Eine Würdigung des Beiläufigen

Der bekannte Schweizer Kameramann Pio Corradi zeigt im Kornhausforum erstmals seine Fotografien: Aufnahmen, die nebenbei entstanden und doch Hauptsachen sind.

Auch Königinnen für einen Tag müssen am 6. Januar beim Gemüserüsten Hand anlegen: Szene aus dem Altersheim Pfrundhaus 1967.

Auch Königinnen für einen Tag müssen am 6. Januar beim Gemüserüsten Hand anlegen: Szene aus dem Altersheim Pfrundhaus 1967.

(Bild: Pio Corradi/zvg)

Wie entsteht ein neues Kino? Die Nouvelle Vague, der neue Schweizer Film: Woher? Der Kameramann Pio Corradi muss es wissen, er war von Anfang an dabei. Nicht durch politischen Willen, nicht durch die Sehnsucht nach einer neuen Bildsprache, neuen Inhalten. Neues Kino entsteht durch die Technik, sagt der 75-jährige Corradi.

Die ersten mobilen Nagra-Tonbandgeräte aus Lausanne hätten alles ausgelöst – die Verhältnisse bestimmten das Bewusstsein, die Kunst entstehe nebenbei. Und genau so kann man die erste Ausstellung von Pio Corradis Fotografien verstehen, als Würdigung des Nebenbei.

Die Bilder sind zum Teil als Vorarbeiten zu Filmen, zum Teil parallel zu den Dreharbeiten entstanden, andere unabhängig davon. Es seien «zufällige Impressionen», sagt Corradi, eine «persönliche Landkarte von Corradis Biografie», sagt Bernhard Giger, der Leiter des Kornhausforums. Eine klare Struktur wird man in der Ausstellung daher nicht finden – und nicht bei jedem Bild ist klar, warum es in ihr hängt. Aber dieses «Nebenbei» hat trotzdem etwas: Man blickt durch Corradis zweites Auge, das biografisch gesehen eigentlich sein erstes war.

Der Ratschlag von Kurt Früh

Dass er Filme machen wollte, wusste der 1940 geborene Corradi schon als Kind, hatte aber keine Ahnung, wie man zu diesem Beruf kommt. «Zufällig las ich dann in einem Interview mit Kurt Früh, dass fotografisches Grundwissen für das Führen der Filmkamera unerlässlich sei», sagt Corradi. Er beschloss deshalb, sich an der Kunstgewerbeschule Basel zum Fotografen ausbilden zu lassen.

Danach assistierte er in Zürich bei Nicolas Gessner, der später mit der jungen Jodie Foster den Thriller «Das Mädchen am Ende der Strasse» drehen sollte, und bei Grigori Alexandrov, dem Drehbuchautor Sergei Eisensteins. Corradi hat Alexandrov 1965 während der Dreharbeiten zu «Lenin in der Schweiz» beim Cervalatbraten fotografiert. Das Bild ist ein Höhepunkt der Ausstellung im Kornhaus.

Hat denn, mit dem Abstand von fünfzig Jahren Berufserfahrung, Früh recht behalten? Ist der gute Kameramann zuerst ein guter Fotograf? «Ja», antwortet Corradi, «wie man eine Szene ins Bild setzt, die Cadrage, wie man etwas erzählt, das ist das gleiche Handwerk. War es jedenfalls – bis zur Digitalisierung.»

Diese bildtechnologische Revolution erwischte ihn ziemlich unvermittelt. Auf einer Rekognoszierungsreise in den Himalaja anlässlich der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm «Die Salzmänner von Tibet» verboten ihm die chinesischen Behörden, Filmkameras ins Land zu bringen. Eine der ersten Digitalkameras aber liessen sie durch. Die Technik siegt wieder. Von dieser Expedition hat Corradi ruhige, grossformatige Bilder von verschneiten Yaks ins Kornhaus mitgebracht und von Männern, die einen Lastwagen über ein Hochplateau ziehen.

