Die bauen die Arche

Kann es sein, dass so simple Bilder derart elektrisieren? Yann Mingard zeigt im Foto- museum Winterthur, wie unsere Zivilisation jenes Material speichert und kontrolliert, aus dem das Leben entsteht.

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Vielleicht sieht die Zukunft, wenn sie denn wahr wird, tatsächlich so unscheinbar aus. Alabuschewo, ein Vorort von Moskau; in der Ecke eines Korridors steht eine Art Milchkanne auf einem stumpfgrauen Teppich, und in der Kanne liegen gefroren ein Hund und drei menschliche Hirne.

36'000 Dollar verlangt die Firma Krio-Rus für die Tiefkühlhaltung einer ganzen Person. Aber schon für 12'000 halten sie einem hier nach dem Tod auch das Gehirn allein so lange frisch, bis man es dereinst, die Entwicklung der dafür nötigen Technologie vorausgesetzt, aus dem flüssigen Stickstoff holen, auftauen und wieder in Betrieb nehmen kann; zusammen mit einem «neu nachgewachsenen oder zur Gänze künstlichen Körper», wie es bei der Firma heisst. «Neurokonservierung – unser Angebot für eine moderne, technisch aufgeschlossene Kundschaft.»

Hier also, in diesem zerbeulten, mit abgewetzten Etiketten verklebten und mit Drähten verschnürten Topf aus Stahl: das ewige Leben. Und unten am Kübel drei rostfleckige Möbelrädchen, mit denen er sich auf dem abenteuerlich gewellten Teppichboden hält. Wie Science-Fiction sieht das wirklich nicht aus.

Daten sind Samen

«Deposit» heisst das Projekt, für das Yann Mingard in den letzten fünf Jahren unterwegs war zwischen Moskau und Brest, Aarhus und Wädenswil: Er hat Einrichtungen besucht, die jenes Material sammeln, sichern und kontrollieren, aus dem das Leben entsteht. Wobei dazu Gene genauso gehören wie Bytes, Samenbanken wie Datenspeicher. Das genetische Zeitalter hat die Biologie zu einer Frage von Codes gemacht, von Informationen, während umgekehrt Daten die DNA der Informationsgesellschaft bilden.

Samen sind Daten sind Samen sind Daten, und Mingard spannt diesen ganzen Bogen auf. Da hat einer sein Thema durchdacht, bevor er die Kamera in die Hand genommen hat, und nur schon damit wäscht einem diese Ausstellung den Kopf.

Vor allem aber hat der Lausanner Fotograf eine Zukunft aufgespürt, die uns bereits erreicht hat. Das Leben ist machbar geworden; allerdings nicht in den chromblitzenden, von Ein- und Frankensteinen bevölkerten Kulissen, die man aus dem Kino kennt. Im Schweizerischen Nationalgestüt in Avenches wird das Sperma eines Zuchthengsts abgefüllt, und zwar in einen Kinderschoppen. An der Universität im belgischen Löwen reckt ein Bananenkeimling seine grünen Spitzen dem Pfropfen eines Glasröhrchens entgegen; ein Pflänzchen, aber auch ein Soldat, in vitro aufgezogen und bereit für seinen Einsatz, sobald die nächste Pflanzenpest die aktuelle Einheitssorte vernichten wird.

In einer französischen Viehsamenfabrik verrichtet derweil Jocko Besné sein Tagwerk; ein Star von einem Stier der Sorte Holstein, der weltweit eine Drittelmillion Nachkommen gezeugt hat, ohne eine einzige Kuh je selber gesehen zu haben. Und an der Future Health Biobank in Nottingham liegt die Probe einer Nabelschnur nackt in einer Glasschale. Sieht aus wie ein Scheibchen Ingwer, ist aber ein Ersatzteillager, aus dem sich durch die Gewinnung von Stammzellen menschliches Ersatzgewebe züchten lassen soll, auf den einzelnen Spenderkunden zugeschnitten, für voraussichtliche 25 Jahre nach der Geburt.

Die Wirklichkeit, wie Yann Mingard sie zeigt: elektrisierend, gerade weil dermassen unfuturistisch. Einmal sieht man weisse Kittel, einmal Computerbildschirme – ansonsten aber: ein Röhrchen, eine Styroporbox, Getreidekörner, ein mit wasserfestem Filzstift beschrifteter Alubeutel, ein Krümel Zoobärengewebe auf einem Stück Gaze, eine Kellerwand, eine mit Raureif bewachsene Tür.

