Porträt

Ein Berner Ethnologe in New York

Martin Brauen war während vier Jahren Chefkurator des Rubin Museum of Art – und lernte, im rauen New Yorker Klima die Ellenbogen zu brauchen. Nach vier Jahren ist er zurück – und er hat Pläne für Bern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine beiden kleinsten Ausstellungen in New York waren die erfolgreichsten. Mickymaus, Goofy, Tim und Struppi holte der Berner Ethnologe Martin Brauen ins Rubin Museum of Art. Die Schau «Hero, Villain, Yeti: Tibet in Comics» zeigt fünfzig Comics aus den letzten sechzig Jahren. Der älteste ist von 1945, die neuesten stammen von jungen tibetischen Künstlern aus Indien. Die Ausstellung bringt Erstaunliches zutage. Mickymaus ist genauso selbstverständlich im Himalaja unterwegs wie Lara Croft. Und die meisten Mönche in den Comics sind gar keine Tibeter, sondern Weisse. Tibet als Tummelplatz westlicher Helden – damit kennt sich Brauen aus.

Obwohl er mit nicht wenigen der Comics vertraut sei, habe ihm die Ausstellung ein neues Verständnis für die Geschichte der Mythen und der Wahrnehmung und Klischierung von Kultur vermittelt, schrieb der Kritiker der «New York Times» über Brauens letzte Ausstellung im Rubin Museum. Die kleine Schau löste ein grosses Echo aus, und sie ist typisch für den 63-Jährigen. Der Berner Ethnologe hat sich einen Namen gemacht mit seinen komplexen Ausstellungen, in denen er bekannte Phänomene in neue Kontexte stellt und überraschende Bezüge freilegt. So sind seine Ausstellungen «Traumwelt Tibet» und «Die 14 Dalai Lamas» am Zürcher Völkerkundemuseum international auf grosse Beachtung gestossen.

Von der Medizin zur Ethnologie

Brauen hat früh als Ausstellungsmacher begonnen. Bereits als junger Student organisierte er die erste Ausstellung in Europa über tibetische Kunst. Sie war so erfolgreich, dass er sein Medizinstudium an den Nagel hängte und Ethnologie studierte. Während 35 Jahren arbeitete der Experte für tibetische Kultur am Völkerkundemuseum Zürich als Kurator. So positiv das Echo auf seine Ausstellungen auch war, so gross war in den letzten Jahren sein Frust. «Ich hatte noch so viele Ideen, aber ich musste realisieren, dass ich längst pensioniert sein werde, wenn ich wieder an der Reihe für eine Ausstellung bin.» Die Berufung nach New York im Jahr 2008 war für ihn dann die Chance. «Das Museum ist eine grossartige Spielwiese, endlich konnte ich eine Reihe lang gehegter Projekte umsetzen.»

Gegründet wurde das Museum 2004 vom Amerikaner Donald Rubin. Für einen dreistelligen Millionenbetrag liess der Selfmade-Milliardär ein fünfstöckiges ehemaliges Warenhaus in Chelsea umbauen. Der Unternehmer, der früh angefangen hatte, tibetische Kunst zu sammeln, wollte einen Ort für die Präsentation seiner rund 2000 Objekte aus dem Gebiet des Himalaja schaffen. Angetroffen hat Brauen zunächst ein ziemliches Chaos. «Man hat mich geholt, um dem Museum ein klares Profil zu geben.»

Das raue New Yorker Klima

Doch zuallererst musste er sich mit den neuen Arbeitsbedingungen vertraut machen, die sich ziemlich von jenen am Völkerkundemuseum unterschieden. «Die Zürcher Uni, zu der das Museum gehört, ist ein selbstverwalteter Betrieb, in dem aus Opportunismus mit Kritik ziemlich zurückhaltend umgegangen wird», sagt Brauen, der dort zuletzt als Direktor ad interim tätig war. Zu seiner Zeit habe man die Kollegen nicht brüskieren wollen, weil man nie gewusst habe, ob man sie nicht einmal als Verbündete brauche. «In einem solchen Umfeld konnten Konflikte kaum ausgetragen werden.»

Ganz anders war Brauens neue Situation. «Als private Institution muss sich das Rubin Museum im rauen Klima New Yorks behaupten», da werde vom Chefkurator erwartet, dass er autoritär auftrete. «Ich habe gelernt, meine Ellenbogen zu brauchen.» In Zürich hatte er fast alles selber organisieren müssen, vom Ausstellungskonzept über das Verhandeln mit Leihgebern bis zur Sponsorensuche. «Wir Kuratoren waren Mädchen für alles. Das war zwar abwechslungsreich, aber nicht sehr professionell und effizient.» Am Rubin Museum konnte er auf einen Mitarbeiterstab zurückgreifen, von dem er in Zürich nur geträumt hatte. «Ich durfte mich ganz auf das Konzipieren eines Ausstellungsprogramms, die Leitung des Kuratorenteams und die Pflege von Beziehungen konzentrieren.»

