Die Surbeks

Aus der Zeit gefallen

Victor Surbek und Marguerite Frey-Surbek waren sechzig Jahre verheiratet, doch künstlerisch gingen sie eigene Wege. Eine Publikation und eine Ausstellung in Iseltwald würdigen das Berner Malerpaar.

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Bern hat eine Surbekstrasse. Sie liegt zwölf Minuten Fussweg entfernt vom Zentrum Paul Klee. Dass die Namen Surbek und Klee mehr verbindet als das Quartier im Osten Berns, wissen viele nicht. Ebenso wenig ist bekannt, dass sich hinter dem Namen Surbek nicht nur ein Maler, sondern auch eine Malerin verbirgt. Marguerite Frey-Surbek (1886–1981), eine Nichte des Bundesrats Emil Frey, war sechzig Jahre mit Victor Surbek (1885–1975) verheiratet, doch eine Frau Surbek wurde sie nie. Sie behielt nämlich ihren Mädchennamen und stellte – für jene Zeit unüblich – den Namen ihres Gatten hintenan. Obwohl das Malerpaar zeitlebens in vielen Bereichen sehr aktiv war und man seine Spuren in Bern bis heute findet: Victor Surbek und Marguerite Frey-Surbek sind in Vergessenheit ­geraten.

Markus Schneider, der Autor des ersten gemeinsamen Buchs über die Surbeks, glaubt den Grund zu kennen: Ihre Kunst sei zu wenig stilprägend und langfristig zu wenig innovativ gewesen, sagt er. Die beiden seien zudem ziemlich stur gewesen. Von Dingen, die sie einmal als richtig erachtet hätten, seien sie nicht ­abzubringen gewesen. Schneider ist mit der Grossnichte des Malers verheiratet.

So hat sich der Autor in den letzten Jahren aus nächster Nähe mit dem Malerpaar auseinandersetzen können, von dem 2011 die erste und bisher einzige gemeinsame Ausstellung in der Sammlung Wicherheergut stattfand. Die erste Ausstellung in Iseltwald, 1993, war ausschliesslich seinem Schaffen gewidmet. Man habe damals noch den Wunsch respektiert, dass die beiden Künstler nicht gemeinsam hätten ausstellen wollen, sagt Schneider.

Sein detailreich bebildertes, flüssig zu lesendes Buch hält Antworten auf viele Fragen parat. Und es gewährt zudem einen faszinierenden Einblick in ein Künstlerleben, das aus Sicht der Malerin irgendwie auch tragisch anmutet. Mit Eltern und Geschwistern war Marguerite Frey aus dem Jura nach Bern gekommen. Hier besuchte sie die Kunstgewerbeschule und erhielt als 18-Jährige Malunterricht von Paul Klee. Die Eltern hatten ein sicheres Gespür, wem sie ihre Tochter anvertrauten. Klee war damals noch unbekannt. Doch die Familien kannten sich: Marguerite nahm bei Klees Vater, dem Musik­direktor Hans Klee, Gesangsstunden.

Zu schnell zu viel Wirkung

Der junge Klee besuchte seine Schülerin alle vierzehn Tage in ihrer Mansarde an der Steinerstrasse. Sie machte viele Studien und Skizzen und träumte von Grös­serem. Ölgemälde, zum Beispiel. Doch Klee hielt davon nichts. Mit Öl lasse sich zu schnell ohne jedes Können zu viel Wirkung erzielen. Um «Neues» kennen zu ­lernen, schickte er sie nach zwei Unterrichtsjahren nach Paris. Hier lernte sie Monets Seerosenbilder kennen. Auch sie malte mit Vorliebe Blumen, Sträusse, ­Interieurs. Das Schöne, schön zu malen, war ihr Ehrgeiz, doch in der Schweiz schenkte man ihrer Kunst wenig Beachtung.

Unter den Studenten, die 1911 in der Académie ein und aus gingen, war nicht nur Meret Oppenheim, sondern auch Victor, der Sohn des späteren Direktors des Berner Inselspitals. Er hatte seinen Vater mit dem Berufswunsch Maler überrascht. Um zu erfahren, ob der Sohn über genügend Begabung verfüge, liess der Vater ihn in Genf bei einem Fachmann prüfen. Er hiess Ferdinand Hodler und gab grünes Licht.

Nach der Heirat 1914 bezog Victor mit Marguerite eine Wohnung an der Junkerngasse und gründete an der Gerechtigkeitsgasse eine Malschule, die allerdings nie stilbildend wurde. In jener Zeit erhielt Victor Surbek erste Aufträge. Er malte Wandbilder und engagierte sich als Präsident der Sektion Bern der GSMBA (Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer) für eine Berner Kunsthalle. Mit ­Erfolg: 1918 wurde sie eröffnet.

Eigenständig bleiben

Auch Marguerite Frey-Surbek war neben ihrer künstlerischen Tätigkeit aktiv und gründete im Mattequartier den ersten Mädchenhort für verwahrloste Kinder. Dass das Malerehepaar Surbek und Frey-Surbek nie eine gemeinsame Ausstellung bestritt, war kein Zufall. Beide wollten das nicht. Er befürchtete ­«People-Geschichten», sie, ihre Eigenständigkeit zu verlieren und mit ihm verglichen zu werden. Dass sie zeitlebens in seinem Schatten stand, schmerzte sie. Er erhielt weitere Aufträge. Er bemalte den Zeitglockenturm mit einem Fresko ­(«Beginn der Zeit»), malte ein Wandbild für den Tierpark Dählhölzli (1937), das alsdann allerdings dem Neubau des Vivariums Platz machen musste, aber immerhin nicht zerstört wurde: Die Schauspielerin Lieselotte Pulver setzte sich für den Erhalt des Bildes ein.

Für die «Landi» 1939 gestaltete Victor Surbek Briefmarken und zusammen mit Hans Erni Banknoten im Auftrag der Schweizer Nationalbank, die aber nie in Umlauf kamen. Und Marguerite Frey-Surbek verbuchte 1930 an der Biennale Venedig mit dem Akt «Hilda mit Badetuch» einen Erfolg und erhielt 1947 – zwölf Jahre vor ihrem Mann – in der Kunsthalle Bern eine Einzelausstellung. Ihrem Selbstbewusstsein tat das gut. Es blieb dabei. Der Stil des Malerpaars schien irgendwie aus der Zeit gefallen.

Inspirationsquelle Iseltwald

In Iseltwald am Brienzersee schufen sich die Surbeks eine Rückzugsmöglichkeit. Hier, im auffälligen Atelier mit Pultdach und riesiger Fensterfront, entstanden viele Ansichten der malerischen Umgebung, in der nun eine gemeinsame Ausstellung eingerichtet wird. Am Ort ihres Lebens und Schaffens erhalten die Spuren des vergessenen Berner Malerpaars eine besondere Authentizität.

(Der Bund)

Erstellt: 25.07.2014, 08:08 Uhr

In echt (Foto undatiert) und... (Bild: KMB)

...im gemalten Selbstbildnis (1920): Die Surbeks. (Bild: KMB)

(Bild: KMB)

Publikation

Markus Schneider: «Die Surbeks – ein Berner Künstlerpaar». Verlag Scheid­egger & Spiess, 2014. 144 S., ca. 29 Fr., Ausstellung im Schulhaus Iseltwald: Vernissage, 26. Juli, 17 Uhr. Di bis Sa, 15–18 Uhr; Do, 20–22 Uhr; So, 11–17 Uhr. – Besuch des Künstlerateliers: So, 3., und Sa, 9. August, 14–16 Uhr. www.surbek.ch

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