen Verpflichtungen frei zu fühlen begann. Wie einen Rausch, wie eine Offenbarung begann er die nördliche Natur auf sich wirken zu lassen und wurde immer empfänglicher für ihre Beseeltheit. «Wenn die Kultur schweigt, beginnt die Natur zu sprechen», heisst es 2001 in «Geheimnisvoller Norden». «Übermächtig durch Stimmungen spricht sie zu unserer Seele, bewegt unser Innerstes und bereichert es mit unauslöschlichen Erinnerungen.»

Freund der Samen

Schwaar, der inzwischen von sich sagen kann, «meine Seele ist in Lappland», wurde insbesondere zu einem selbstlosen Anwalt, Freund und Vermittler des samischen Volks, dessen Sagen und Mythen er 1996 in seinem Buch «Sápmi» sammelte und übersetzte. Schon 1988 aber hat er übrigens auch einen Klassiker der finnischen Literatur, Aleksis Kivis Roman «Die sieben Brüder», unter dem Titel «Di sibe Brüeder» ins Berndeutsche übersetzt – eine Übertragung, die als einzige wirklich vollständig ist und von der Fachleute sagen, sie käme dem Original näher als jede andere.

Die Beschäftigung mit den Samen ist aber für Schwaar nicht nur zu Literatur, sondern auch zu einer lebendigen Symbiose geworden. Wie Peter Ramseier 2006 in einem Filmporträt «Näkkälä» dokumentierte, lebt er seit fast 25 Jahren die meiste Zeit des Jahres als Hausfreund und Mitarbeiter des samischen Rentierhalters lisakki-Matias Syväjärvi im nordfinnischen Näkkäla. Und dorthin will er, wenn die Geburtstagsfeiern vorbei sind, auch diesen Februar wieder verreisen, obwohl seine Augen mittlerweile so schlecht sind, dass er sich ohne Hilfe kaum mehr orientieren kann. Unterkriegen lässt sich der Neunzigjährige jedoch von kaum etwas, lautet einer der Sprüche in seinem neuesten Buch doch: «Fröi di a däm, wo d hüt no chasch / fröi di, dass d überhoupt no masch.» (Der Bund)

Erstellt: 01.02.2010, 16:15 Uhr

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