Der Grössenwahnsinnige

Mehr Pracht, mehr Ekel, mehr Massentauglichkeit geht nicht: Superstar Damien Hirst stellt in der Londoner Tate Modern aus und lässt Schmeissfliegen über einen gehäuteten Rinderkopf krabbeln.

Eingelegte Ikone: Damien Hirst vor seinem Hai (1991).

Eingelegte Ikone: Damien Hirst vor seinem Hai (1991). Bild: Keystone

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Gleich der Auftakt ist eine Frechheit. So, wie Damien Hirsts (1965) Schaffen generell eine Frechheit ist. Das Problem ist nicht der Pingpongball, der im Luftkegel eines nach oben gerichteten Föns (wohlgemerkt ein Mio-Star-Modell unserer Migros!) tanzt. Das Problem ist, dass uns daneben der Künstler von einer Fotografie entgegenlacht – Wange an Wange mit dem abgetrennten Kopf eines Toten.

Lachend Tabus zu durchbrechen und Trivialitäten kaltschnäuzig zu servieren – das sind die Spezialitäten von Damien Hirst. Und exakt, was Englands eingerostete Kunst lange so schmerzlich vermisste. Die Rettung kam 1988 in der Person eines Drittsemestlers des Goldsmiths College, der mit ein paar Kollegen in einem abgewrackten Lagerhaus an der Themse jene Ausstellung einrichtete, deren Name ein an die Besucher gerichteter Imperativ war: «Freeze». Erstarrt!

Was damals erstarren liess – das Tête-à-Tête von Abgründen und Leichtigkeit –, zeigt auch heute noch seine Wirkung. Und so wurde jetzt, in der Tate Modern, an dieser ersten Retrospektive von Hirst Superstar das hüpfende Pingpongbällchen gleich neben den Schocker schlechthin platziert: einen abgehäuteten, in einer Blutlache liegenden Rinderkopf hinter Glas, an dem sich Tausende fetter Schmeissfliegen verköstigen, vermehren, verrecken. Damit legt Hirst nicht nur ein grausiges Memento mori vor. Sondern auch den Beweis, dass er die Spielregeln seines Metiers bestens beherrscht. Hirst packt uns dort, wo wir am verletzlichsten sind: an den «guts», wie die Briten sagen würden, den Eingeweiden.

Nur wenige Ideen, aber brillant

Entsprechend macht es Spass, die Reaktionen jener zu studieren, die dem wüsten Treiben im Glasgehäuse zusehen. Egal, ob angeekelt oder amüsiert: Stets liegt eine Faszination in den Blicken, die weniger in der Lust am Morbiden gründet als vielmehr in der Tatsache, dass ein Begreifen schlichtweg nicht möglich ist. Oder, um es mit Hirsts Worten zu sagen, in der «Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden». Mit dem gleichnamigen Werk schrieb sich Hirst 1991 in die Kunstgeschichte ein: Der mit weit aufgerissenem Schlund in blassgrünem Formaldehyd treibende Hai ist Provokation, Ikone und konservierter Grössenwahn zugleich.

Wenn sich die Kritiker hinsichtlich der Frage, ob Hirsts Schaffen Bestand haben wird, derzeit die Finger wund schreiben, dann erscheint diese Diskussion müssig: der Hai hat es längst schon bei zahllosen Publikationen zur Gegenwartskunst aufs Cover geschafft. Weil sich der im Herzen der Ausstellung aufgebahrte «pickled shark», wie ihn die Briten liebevoll-spöttisch nennen, schlicht und einfach in der Netzhaut festbeisst. Natürlich ist Hirsts Hai auch der Inbegriff seines Œuvres. Hirst ist kein Picasso, kein manisch kreatives Arbeitstier. Er ist vielmehr ein Schwergewichtsboxer des Kunstmarktes, der mit gelegentlichen, gezielten Schlägen alles um sich herum lahmlegt: In den 25 Jahren, auf welche die Tate nun zurückblickt, war Hirst zwar die Galionsfigur der durch Supersammler Charles Saatchi ausverkauften Young British Artists und räumte 1995 den Turner-Prize ab, hatte dabei aber nur ein paar wenige Ideen. Doch diese waren brillant, und Hirst wusste sie auszuschlachten bis zum Gehtnichtmehr. Und so ist jetzt in der Tate Modern ein regelrechtes Sortiment von Einweckkadavern zu bestaunen: Schafe, wahlweise in Weiss und Schwarz; ganze Fischschwärme; eine im Landeanflug erstarrte Taube – und natürlich das skandalträchtige Publikumsmagnet der Venedig-Biennale von 1993: Mutterkuh und Kälbchen, beide gescheckt, beide fein säuberlich längs geteilt.

