Es geht voran

1962 ist er gestorben, jetzt sind seine Bilder wieder da: Hans Steiner, der Berner Fotograf, der der modernen Schweiz ein glamouröses Gesicht gab. Das ist freilich nicht die ganze Geschichte.

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Man könnte diese Geschichte ordentlich erzählen, von Anfang an, der Reihe nach. Dann entsteht die offizielle Version, und die handelt von Hans Steiner, geboren am 15. Mai 1907 als Sohn eines Lithografen in Bern, aufgewachsen an der Sandrainstrasse mit zwei Geschwistern, kaufmännische Lehre bei einem Notar, dann Buchhalter in einem Möbelgeschäft in Davos, Hobbys: Pfadi, Bergsteigen, Skifahren, Fotografieren.

Leidenschaft und Talent hat Steiner für alles. Aber das Fotografieren wird sein Beruf – der Möbelladen geht in Konkurs, Steiner wechselt in Davos zum Fotografen Meerkämper und übernimmt nach einer Anlehre gleich die Leitung seiner Filiale in Sils-Maria. 1930 kehrt er mit soliden fotografischen Fertigkeiten nach Bern zurück, am Ryffligässchen leitet er ein Geschäft namens Photomutz, bevor er 1938 einen eigenen Betrieb gründet.

Ein gewisser Guisan

Photo Steiner wird für Porträts und Stadtansichten bekannt, aber auch für Sach- und Werbefotografie. Zu den Mitarbeitern zählt Fernand Rausser (der spätere Mitgründer der Berner Fotografenzelle «Groupe carré»), zu den Kunden Loeb und ein gewisser Guisan. Für Loeb fotografiert Steiner, nach dem Umbau des Warenhauses 1957, die erste Rolltreppe in Bern: Er zeigt sie als Skulptur der neuen Zeit aus Neonlicht und metallenem Schwung. Und Henri Guisan gibt er in seinem Studio am Waisenhausplatz 2 jenes offizielle Gesicht, mit dem Guisan später, nach seiner Wahl zum General, die Amts- und Wirtsstuben des Landes erobert.

Die Zeitgenossen beeindruckt Steiner mit seiner gewinnenden Art und seinem Naturburschentemperament. 1933 publiziert er seine erste Reportage in der Presse, es sind Bilder von den Freuden des Skisports, und schnell macht er sich als Fotoreporter einen Namen, einen internationalen sogar: 1937 gehen die sensationellen Bilder um die Welt, die er von der Eroberung der Eigernordwand macht, teils aus einem gemieteten Flugzeug.

Zeitweise publiziert Steiner jede Woche nicht weniger als vier Reportagen in der «Schweizer Illustrierten Zeitung», in «Sie und Er» oder der «Woche» (und vereinzelt im «Bund»). Und er ist immer zur Stelle, wo sich Tatkraft und Fortschritt zeigen: Er fotografiert die urbane Schweiz, den Schneid der Industrie, die Energie der Soldaten und Arbeiter, vor allem aber die Jugend beim Sport, Frauen, die fliegen, Auto fahren und kurze Haarschnitte tragen, den ganzen Wohlstand und das Spektakel, die sich vor dem Krieg regen und danach, als Konsum- und Freizeitgesellschaft, zum Durchbruch kommen. Steiner ist, mit einem Wort, der «Chronist des modernen Lebens». So präsentiert ihn heute das Lausanner Musée de l’Elysée, und der deutsche Ausstellungstitel ist noch pointierter: «Alles wird besser».

Man kann die ganze Geschichte aber auch anders erzählen: von ihrem Ende her. Das ergibt eine andere Version, und die handelt von Hans Steiner, gestorben am 3. Mai 1962 im Tiefenauspital, sechs Wochen nachdem er in Chiavenna einen Vortrag gehalten hat, bei dem er zusammengebrochen ist. Es «traten Komplikationen auf, die schliesslich zum Tode dieses wertvollen Menschen führten», wie es der «Bund» damals formulierte. Im Zentrum des Nachrufs: die Sache, die Steiner «bis in die Todesnacht hinein so sehr am Herzen lag»; ihretwegen hielt er den Vortrag. Die Sache heisst Plurs.

Gepackt von einem Bergsturz

Plurs – das war einmal ein wohlhabendes Städtchen im Bergell. Plurs hiess es, weil es zeitweise zu Graubünden gehörte, bevor es italienisch wurde. Und reich war es wegen des Specksteins, der hier abgebaut und zu Geschirr verarbeitet wurde, das in ganz Europa gefragt war. Am 4. September 1618 ging ein Bergsturz auf den Wohlstand nieder; der Schlamm beerdigte das gesamte Städtchen mit seinen 2000 Einwohnern. Man vermutet, dass Häuser und Hausrat weitgehend erhalten unter den Erdmassen liegen. Pompeji in den Alpen also – und irgendetwas daran packt Steiner derart, dass er Plurs ausgraben lassen will und dieser Idee jede freie Minute opfert: bis zur Erschöpfung. Wie aber kommt ein Mann des modernen Lebens auf die Archäologie? Warum will einer, der sich dem Aufwärts und Vorwärts verschreibt, eine dreihundertjährige Vergangenheit zurückholen? Erinnert ihn Plurs vielleicht an seine Gegenwart, an die Wohlstandswunder-Schweiz?

