Das Spanplattenmassaker

Betriebspannen

1993 wurde im Berner Kunstmuseum ein 30 Quadratmeter grosses Werk von Harald Naegeli, dem Sprayer von Zürich, ohne Einverständnis des Besitzers zersägt.

1982 kommt das spontan entstandene Werk Harald Naegelis ins Berner Kunstmuseum – noch vollständig

1982 kommt das spontan entstandene Werk Harald Naegelis ins Berner Kunstmuseum – noch vollständig

(Bild: Keystone)

Der Direktor war bleich, seine Assistentin charmant und die Situation beiden sehr peinlich. Wie erklärt man der Presse, dass man ein Kunstwerk, dessen Wert auf 80'000 bis 150'000 Franken geschätzt wird, zersägt hat? Die beiden ringen an jenem Apriltag 1995 im stilvollen Direktionsbüro des Berner Kunstmuseums mit den Worten und werfen sich bei jeder Frage vielsagende Blicke zu.

Ganze 30 Quadratmeter gross ist das zerstörte Kunstwerk von Harald Naegeli gewesen, und es war wohl das einzige mobile Objekt aus der Frühphase des Sprayers von Zürich. Entstanden ist es 1981 in einer einmaligen Aktion auf der Kulturredaktion der «Berner Zeitung». Der 42-jährige Naegeli, der wegen seinen Graffiti polizeilich gesucht wird, lebt damals im Untergrund.

Die Kulturredaktion macht ihn ausfindig und organisiert mit ihm eine Gesprächsrunde, an der auch Museumsdirektor Hans Christoph von Tavel teilnimmt. Daniel Leutenegger, der damalige Chef des BZ-Kulturressorts, hat noch eine Spraydose dabei, und der gut gelaunte Naegeli zaubert kurzerhand einen Fisch, eine Frau und ein Auge auf die weissen Bürotrennwände.

Unheilvoller Umzug

Als die Räume später umgebaut werden, lässt Leutenegger die Spanplatten auf eigene Kosten abtransportieren und sucht nach einem Ort, wo die Zeichnungen Naegelis, dessen Bühne der öffentliche Raum ist, auch für ein breites Publikum zugänglich wären. Er fragt von Tavel an, der sagt zu, ein Leihvertrag wird unterzeichnet, und die Tafeln verschwinden in einer Garage des Museums.

1993 erkundigt sich Leutenegger nach ihnen – und muss erfahren, dass sie zersägt wurden und nur noch zwei Fragmente vorhanden sind. Man habe, so der Direktor, wegen Umbauarbeiten den Depotraum dringend gebraucht. Dem geschockten Leutenegger erklärt von Tavel weiter, dass man ihm die Novopanplatten ganz gern zurück gegeben hätte, doch dummerweise sei die Quittung mit seinem Namen unauffindbar gewesen.

In Fragmenten erhalten

Im Scharmützel mit dem geprellten Besitzer macht von Tavel keine gute Figur. Zwar räumt er ein, dass dem Museum «ein grosser Fehler» unterlaufen sei, doch versucht er sich mit ziemlich seltsamen Ausreden und Aktionen aus der Affäre zu ziehen und verärgert damit auch Harald Naegeli. Man habe nach Anweisung des Künstlers die Platten zersägt, erklärt er Leutenegger. Bei Naegeli ist nämlich das Museum mit seinen Sägeabsichten vorstellig geworden. Der Künstler, der davon ausging, dass das Museum die Besitzerin ist, skizzierte, wie aus zwei Fragmenten eine neue Installation zu schaffen sei.

Eine Antwort auf seinen Vorschlag hat er allerdings nie erhalten – dafür aber Monate später einen Brief des Direktors mit der Bitte, doch als Ersatz für die zerstörten Tafeln in Leuteneggers Haus eine Wand zu besprayen. Dieser Vorschlag macht Naegeli so wütend, dass er Leutenegger drängt, das Museum zu verklagen. So weit kommt es allerdings nicht. Kunstmuseum und Leutenegger treffen 1994 einen aussergerichtlichen Vergleich, über den Stillschweigen vereinbart wird.

Ein Jahr später tauchen – oh Wunder – Fragmente der drei verschwundenen Tafeln wieder auf und werden Daniel Leutenegger ausgehändigt. Und wieder trifft das Kunst¬museum mit ihm eine Vereinbarung: Leutenegger erklärt sich bereit, die beiden Teile, die Naegeli ausgewählt hat, dem Museum abzutreten, wenn dieses damit innerhalb der nächsten zwei Jahre die Installation nach den Anweisungen des Künstlers realisiert. Dazu kommt es nicht, und dem Kunst¬museum entgeht somit das einzige Werk, das der Sprayer in Bern geschaffen hat.

Wie gefragt die Werke des einst verfolgten Künstlers sind, belegt Naegelis «Undine», die heute zu Zürichs Sehenswürdigkeiten gehört. 2004 hat die Stadt die Seejungfrau von 1978, eines der wenigen Naegeli-Graffiti, das nicht weggeschrubbt wurde, aufwendig restaurieren lassen.

DerBund.ch/Newsnet

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