Der Jäger versteckter Schönheit

Bis zuletzt stiess er in neue Dimensionen vor: Jetzt ist der international bekannte Berner Künstler Balthasar Burkhard, Pionier der monumentalen Fotografie, im Alter von 65 Jahren gestorben.

Balthasar Burkhard, aufgenommen im Jahr 2004.

Balthasar Burkhard, aufgenommen im Jahr 2004. Bild: Keystone

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«Scent of Desire» hiess Balthasar Burkhards letzte grosse Ausstellung im Winter 2009/10. Wie heftig das Begehren des 65-jährigen Künstlers war, dokumentierte eine Reihe unerhört abgründiger Blumen- und Landschaftsbilder. Eine Serie, die aufzeigte, wie intensiv der Künstler noch immer danach suchte, der Fotografie neue Dimensionen abzuringen: Im Bellpark in Kriens überraschte Balthasar Burkhard mit zwei Bilderzyklen in Farbe. Bereits ein Jahr zuvor hatte der Meister der Schwarzweissfotografie, der in seiner langen Karriere nur selten Farbe verwendete, Stillleben geschaffen, die in ihrer schlichten Schönheit an die Gemälde alter Meister erinnern.

Gestern ist Balthasar Burkhard im Alter von 65 Jahren in Bern gestorben. Seine letzten Bilder, von denen einige Anfang Jahr auch in der Galerie Kornfeld in Bern gezeigt wurden und die in einem Bildband dokumentiert sind, belegen, wie gross die Sehnsucht Burkhards bis zuletzt war, seine inneren Bilder, die er zum Teil jahrzehntelang mit sich herumgetragen hatte, umzusetzen. Mit schweren gesundheitlichen Problemen hatte er in seinen letzten Jahren zu kämpfen. Doch seine inneren Bilder auch für andere sichtbar zu machen, dafür scheute er keinen Aufwand.

Auf den jungen Fotografen, der bereits als 20-Jähriger ein eidgenössisches Stipendium für angewandte Kunst erhalten hatte, wurde die internationale Kunstwelt aufmerksam, als er 1969 zusammen mit dem Berner Künstler Markus Raetz erste grossformatige Fotografien realisierte. Allerdings stiessen diese Arbeiten zunächst auf Unverständnis, teilweise auch in der Kunstwelt: Als erste Künstler weltweit belichteten die beiden in einem selber entwickelten Verfahren Leinwände. Eines dieser Werke, mit denen Raetz und Burkhard den Alltag ins Rampenlicht der Kunst zerrten, zeigt im Massstab 1:1 Raetz’ ziemlich trostloses Atelier in Amsterdam. Unbekannte Aspekte der Fotografie dokumentierten diese Bilder, mit denen Burkhard und Raetz das Verhältnis der «richtigen» Realität und der abgebildeten neu definierten.

Die in den Sechzigerjahren sehr virulente Berner Kunstszene war für Burkhard, der beim bekannten Berner Fotografen Kurt Blum eine Lehre absolviert hatte, sehr wichtig: Offen für die verschiedensten Einflüsse, entwickelte er sehr schnell einen eigenen unverwechselbaren Stil. Eine grosse Rolle spielte der Kurator und damalige Leiter der Berner Kunsthalle, Harald Szeemann, für den Burkhard arbeitete und der sofort das grosse Talent des jungen Fotografen erkannte.

Abstecher nach Hollywood

Und wie seine damaligen Berner Künstlerkollegen zog es auch Burkhard bald in die grosse weite Welt hinaus. Sogar in Hollywood tauchte Burkhard auf, mit einer mit Schlangenleder eingefassten Box voller Fotos, die ihn in verschiedenen Posen zeigten und die er auf den Tisch der Agenten stellte. Mit seinem Charaktergesicht liebäugelte Burkhard eine Zeit lang mit einer Karriere als Leinwandschurke.

Doch die Suche nach den ganz eigenen Bildern führte Burkhard weiter, durch die ganze Welt. So lebte er längere Zeit in Chicago, wo er eine Professur innehatte und wo ihn die Häuserschluchten faszinierten. Denn Burkhard schürfte mit seinen Fotografien nach jenen Strukturen, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren und die er sowohl in Natur- als auch in Städtelandschaften fand. Oder am Himmel, wenn er zum Beispiel im Engadin stundenlang auf «seine» Wolkenkonstellation lauerte. In dieser hartnäckigen Suche zeigte er sich als meisterhafter Jäger versteckter Schönheit, als grandioser Schattenfänger und einzigartiger Magier, der den Betrachter ins Staunen versetzt mit einer Harmonie, die sich nicht auf den ersten Blick erschliesst. Über seine grosse Kunst verlor Balthasar Burkhard selber keine grossen Worte. «Ich zeige das, was sonst niemand sieht», sagte er.

Was er sah, waren neue Zusammenhänge und unerhörte Rhythmen, auch bei den Menschen, denen er nicht nur übermächtige Grösse zubilligte, sondern die er in den Siebzigerjahren auch zu zerlegen begann. Die ganze Ausstellungshalle füllte der Arm, den er 1983 in der Basler Kunsthalle zeigte. Ein behaartes Bein wurde bei Burkhard zur Säule, ein weiblicher Akt zum Monument.

Die Suche nach der Urgöttin

Ein zentrales Thema in Burkhards Schaffen ist die Darstellung des weiblichen Geschlechts. Sein Leben lang war Burkhard auch auf der Suche nach der Urgöttin, an der alle Sehnsüchte auflaufen. Auch hier rückt Burkhard mit seinem ebenso radikalen wie subtilen Vorgehen in die Nähe der Bilder grosser Maler. Zum Beispiel mit seinen fotografischen Reflexionen zu Gemälden von Gustave Courbet, die 2007 in die grosse Schau über den Maler, den Burkhard sehr bewunderte, im Grand Palais in Paris integriert wurden.

Es ist eine nie verklärte Schönheit, die Burkhard sichtbar macht: Dies belegen die kleinformatigen Polaroids mit Frauenakten, die er 1970 zusammen mit Markus Raetz schuf, genauso wie die riesigen Frauenbilder, die er in der Ausstellung «Songlines» vor wenigen Jahren im Museum Franz Gertsch präsentierte, oder die berührende Bildserie über Nacken und Füsse einer Geisha.

Dabei ist es Balthasar Burkhard immer gelungen, die Frauen auf den Aktbildern von den gängigen Klischees zu befreien: Sie alle hat er in einer Dimension wahrgenommen, von der sogar die Porträtierten selber kaum eine Ahnung gehabt haben. (Der Bund)

Erstellt: 16.04.2010, 17:41 Uhr

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