Steiner hat zwar ein kolossales Werk hinterlassen: 106 000 Aufnahmen, als Miniaturabzüge, sogenannte Kontaktkopien, auf 7000 Archivbögen aus Karton geklebt – das ist der Nachlass, den das Elysée in Lausanne 1989 gekauft und aufgearbeitet hat (siehe Kasten). Aber es gibt in diesem Bilderberg keine einzige Zeile Text des Fotografen über sich selbst. «Null», so sagt es Markus Schürpf vom Berner Büro für Fotogeschichte. Er hat Steiners Biografie für das Lausanner Projekt recherchiert, und auch ohne Erklärung Steiners sieht er in dessen Leben durchaus einen Platz für die Sache mit Plurs: Bei Steiner habe sich, zunächst vereinzelt, in den Fünfzigerjahren dann aber verstärkt, ein Bewusstsein für die Folgen und die Kosten des Fortschritts gezeigt.

Kampf gegen einen Staudamm

Ein Beispiel: Steiners unveröffentlichte «Rüeggisberg-Chronik», eine fotografische Langzeitstudie über eine bäuerliche Welt im Umbruch. Und ganz direkt stellte er seine Kamera dann in den Dienst des Heimatschutzes (der Ökologie, mit einem heutigen Wort), als die Kantonsregierung 1956 einen Staudamm bewilligen wollte. Er hätte das Geltental überflutet, das sich hinter dem Lauenensee bis ans Wildhorn hochzieht. Steiner war dabei, als die Behördenvertreter die abgelegene Gegend besichtigten und auf die Bergler trafen, die sich gegen das Projekt der BKW wehrten. Steiners Reportage erschien in der «Woche»: «Was nützte es dem Menschen, wenn er billige Kilowattstunden gewänne?» Das hatte Wirkung. Die Öffentlichkeit war mobilisiert, es kam zu Einsprachen und Beschwerden, schliesslich brach die Regierung ihr Vorhaben ab.

Dabei hat Steiner mit Staumauern auch ganz andere Dinge erzählt: Für die Industrie fotografierte er die Bauarbeiten an der Grande Dixence – und schuf euphorische Bilder der Modernität. Steiner hat seine Geheimnisse, Widersprüchlichkeiten, die sich schwer auflösen lassen. Markus Schürpf bringt es allerdings fertig, auf einer höheren Ebene: Modern sei damals beides gewesen, sagt er – nicht nur die Technik, auch die Sorge um Natur und Heimat. «Die‹Grenzen des Wachstums› wurden erst in den Siebzigerjahren zu einem gängigen Begriff. Steiner hatte schon früher ein Bewusstsein dafür.»

Wenig davon bei Hans Steiner, wie man ihn in Lausanne zu sehen bekommt. Einmal blickt man kurz auf die Rückseite des Wirtschaftswunders: Bern in der Krise der Dreissigerjahre, Arbeitslose stehen im Regen vor dem Amt an der Predigergasse. Steiner hat sie von oben fotografiert, aus einem Nachbarhaus, so sehen die kleinen Leute noch kleiner aus, und so rückt ihm auch ein Sarkasmus ins Bild: «Sarglager» heisst es auf einem Ladenschild, das über den Köpfen in die Gasse ragt. Und noch ein solcher Moment: die belgischen Kriegswaisen, die 1945 zur Erholung in die Schweiz kommen. Doch die Arbeitslosen und die Kriegswaisen waren damals in allen Blättern. Aus den allermeisten Bildern dieses Fotografen springt einen etwas anderes an: diese Freude an der Gegenwart, die Vorfreude auf die Zukunft. Die Schweiz der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre – Steiner baut sie aus viel Licht und klaren Linien, und in diese gestalterische Ordnung fügt er bruchlos die Menschen ein, nicht als Opfer von Verhältnissen und Umständen, sondern als Gestalter ihrer Zeit.

Bilder von gestern, Blick von heute

Daniel Girardin ist Konservator am Elysée, und er hat eine klare Idee, was die Originalität dieses Fotografen ausmacht: sein Optimismus, die Begeisterung fürs Neue, den Sport, die Freizeit, die Frauen. «Das sieht man nicht oft in der Fotografie jener Zeit», sagt Girardin, und das ist für ihn keine Facette, sondern der Grundzug von Steiners Werk. Arbeit, Arbeitslosigkeit, soziale Fragen, ländliches Leben – das seien damals gängige Themen gewesen. «Auch bei Steiner gibt es solche Bilder. Aber es sind nicht seine besten.»

