Die Banalität der Kontrolle

Wie sieht es aus, wenn sich die Schweiz vor Gefahren schützt? Die Bilder von Salvatore Vitale zeigen es, in der Fotostiftung Winterthur.

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Christoph Heim@bazonline

Für einmal liegt der Reiz einer Ausstellung in der Banalität ihrer Bilder: die Pistole im Gurthalter eines Grenzwächters oder der Wandtisch aus Aluminium in einer leeren Sicherheitszelle. Der Schirm, mit dem eine junge Dame zwei Offizieren Regenschutz gibt, oder die Kolonne von Militärwagen auf einem Truppenübungsplatz.

Mit solchen Bildern zeigt der Fotograf Salvatore Vitale die Banalität des Guten, wenn wir den berühmten Buchtitel von Hannah Arendt abwandeln dürfen. Denn alles, was wir hier zu sehen bekommen, ist zur Produktion von Sicherheit in der Schweiz gedacht. Dabei wird die Kamera des Fotografen zum Mittel der Dokumentation, zur Konkretisierungsmaschine, die das abgehobene Sprechen von Sicherheit und die damit verbundenen Ideologien in kritischer Weise auf den Boden der Wirklichkeit holt.

Denn die Arbeit des Zöllners ist nichts anderes als eine Kontrolle von Menschen. Er filmt, fotografiert, scannt, untersucht und befragt. Selbst wenn er mit Hightechapparaten arbeitet und alles über Computernetze abgeglichen wird – beim realen Kontakt zwischen Zöllner und Reisendem gibt es Glasscheiben und Monitore.

Auch für Rettungseinsätze im Superpuma braucht es zuallererst eine Fliegerausrüstung, wie ein Bild aus einem Helikopter zeigt. Und selbst die Waffen sind, betrachtet man sie näher, nichts weiter als Dinge aus gebogenem, gestanztem und gegossenem Metall.

Ein Wald von Bildern

Die Ausstellung in der Fotostiftung in Winterthur heisst «How to Secure a Country». Sie führt durch einen Wald von grossformatigen Fotografien, die auf Metallständern im Raum verteilt auf dem Boden stehen. Das Ausstellungsdispositiv haben die Kuratoren kommerziellen Sicherheitsmessen abgeschaut, wo mandie Ware gernemitsolchen Stellwänden darbietet.

Der Parcours führt von den Sicherheitsdispositiven des Zolls zu jenen von Armee und Polizei. Es folgen Einblicke in die Fabriken, die Datensicherheit versprechen, danach kommen Roboter und Drohnen in den Blick des Fotografen, der schliesslich die Büros und Monitore der Meteorologen fotografiert, schliesslich haben Wettervorhersagen auch einen grossen Anteil an der Sicherheit der Schweiz. Zu jedem Abschnitt gibt es informative Grafiken, die statistische Erkenntnisse zur Polizeiarbeit und zur Migration veranschaulichenund die Fotos in einen Kontext setzen.

Die Lage ist veränderbar

Vier Jahre dauerte die Recherche von Salvatore Vitale, er bekam Kisten und Kästen zu Gesicht, fand Zeichen, Signale, Leuchten, Scanner, Waffen, Fahr- und Flugzeuge und Uniformen. Aber genau das suchte der gebürtige Italiener, der seit 15 Jahren im Tessin und in Zürich lebt.

Vitale geht es um nichts so sehr wie um die Normalität der Geräte vor Ort. Denn an ihnen lässt sich zeigen, dass es sich bei unserer Sicherheit nicht um eine abstrakte Grösse handelt, sondern um ein ganz Konkretes, Materielles und Gemachtes – das durchaus auch veränderbar ist.

«How to Secure a Country»: Fotostiftung Winterthur, bis 26. Mai.

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