Die totale Verführung

Von wegen «willst du gelten, mach dich selten». Hirst pfeift auf die Magie des Unikats und lässt seine Werke, wenn immer sie gebraucht (und gut berappt) werden, bereitwillig von seinen 180 Assistenten reproduzieren. Fragen nach Authentizität oder künstlerischer Handschrift sind im Zeitalter nach Duchamps Readymades und Warhols Factory ohnehin rasch vom Tisch. Und gegen Unkenrufe, wonach ein geschätztes Vermögen von einer Milliarde Pfund der Kreativität abträglich sei, helfen Glauben und Meditation: etwa Hirsts «zwölf Apostel» – ein Dutzend gut mit Drogen bestückte Medizinschränke – oder seine «Spot Paintings», für die er so lange bunte Punkte auf so viele Leinwände verteilte, bis damit alle elf weltweit verstreuten Filialen der Gagosian Gallery gleichzeitig bespielt werden konnten. Und wenn all das nichts bringt, kann man immer noch die Metaphysik bemühen: jenen mit Diamanten panierten Totenkopf, den Hirst für 50 Millionen Pfund just an dem Tag versteigern liess, als in Amerika Lehmann Brothers Konkurs anmeldete.

Zynismus hin, Vermarktbarkeit her – ist Hirsts Kunst denn nun gut? Ja – und massentauglich noch dazu. Erstens, weil Hirst eine klassische, leicht lesbare Symbolik bemüht. Zweitens, weil er mit dem Holzhammer auf jenem Themenpaar herumdrischt, welches Kunstpublikum wie -produktion seit je umtreibt: Leben und Tod. Das ist banal, natürlich. Aber eben auch zeitlos. Und so ist Damien Hirst nicht nur ein gewiefter Künstler und ist diese Schau nicht nur eine grossartige Schau. Nein, sie ist d i e Kunstausstellung 2012. Spätestens, wenn man aus jenem Saal tritt, in dem Hirst Dutzende lebender Schmetterlinge aus an Leinwänden festgeklebten Puppen schlüpfen und zwischen den verzückten Besuchern flattern lässt, nur, um ein paar Räume weiter aus den Flügeln dieser zarten Kreatürchen gearbeitete, wandfüllende Mandalas zu präsentieren; wenn man Abertausende bunter Pillen und Strasssteine in meterlangen, polierten Vitrinen liegen sieht, die den eingelegten Viechern ringsum auch nichts mehr nützen: Spätestens dann gibt man jeden Versuch auf, der Verführung dieses herrlich selbstironischen, himmelschreiend provokativen Werks zu widerstehen, verneigt man sich gedanklich vor der Opulenz, der Schönheit, dem Meister und zieht erleuchtet von dannen. Um ganz – ganz! – bestimmt wiederzukommen.

Bis 9. September. (Der Totenkopf «For the Love of God» ist nur bis zum 24. Juni ausgestellt.) Kataloge für 35 £ (Hardcover) oder 25 £ (Softcover). www.tate.org.uk (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2012, 13:49 Uhr

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Das Werk von Damien Hirst

Das Werk von Damien Hirst Bronzestatuen, Diamanttotenköpfe und tote Tiere zeichnen das Werk des Briten aus.

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