Schiesst Pio Corradi Fotos, tut er das mit Vorliebe immer noch analog, weil die alte Technik dem Bild mehr Subs­tanz gebe, sagt er. Das wird besonders bei seinen Porträts deutlich, von denen es in der Ausstellung viele gibt.

«Die Menschen interessieren mich am meisten», sagt Corradi, das Leben in ihren Gesichtern, ihr Charakter. «Herr und Hund» zum Beispiel, eine der wenigen Auftragsarbeiten Corradis, der mit den Armen fuchtelnde und mit den Augen rollende Ludwig Hohl, der Wanderfotograf Ernst Hiltbrunner, der Schriftsteller Hermann Burger mit Ferrari: In diesen Bilder zeigt sich Corradis erzählerisches Können.

Charmante Handarbeit

Besonders wirksam wird dieses Können in den Serien aus dem Zürcher Altersheim Pfrundhaus von 1967, zur «Schwarzen Feuerwehr», dem Zürcher Bestattungsdienst, und aus der dem Untergang geweihten Kleingartensiedlung Herdern: beste Reportagefotografie in klassischer Tradition, jedes Bild ein Drama in sich, begrenzt vom Rahmen des Augenblicks und doch in die kleine Ewigkeit eines Menschenlebens ausgedehnt.

In der Ausstellung sind auch drei Montagen zu sehen, zusammengesetzt aus mehreren Dutzend Fotografien des gleichen Motivs vom gleichen Standort aus, wie man es von Panoramabildern kennt. Heute unter den Bedingungen der Digitalisierung vor allem eine Rechenleistung, bei Corradi aber ist es eine charmante Handarbeit. Sie simuliert die Wahrnehmung des menschlichen Auges, weil die Collage das optische Verziehen durch das Objektiv ausgleicht.

Durch die vielen Kanten und die unregelmässige Oberfläche der Bilder ergibt sich eine den Eindruck des Natürlichen noch verstärkende Verfremdung, betont noch durch das Vergehen der Zeit, in der die einzelnen Bildteile aufgenommen wurde: Da kommt eine Frau mit rotem Hut plötzlich zweimal vor, erst tritt sie rechts ins Blickfeld, dann läuft sie links hinaus und hat nichts bemerkt. Wir aber sehen: So sehen wir, wenn wir gut hinsehen, wie es Corradi nebenbei tut.

Kooperation mit Robert Frank

Das kommt vielleicht auch daher, dass er das Fotografieren für sich immer als «eine Freiheit» habe behalten wollen. Als Künstler versteht er sich nicht, auch nicht jetzt, wo seine Fotografien erstmals in einer Ausstellung zu sehen sind. Selbst wenn Corradi mit Leuten zusammengearbeitet hat, die heute als grosse Künstler gelten. Neben all den Regiefiguren der Schweizer Filmgeschichte – von Dindo und Koller über Murer bis zu Giger – sind es auch Weltkünstler aus anderen Sparten: Corradi war der Mann, der bei «Der Lauf der Dinge» und «Der rechte Weg» von Peter Fischli und David Weiss die Kamera geführt hat.

Und er kooperierte mit Robert Frank, mit dem er 1987 sogar eine kurze – und seltene – Aufzeichnung in seinem Atelier gedreht hat. Sie wird in der Ausstellung erstmals überhaupt öffentlich gezeigt. Frank fragt sich, zu welchem Zweck man überhaupt noch Bilder machen solle, es gebe ja schon so viele. Über die neue Kamera Corradis staunt er trotzdem. Corradi schaltet sie aus, um ihm zu zeigen, wie ruhig sie ist – und Frank, auch ein Meister der beiläufigen Aufmerksamkeit, sagt ins Schwarz hinein: «Das ist ein gutes Bild.»

Kornhausforum: Pio Corradi: Fotografien, bis 2. August 2015

Der Bund

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