Aussichten auf die Apokalypse

Mit einer staunenswerten Konsequenz setzt sich dieser Fotograf über die Macht der erwartbaren Bilder hinweg. Umso klarer, umso brisanter zeigt sich hier dafür das Programm jenes weltumspannenden Projekts, an dem in den Labors, Instituten und Bunkern gearbeitet wird. Ein hundert Meter langer Stollen im Permafrostboden, dann steht man vor dem Global Seed Vault auf Spitzbergen in der norwegischen Arktis, jener unterirdischen Tresorerie, die 2008 in Betrieb genommen wurde, um Proben des Saatguts sämtlicher Kulturpflanzen auf diesem Planeten kriegs- und katastrophensicher zu verwahren.

Mit Mingard geht es dann auch in einen Berg bei Gstaad, in einen ehemaligen Armeebunker, in dem heute ein Privatunternehmen ein Datensicherungszentrum betreibt; es verspricht Schutz nicht nur vor Hackern, Systeminfarkten und menschlichen Fehlern, sondern auch vor atomaren und chemischen Waffen.

Noahs Arche ist ein Bunker, die Zivilisation legt sich Backups zu, biologische wie digitale. Es geht um die Betriebssicherheit auf den Äckern und in den Konzernen, aber noch um etwas mehr, und das ist unheimlich: Hinter den beben- und bombensicher angelegten Samen- und Datenspeichern steht das Szenario des Weltuntergangs.

Es könnte irgendwann Schluss sein mit allem, und für die Zeit danach wird schon gesorgt – auch davon erzählen diese Bilder. Wobei «erzählen» zu viel gesagt ist: Mingard macht meist sehr introvertierte Bilder, er setzt enge Ausschnitte, isoliert die Objekte, vermeidet Handlung und verzichtet auch auf zusätzliches Licht. Eigentlich besteht «Deposit» aus lauter Stillleben.

Recherche, aber richtig

Resultat dieses Manövers: erstens eine klaustrophobische Atmosphäre, in der die Ahnung der Apokalypse vibriert. Zweitens rufen diese spartanischen Bilder förmlich nach Text. Die Ausstellung liefert ihn sparsam, das Begleitheft ausführlich: vierzig Seiten allein für die Bildlegenden, dazu ein Glossar und zwei Essays. Von «Recherche» und «Forschung» reden heute alle in der Fotografie. Aber noch selten hat einer einen solchen Ernst damit gemacht wie dieser Mingard.

Und drittens dann noch: die Fragen, die «Deposit» aufwirft. Biotechnologie und Menschendesign, Machbarkeitswahn und Unsterblichkeit, Saatgutkontrolle und Genpatentierung – neu ist das alles nicht. Aber gerade weil sich Mingard nicht von den Theatereffekten seines Themas ablenken lässt, kann er diesen Komplex scharfstellen. Wissen wir, was wir da tun? Hier geht es erst einmal einen Schritt zurück, aber der ist auch einer nach vorn: Wissen wir eigentlich, dass wir es tun?

(Der Bund)

Erstellt: 10.03.2014, 07:14 Uhr

Ausstellung

Bis 25. Mai, www.fotomuseum.ch. Begleitbuch im Steidl-Verlag, 279 Seiten, 40 Franken. – Zudem im Fotomuseum: die Sammlungsausstellung «Surfaces».

Iren Stehli in der Fotostiftung

Wenn sie zuletzt nicht noch farbig geworden wären: schwer zu sagen, aus welcher Zeit diese Bilder überhaupt stammen. Da ist jemand ausserordentlich beharrlich, geradlinig und eigensinnig am Werk, und das seit vierzig Jahren. 1972 hat sich die Zürcherin Iren Stehli in Prag niedergelassen; dort ist sie Fotografin geworden, und dort hat sie nicht nur ihren Stil, sondern auch ihr Thema gefunden – den Alltag in dieser Stadt, die kleinen Leute und ihre Versuche, mit den Verhältnissen zurechtzukommen.

Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur zeigt nun unter dem Titel «So nah, so fern» den ersten Überblick über Stehlis Schaffen. Im Zentrum: «Libuna», das Langzeitporträt jener Roma-Frau, die Stehli 35 Jahre lang durch die Wechselfälle ihres Lebens begleitet hat. Den roten Faden durch ihr weiteres Werk bilden die fein gewirkten Beobachtungen, in denen diese Fotografin private Regungen in den Wohnzimmern genauso einzufangen weiss wie die stummen Botschaften vereinsamter Treppenhauspflanzen. (ddf)

Bis 25. Mai, www.fotostiftung.ch. Begleitbuch im Limmat-Verlag, 72 Seiten, 19 Franken.

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