«Die Grimassen frieren nach kurzer Zeit ein»

Marco Morelli ist Clown, Schauspieler, Rotkreuzfahrer – und Nacktmodell. Eine Auswahl seiner Nackt-Posen gibt es in der Lorraine zu sehen.

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Clown und Nacktmodell: Marco Morelli.

(Bild: zvg)

Xymna Engel

Wie betrachten Sie sich nackt am liebsten: skizziert, schattiert oder eher abstrakt? Am besten finde ich es, wenn mich die Zeichner mit wenigen Strichen erfassen, wenn ich die Expression erkenne, die ich als Modell mit meiner Körperhaltung ausdrücke - diese kann laut, schrill, schüchtern oder skurril sein.

Sie sind seit 40 Jahren Aktmodell, arbeiten als Clown, Schauspieler und Entertainer aber vor allem mit Ihrem Gesichtsausdruck. Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, ins Porträt-Business zu wechseln? Ich habe ein verlebtes Gesicht und bin auch noch Clown, das ist natürlich auf den ersten Blick sehr interessant. Ich habe mich gegen Porträts aber immer gesträubt. Die Grimassen frieren nach kurzer Zeit ein, das ist grauenhaft. Ausserdem bekommt man als Aktmodell mehr Geld. Seit ich als 20-jähriger Freak vom Land in die Stadt Bern gekommen bin, war das immer ein guter Nebenverdienst. Leider hat das Aktzeichnen in den Kunsthochschulen nicht mehr so eine grosse Bedeutung wie früher, dabei ist es absolut sinnliches Gestalten und schult das Auge!

Noch heute führen Sie in Ihren Worten ein «Künstler-Komödianten-Freak-Leben». Sie haben sich nie als festes Ensemblemitglied an einem Theater verpflichten lassen. Im Rückblick eine gute Entscheidung? Finanziell wäre es sicher einfacher gewesen. Ich habe aber viele Rollen abgelehnt, weil mir zu jenem Zeitpunkt klar war: Wenn ich jetzt nicht in den Zirkus gehe, mache ich es nie. Dann werde ich bequem, will nicht mehr im Schneesturm Eisennägel in den Boden schlagen, um das Hochseil zu befestigen, oder im Hochsommer bei 40 Grad im Zelt auftreten. In meiner ganzen Laufbahn war mir mein eigenes Programm auf kleinen Off-Bühnen immer wichtiger als Angebote von grossen Theaterhäusern. Ob meine Show funktioniert, habe ich auch nie an der Resonanz im Kleintheater gemessen. Ich habe mein Ziel erst dann erreicht, wenn ich den Punk, die Grossmutter, den Kulturinteressierten und den Gastarbeiter gleichzeitig fesseln kann.

Das haben Sie mit Ihrem Soloprogramm «Circo Morelli» oft geschafft. Vor einigen Jahren haben Sie es für tot erklärt. Warum gehört der Morelli, der unter freiem Himmel als Nummerngirl durch die Manege stöckelt oder als Tiger durch den Feuerreifen springt, der Vergangenheit an? Mit zunehmendem Alter wurden die artistischen Nummern wie Seiltanz und Handstand für mich einfach zu anstrengend. Ich bin natürlich nicht nur Artist, sondern auch der «Schnureplutteri-Morelli-Clown», aber ohne diese zirzensischen Elemente fehlt der Show einfach etwas. Es war nicht einfach, sich davon zu verabschieden, sie war ein Teil meiner Identität. Ich konnte auch im Winter sagen: Ich bin Zirkusdirektor. Heute führe ich manchmal noch meine Rola-Bola-Nummer auf, eine poetische, stille Nummer. Ich mag es aber auch schrill und provokativ, im Tojo der Reitschule bin ich auch schon nackt aufgetreten. Aber auch hier muss die Poesie mitschwingen.

Wie oft hängen Sie nackt an Ihren eigenen Wänden? Ich besitze nur wenig Zeichnungen von mir selbst. Vor einigen Jahren habe ich aber einen Bekannten von mir besucht. Seine Tante, eine Kunstmalerin, hatte ihm vor einer Weile ihren Nachlass vererbt. Als ich durch seinen Korridor gelaufen bin, war ich sehr erstaunt, denn an der Wand hingen lauter füdleblutti Morellis.

Der Bund

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