Es gibt kein Black and White in der Kunst

Zwei Ausstellungen von afroamerikanischen Künstlern sind im Kunstmuseum Basel zu sehen. Jede spottet dem Klischee auf eine andere Weise.

Die Leinwand als Objekt: In Sam Gilliams Werken geht es um reine Präsenz. Foto: Julian Salinas

Die Leinwand als Objekt: In Sam Gilliams Werken geht es um reine Präsenz. Foto: Julian Salinas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der eine ist 84 Jahre alt, der andere erst 44. Mehrere Generationen trennen die beiden USKünstler, die im Kunstmuseum Basel so etwas wie einen Crash-Kurs der afroamerikanischen Kunst seit 1960 bis heute anzubieten scheinen. Mit Betonung auf «scheinen», denn der Reichtum dieser Oeuvres bietet mehr als nur Anschauungsmaterial in Sachen Kunst und Hautfarbe. Sowohl der ältere Sam Gilliam wie der jüngere Theaster Gates schöpfen zwar aus ihren Lebenserfahrungen als dunkelhäutige US-Bürger. Zugleich beweisen aber ihre Ausstellungen auch, dass es in der Kunst kein «black and white» gibt, dass es allein auf den Einfall, den Mut, das Können und die Differenziertheit ankommt.

Die Ausstellungen fesseln die Aufmerksamkeit des Besuchers auf je eigene Weise. In den Räumen mit Sam Gilliams Werken geht es um reine Präsenz. Der in Washington lebende Maler hat sich früh entschieden, seine Gemälde aus dem Korsett des Keilrahmens zu befreien. Die ungespannten Leinwände greifen mit ihrem farbenschweren Faltenwurf in den Raum hinein. Sie wirken massig, weil der Künstler eine besondere Arbeitsmethode anwendet: Er giesst Acrylfarben auf ungrundierte Leinwand und lässt sie einsinken. Die Bildoberfläche speist sich bei diesem Verfahren aus der Bildtiefe, die Grenze zwischen Gemälde und Skulptur verschwindet. Die so zum Objekt gemachte Leinwand ist einfach da, benötigt wenig Interpretation. Darin liegt ihre Grossartigkeit und stumme Grazie. Um sie zu erleben, muss der Besucher den assoziativen Lärm im eigenen Kopf für die Zeit des Museumsbesuchs leise stellen.

Theaster Gates widmet sich der schwarzen Madonna. Foto: Gina Folly

Ganz anders in der Ausstellung von Theaster Gates. Der quirlige Intellektuelle aus Chicago hat es gerade auf die Assoziationsmaschine im Kopf des Betrachters abgesehen und treibt mit ihr sein Spiel. Im Werk «Walking Prayer» etwa reiht er in einem langen Regal Bücherrücken an Bücherrücken, damit die in Goldlettern geprägten Titel der Bände im Vorbeigehen ins Unterbewusstsein des Besuchers einsinken. Oder aber er appelliert mit religiös geprägten Gesängen an eine archaische Spiritualität des Betrachters, nur um diese Emotionalität im weiteren Verlauf der Ausstellung mit Werken zu relativieren, die aggressiver auftreten.

Projekt auf Wanderschaft

Gates’ «Black Madonna» ist ein gross angelegtes Projekt. Allein in Basel erstreckt sich die Ausstellung auf zwei Museen. Die Beschäftigung des Künstlers mit dem Begriff der schwarzen Madonna und seinen möglichen Bedeutungen begann indes früher. Viele Elemente wurden in seiner Ausstellung «Black Archive» 2016 im Kunsthaus Bregenz sichtbar. Das Projekt befindet sich jetzt auf Wanderschaft, setzt nach Basel die Reise quer durch Europa fort. Seit Juni ist eine Variante in Hannover zu sehen (Sprengel Museum), ab September kommt es nach Mailand (Fondazione Prada) und ab Oktober nach München (Haus der Kunst).

Gates ist fasziniert von Archiven, in «Black Madonna» in Basel arbeitet er mit jenem der Johnson Publishing Company. Dieser Chicagoer Verlag wurde 1942 von John H. Johnson gegründet, der mit Lifestyle-Magazinen wie «Ebony» und «Jet» einen afroamerikanischen Konsumentenmarkt schuf. Aus diesem Fundus stellt Gates für seine Ausstellung ein riesiges, rotierendes Kaleidoskop von Bildern zusammen. Diese Fotografien sind zwar in einem leicht antiquierten Gesellschaftsbild der 60er- und 70er-Jahre verhaftet, zeigen aber selbstbewusste, modische und emanzipierte schwarze Frauen.

Die dunkelhäutigen Schönheiten wirken verführerisch, doch Gates ist zu klug, um die im kommerziellen Zusammenhang entstandenen Bilder als naive Offenbarung von schwarzen Madonnen zu feiern. Er spielt lieber mit unseren wie auch mit seinen Sehnsüchten, Projektionen, Abgrenzungen. Und er versammelt rund um die Models andere Artefakte, die das Thema vertiefen. Etwa ein altes Madonnenbild aus dem 16. Jahrhundert, auf dem die Mutter Gottes misstrauisch schielt – exotisch oder misslungen? Einen aus Teer geformten Babykopf – süss oder abstossend? Oder die Aufnahmen des Südstaatenlieblings Shirley Temple, wie sie sich mit aufgemaltem Blackface im Film «The Littlest Rebel» vor den Sklavenbefreiern versteckt – lustig oder rassistisch? Die Klischees, zeigt Gates, sind weder schwarz noch weiss, sie sind bloss in subjektiven Wertsystemen gefangen.

Zwischen den Fronten

Just diese Botschaft scheint auch das Kunstmuseum Basel mit seinem sommerlichen Ausstellungmix zu senden: Stereotype gibt es nicht. Mit Sam Gilliam zeigt es einen Afroamerikaner, der nach dem anfänglichen Erfolg in den 60er- und 70er-Jahren gegen Ende des Jahrhunderts Bekanntheitseinbussen erlitt, weil er mit der als «weiss» abgestempelten abstrakten Malweise zwischen die Fronten der «politischen» (also schwarzen) und der «unpolitischen» (also abstrakten) Kunst geriet.

Und es zeigt mit Theaster Gates einen engagierten Afroamerikaner, der zwar die gewaltige Bilderflut unserer Zeit von der «schwarzen» Seite her hinterfragt, der sich aber bei seinem umfangreichen politischen und sozialen Engagement nie auf eindimensionale Parolen einlässt.

Ausstellungen: Theaster Gates, «Black Madonna», bis 21.10. und Sam Gilliam, «The Music of Color», bis 30.9., beide im Kunstmuseum Basel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2018, 11:35 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir haben ja noch gar nicht über Sex gesprochen!»

SonntagsZeitung Marina Abramovic über alles, was im Leben wichtig ist. Und warum sich die Performance-Künstlerin einen «grossartigen Tod» wünscht. Mehr...

Auf die Knie für die Kunst!

Die Performance-Ausstellung «Action!» verwandelt das Kunsthaus Zürich in einen Spielraum. Das Publikum ist explizit aufgefordert mitzumischen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit zum Schlucken boomt

Beruf + Berufung «9 to 9» statt «9 to 5»

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...