Beste Bilder – tatsächlich: Das Elysée zeigt bestechende Einzelaufnahmen und fast keine zusammenhängende Reportage. 250 von den 106 000 Aufnahmen sind es, und bei dieser Auswahl hat man sie von ihrem historischen Kontext gelöst. Am Elysée beruft man sich auf ästhetische Reize und Sehgewohnheiten von heute, und die seien geprägt von der Mode- und der Kunstfotografie (den Inszenierungen eines Jeff Wall, dem eleganten Formalismus der Bechers und ihrer Schüler). Und auch vom Film. Girardin nennt David Lynch, und da und dort kann man es in Steiners Bildern tatsächlich sehen: das Unheimliche, der Moment, in dem das Reale ins Surreale kippen könnte, dieses Beben unter der allzu polierten und aufgeräumten Oberfläche.

Natürlich ist das ein einseitiger und verkürzter Blick auf dieses Werk. Und ein Verlust an dokumentarischem Wert: je mehr Kunst, desto weniger Geschichte. Aber Steiner hat diese Lesart selber angelegt. Sein Archiv hat er nach allgemeinen Themen geordnet, auf die Kartonbögen hat er nur «Radiopersonal» oder «Badeleben» geschrieben, sonst nichts und auch kein Datum. Vor allem aber: Das Ergebnis gibt den Ausstellungsmachern recht – in Lausanne kommt das ganze Können dieses Fotografen ans Licht.

Steiner ist ein Meister des Blicks. Man kann sich in seinen Bildern niemals verirren: Steiner weiss, wie man den Blick mobilisiert und ins Ziel dirigiert, er wirft ihn in Perspektiven von oben und unten; wo er Kinder fotografiert, bringt er den Betrachter auf ihre Augenhöhe, und nicht umsonst begegnet man bei ihm so vielen Zuschauern von Sportanlässen – unmöglich, ihren Blicken nicht zu folgen. Richtig versessen ist Steiner schliesslich auf Sehschlitze, Bullaugen, Brillen. Und auf Spiegel; manche Bilder blicken zurück.

Dazu kommt Steiners Sinn fürs Theaterhafte. Es ist kaum Zufall, dass er regelmässig Premierenbilder am Berner Stadttheater macht – auch draussen in der Wirklichkeit sind seine Akteure oft Träger einer Rolle, einer Idee. Steiner gewinnt der Welt stets etwas Symbolisches ab; viele seiner Bilder sind Sinnbilder. 1943 zeigt die «Schweizer Illustrierte Zeitung» die Lieblingsbilder ihrer Fotografen – das plakativste ist von Steiner: Wegmacher beim Aufstieg in steilem Gelände, die Pickel geschultert, von unten aufgenommen im Gegenlicht, das die Silhouetten als dramatische Schatten vom gleissenden Wolkenhimmel abhebt. «Die vorliegende Fotografie», erklärt Steiner, «ist für mich der Inbegriff geworden von‹Arbeit und Aufstieg›, gewissermassen‹das Lied auf die Arbeit›.»

Das war der Mann, dessen Name «im ganzen Land und darüber hinaus einen guten Klang hatte», so der Nachruf im «Bund». Doch das war 1962, und auch wenn in manchem Haushalt noch heute das «Bern-Buch» von 1953 steht, diese Heimatbeschwörung mit dem schwarz-roten Deckel, zu der Steiner von allen Fotografen die meisten Bilder lieferte – in Lausanne geht es heute um eine «Wiederentdeckung». Steiners Verhängnis war, dass er nicht zum künstlerisch-professionellen Milieu gehörte, nicht zur Zürcher Kübler-Schule, nicht zur sozialkritisch engagierten Fotografie, für die sich die Historiker lange am meisten interessierten.

Selbstverständlich ist die Geschichte der Fotografie voll von Vergessenen. Aber unter den Vergessenen war Steiner ein Grosser. (Der Bund)

Erstellt: 27.02.2011, 12:34 Uhr

Steiners Wiederentdeckung

Fünf Jahre dauerte die Aufarbeitung von Hans Steiners Nachlass. Das Elysée realisierte sie zusammen mit der Uni Lausanne, dem Institut zur Erhaltung der Fotografie in Neuenburg, dem Berner Büro für Fotogeschichte und Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts. ZurAusstellung (bis 15. Mai, www.elysee.ch) sind ein Katalog und ein Dokumentarfilm auf DVD erschienen; auf derWebsite www.hanssteiner.ch ist Steiners gesamtes Archiv recherchierbar. Nach Lausanne wird die Ausstellung 2011–2012 in Winterthur, Bulle und Bellinzona gezeigt – ob später auch noch in Bern, ist derzeit offen.

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