Der Schweizer Weltreporter

Der heute Montag verstorbene René Burri hat die Weltgeschichte mit seiner Kamera festgehalten. Er wurde dabei selbst zur Ikone.

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Drei Augen besass René Burri, und damit machte er sich zur Legende. Der Fotograf und seine Leica, sie waren so verbündet, wie in dem anderen Fall eines Heldenlebens die Zigarre mit dem Mann verwachsen schien – Ernesto Che Guevara. Burri und Che, es war ein Schicksalstreffen damals, 1963 im Büro von Kubas zweitem Mann in der achten Etage des Hotels Riviera in Havanna. Burri sollte die Starreporterin von «Look», Laura Bergquist, zu einem Interview begleiten.

Doch während sich die Journalistin bald in politischen Themen verhakte, kettenrauchend wie der Kubaner selbst, ergriff Burri die Gelegenheit: Er fotografierte den Mann, seine Spannung und Entspannung, seinen gönnerhaften Blick auf die Frau, seine Verstimmung auch, sein Gesicht, seine Körperhaltung. Er fotografierte Che aus der Deckung seines diplomatischen Talents und seines Stilgefühls, seiner Diskretion, seines Charmes, seiner Burri-typischen Verführungskunst und seiner Begeisterungsfähigkeit.

Ches Bild machte ihn zur Ikone

Zweieinhalb Stunden und acht Filmrollen später besass der Zürcher, was ihn nach Guevaras Tod selber zur Ikone machte: ein schwarzweisses Porträt, Che mit Zigarre, ästhetisch komponiert, stilsicher in der Lichtführung. Es ist jenes Bild, nebst jenem des Kubaners Alberto Korda (Che 1960, anlässlich einer Trauerfeier), das den Revolutionär zum politischen Pop-Idol des 20. Jahrhunderts stilisiert hat.

Denn René Burri war Teil der Weltgeschichte, fünf Jahrzehnte lang und auf allen Kontinenten, von der Suezkrise bis zu Tiananmen - und er war mehr. Er protokollierte nicht nur Geschichte und Geschichten, er gestaltete sie auch, indem er sie in Bilder fasste, die uns helfen sollten, sie überhaupt erst zu begreifen. Und von ihr ergriffen zu sein, bestenfalls.

165 Reisepässe verloren

René Burri erzählt die Begegnung mit Ernesto Che Guevara später immer wieder, und dazu trug er nicht nur seine Leica offen auf der Brust, sondern auch seinen Borsalino, wenn er ausging, und er trug seinen Schal – der ihn vollends zum Maurice Chevalier der Kamera machte. Zum Mann von Welt und Weltbürger, 16 Pässe soll er besessen haben und 165 weitere verloren, gestand er nicht wenig stolz.

Denn dieser Chevalier im Geiste war gleichzeitig auch ein «Reisläufer», so verstand er sich, Burri, der Schweizer Söldner in Kriegs- und Krisengebieten. Und wenn er seine Geschichten von Welt erzählte, Söldner Burris Leben rapportierte also, die dramatischen Episoden im Vietnamkrieg zum Beispiel, dann tat er das so, als erlebte er die Situation zum ersten Mal. Im Feuer erzählte er sie, und doch auch selbst (ein wenig) überrascht von der Wendigkeit eines Menschen, der einen Instinkt besass für prekäre Situationen und für die Möglichkeit, dass ein Einzelner in Gefahr – oder aus innerer Notwendigkeit – über sich selbst hinauswachsen kann. Ob zu Politikern oder Künstlern, die er immer wieder fotografierte – Picasso, Le Corbusier, Alberto Giacometti; René Burris Künstlerseele fühlte die Verbindung zu Zeitgenossen mit einer Utopie.

Verehrung für viele Menschen

René Burri verehrte viele Menschen, und er war gross genug, um von seiner Bewunderung für Grosse zu sprechen. Er verehrte Henri Cartier-Bresson als seinen Lehrer und Freund; er verehrte den Mitbegründer der Agentur Magnum, David Seymour, weil der ihn wie ein kleines Kind ins kalte Wasser geworfen habe, indem er dem jungen Schweizer Aufträge anvertraute, an denen er wachsen und sich beweisen konnte. Er verehrte Picasso, seiner Energie wegen, und er bewunderte den Machtmenschen in ihm. Und Burri verehrte, das sagte er in privaten Gesprächen, Houdini.

Houdini? Das ist der Zauberer, der berühmt war für seinen Trick, sich aus einer engen Kiste, gefesselt, in Ketten, zu befreien. René Burri sah sich als dieser Houdini, nicht nur, aber sicher auch, weil er in der Schweiz geboren wurde. Und weil er seine Leica als «Zauberstab» begriff, um die Schweizer Berge zu überwinden. Und das gelang ihm früh. Er war 22 Jahre alt 1955, Absolvent der Fotofachklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule – und bei Hans Finsler in Neuer Sachlichkeit geschult –, als seine Arbeit über die Zürcher Musikpädagogin Mimi Scheiblauer mit gehörlosen Kindern von der Agentur Magnum angenommen und im Magazin «Life» publiziert wurde. Was für ein Karrierestart!

Seine nächste aufsehenerregende, vielleicht wichtigste Arbeit gelang 1962, drei Jahre nach Robert Franks «Les Américains», die Reportage «Die Deutschen», Bilder aus einem geteilten Land, preisgekrönt und für viele mit Franks Arbeit vergleichbar. Dann das Meisterbild Che, ein Jahrhundertmoment, ein Jahrhundertbild. René Burri war Teil einer Zeit, die in der unseren weiterlebt und die wir in Büchern verstehen lernen, auch in den Büchern von Burri. Dabei werden wir auf jeder Seite seine Stimme vermissen, die dazu die abenteuerlichsten Geschichten erzählte. Denn er erzählte sie, immer und immer wieder, weil er an die gesellschaftliche Kraft zur Veränderung geglaubt hat. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2014, 18:25 Uhr

René Burri fotografiert seit den 50er-Jahren Filmstars. 2012 stellte die Galerie Burgerstocker in Zürich bei Nomos Glashütte eine Auswahl vor. Darunter Legenden wie Ingrid Bergman und Ursula Andress.

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