Ausser den Dauerausstellungen bietet das Rubin Museum acht Sonderausstellungen pro Jahr. Brauen konnte sowohl die Schau zur vergleichenden Kosmologie als auch jene zum Tod in den verschiedenen Religionen realisieren, zwei Projekte, die ihm schon lange am Herzen lagen. Mit der Präsentation von C. G. Jung (2010) ist ihm weiter ein Coup gelungen, der das Haus weit über Kunstkreise hinaus bekannt gemacht hat. Brauen überzeugte die zuständige Jung-Stiftung, dass das Rubin Museum der richtige Ort sei, um das geheimnisumwitterte «Rote Buch» von Jung erstmals der Öffentlichkeit vorzustellen. Samt umfangreichem Rahmenprogramm.Auch bei der Gestaltung dieser Reihen offenbart sich Brauens Gespür für Zusammenhänge. So wurde im Rahmen der Comicausstellung das Werk der deutsch-russischen Schriftstellerin Helena Blavatzky thematisiert, die mit ihren Schriften im Westen entscheidend zur Mystifizierung Tibets beitrug und in Amerika das Interesse am Okkultismus schürte.

Der überschwänglichen Verehrung von Tibets Kultur ist Martin Brauen, der mit der tibetischen Künstlerin Sonam Dolma verheiratet ist, immer kritisch begegnet. Viel wichtiger sei für die Tibeter und ihre bedrohte Kultur eine tiefer greifende Auseinandersetzung. So konfrontierte Brauen immer wieder die alte Kunst mit Werken von zeitgenössischen Kunstschaffenden, so zum Beispiel von Wolfgang Laib, Atta Kim und Theaster Gates in der Ausstellung «Grain of Emptiness: Buddhism-Inspired Contemporary Art».

Die Macht der Sammler

So gross die Freiheit war, die ihm Rubin gewährte: Brauen wusste immer auch um die Grenzen im Land der unbeschränkten Möglichkeiten. Eine Ausstellung mit politischen Inhalten zum Beispiel zur Unterdrückung der Tibeter wäre kaum realisierbar gewesen. «Ein Projekt wie jenes über die 14 Dalai Lamas in Zürich ist hier problematisch.» Und er verheimlicht auch nicht seine weniger angenehmen Erfahrungen mit Händlern und Sammlern. Da war der Kunsthändler, der Donald Rubin so lange bearbeitete, bis eine Ausstellung über tibetische Kunst in seinem Sinn gestaltet wurde – und nicht in jenem des Chefkurators. Solche Versuche der Einflussnahme seien sehr amerikanisch. Doch das sei der einzige Wermutstropfen gewesen.

Mit grosser Skepsis verfolgt Brauen auch die wachsende Macht der Sammler, die mit allen Mitteln versuchen, ihre Schätze in den Museen zu zeigen und so deren Wert zu steigern. «Die Filetstücke sind oft im Besitz der Sammler», sagt Brauen, «da braucht es viel Verhandlungsgeschick.» Und es stelle sich auch immer wieder die Frage, ob es ethisch und wirtschaftlich sinnvoll sei, private Sammlungen zu zeigen. «Manchmal gelingt es, mit einem Sammler ein für beide Seiten stimmiges Konzept auszuarbeiten.» Wenn zum Beispiel der Sammler das künstlerische Konzept des Kurators akzeptiere und nicht inhaltliche Änderungen zu erzwingen versuche. «Im Idealfall bekommt der Sammler eine professionell kuratierte Ausstellung. Als Gegenleistung übernimmt er einen Teil der Kosten und schenkt dem Museum noch ein Objekt.»

Bill Viola im Münster?

Zu schaffen machen Brauen die Tendenzen auf dem internationalen Kunstmarkt. «In China werden unglaubliche Sammlungen von tibetischer Kunst aufgebaut, Objekte im Wert von mehreren Millionen Dollar werden bei Christie’s und Sotheby’s versteigert und verschwinden dann in privaten Sammlungen. Eine problematische Entwicklung.» Während auf den Auktionen immer exorbitantere Preise bezahlt werden, werden die Ankaufsbudgets der Museen immer kleiner, und der Austausch von Leihgaben wird immer teurer und aufwendiger.

Noch kann das Rubin Museum mithalten. Das Stiftungsvermögen, mit dessen Zinsen der Betrieb finanziert wird, hat die Finanzkrise erstaunlich gut überstanden. «Wir mussten nur auf eine Ausstellung verzichten, und ich konnte mein Team nicht so schnell aufbauen wie zuerst abgemacht.» Nach der Neupositionierung, die Brauen gelang, verfügt das Museum über einen ausgezeichneten Ruf und ist damit attraktiv für Leihgeber und finanzkräftige Stiftungen geworden. 200'000 Besucher verzeichnet es jährlich, Tendenz steigend, und der Belgier Jan Van Alphen, Brauens Nachfolger, wird wohl den eingeschlagenen Kurs weiterverfolgen.Zurück in der Schweiz, will Brauen erst einmal seine Erfahrungen auswerten.

Aber er hat auch schon neue Pläne: Er möchte die Kosmologieausstellung gern auch in Europa zeigen. Und Bill Viola nach Bern holen. In der Ausstellung über den Tod zeigte der amerikanische Videokünstler, dessen Werk 2011 an der Biennale von Venedig zu sehen war, eine eindrückliche Arbeit über den Kreis des Lebens. Wo er diese zeigen möchte, weiss Brauen auch schon. Möglichst im Berner Münster, in unmittelbarer Nähe zu einer der prächtigsten Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Weil alte und zeitgenössische Kunst zusammen ganz neue Auseinandersetzungen möglich machen. (Der Bund)

Erstellt: 11.03.2012, 10:44 Uhr

Das Museum

Die Ausstellung «Hero, Villain, Yeti: Tibet in Comics» im Rubin Museum of Art ist noch bis 11. Juni zu sehen.

www.rmanyc.org

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...