Aus der Blackbox Gurlitt

Zwei Kunsthistorikerinnen versuchen in einem neuen Buch zu erklären, wie die umfangreiche Sammlung entstanden ist. Sie können aber nicht alle Fragen klären.

1937 fand in München die Ausstellung «Entartete Kunst» statt. Sie verzeichnete in vier Monaten mehr als zwei Millionen Besucher. Foto: Archiv

1937 fand in München die Ausstellung «Entartete Kunst» statt. Sie verzeichnete in vier Monaten mehr als zwei Millionen Besucher. Foto: Archiv

Und wieder ein Buch zu Gurlitt. Längst sind noch nicht alle Fakten auf dem Tisch zum Fall, der 2013 mit «Nazi-Schatz entdeckt» internationale Schlagzeilen schrieb. Zahlreich sind die Fragen rund um den Schwabinger Kunstfund, die bis heute nicht schlüssig beantwortet werden können. Nicht ausgewertet sind zum Beispiel jene Tausende von Dokumenten, die in Cornelius Gurlitts (1932–2014) Wohnsitzen in München und Salzburg sichergestellt wurden. In der neusten Publikation steht nun der Vater von Cornelius Gurlitt, der 2014 seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht hat, im Zentrum. Jener Mann also, der die mehr als 1500 Kunstwerke zusammengetragen hat, um die seit mehr als einem Jahr gestritten wird (der «Bund» berichtete).

Mit dem Titel «Hitlers Kunsthändler – Hildebrand Gurlitt 1895–1956» knüpfen die beiden Kunsthistorikerinnen Meike Hoffmann und Nicola Kuhn nun bei der «Nazi-Schatz»-Schlagzeile an. Am Ende des 400-seitigen Buches wird denn auch noch die Entdeckung des «Schwabinger Kunstfunds» thematisiert. Enttäuschend ist allerdings dieses kurze Kapitel, werden doch fast nur bereits bekannte Fakten aufgeführt. Das erstaunt, ist doch Meike Hoffmann nicht nur eine ausgewiesene Raubkunstexpertin: Als Mitglied der Taskforce, die 2013 eingesetzt wurde, als der Fall an die Öffentlichkeit gelangte, hatte sie Einblick in die Dokumente, die bei Cornelius Gurlitt sichergestellt wurden.

Wo Kritik geübt wird, fällt diese knapp und zurückhaltend aus. Zum Beispiel jene an die Adresse der Augsburger Staatsanwaltschaft, und sie betrifft nur die Beschlagnahmung der ganzen Sammlung und die Tatsache, dass bis zum Zeitpunkt, als das Magazin «Focus» den Fall öffentlich machte, gerade mal eine einzige Kunsthistorikerin für Abklärungen eingesetzt wurde. Zitiert wird auch ein Strafrechtler mit der Aussage, dass die Beschlagnahmung eines einzigen Bildes wohl genügt hätte, um mögliche Steuerschulden zu decken. Diskret vermerkt ist zudem, dass die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, sich bereits in ihrer früheren Funktion als Amtschefin und Stellvertreterin des damaligen Kulturministers mit dem Fall befasst habe, ohne dessen Brisanz zu erkennen..

Saloppe Behauptungen

Das sind spannende Aussagen, doch sie werden nicht weiterverfolgt. Salopp wird auch behauptet, dass das Bündel mit 500-Euro-Scheinen, das deutsche Zollfahnder 2010 bei Cornelius Gurlitt entdeckt haben, vom Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld gewesen sei – ohne Belege vorzulegen. Nicht nachvollziehbar ist weiter, dass mit dem letzten Kapitel kurz noch die Folgen des Falls Gurlitt für öffentlichen Museen und private Sammlungen gestreift werden. Ein Thema, so heikel und brisant, dass ihm auf sieben Seiten nicht beizukommen ist.

Visionärer Museumsdirektor

So ärgerlich diese Versäumnisse und Ungenauigkeiten sind, so spannend und auch differenziert ist über weite Strecken das Bild, das die beiden Kunsthistorikerinnen vom kunstbesessenen Hildebrand Gurlitt zeichnen. Diesem unscheinbaren Mann mit den weichen Gesichtszügen und den dicken Brillengläsern, der als «Vierteljude» vom Propagandaministerium den Auftrag erhielt, Kunstwerke für das geplante «Führermuseum» in Linz zu organisieren und mit dem Verkauf von «entarteter Kunst» dem Dritten Reich Devisen zu verschaffen.

Bei der Lektüre wird schnell klar, dass Gurlitt bereit war, dem Teufel ein bisschen mehr als nur den kleinen Finger zu geben. Nicht nur um zu überleben, sondern auch für die Rettung seiner über alles geliebten Kunst der Moderne, für die er sich bereits in ganz jungen Jahren engagierte.

Die Leidenschaft für die Kunst packt Hildebrand Gurlitt schon früh im Elternhaus. Die Gurlitts sind eine Dynastie von Malern, Galeristen, Pädagogen und Komponisten. Der Vater ist Kunsthistoriker und Professor an der Technischen Universität Dresden. Trotz dieses privilegierten Hintergrunds hat der ruhelose Hildebrand, der sich an verschiedenen Unis zum Kunsthistoriker ausbilden liess, erst Mühe, in der Kunstwelt Fuss zu fassen.

1925 bekommt er endlich die erste wichtige Stelle als Museumsdirektor in Zwickau. Dort setzt er sich dafür ein, die Meister der Moderne einem breiten Publikum näher zu bringen. Das Museum als Ort der Begegnung – das ist seine für jene Zeit revolutionäre Vision, die er in Zwickau erfolgreich umsetzt. Mit sicherem Gespür ergänzt er die Sammlung des Museums mit seinen Entdeckungen und startet seine Kollektion. Doch der Rausch ist jäh zu Ende, weil die neue Kunst bei den völkischen Kunstliebhabern nicht ankommt. Der «Kampfbund für deutsche Kultur» statuiert an ihm ein Exempel. Gurlitt verliert die Stelle, gilt aber in fortschrittlichen Kunstkreisen als Märtyrer und Held.

Mit der gleichen Begeisterung wie in Zwickau startet er noch einmal als Direktor des Kunstvereins Hamburg. Doch auch dort dauert seine Amtszeit nicht lange – abgesetzt wird er, als er eine Fahnenstange abmontieren lässt, um das Hissen der Hakenkreuzfahne zu verhindern. Ab 1933 sind ihm alle öffentlichen Ämter verwehrt, nicht aber der Kunsthandel, wo er schon früh sein grosses Talent beweist. Wie der leidenschaftliche Kunstliebhaber Gurlitt immer wieder zurückgewiesen und übergangen wird, wie er für die Kunst der Moderne und seine Ideen kämpft, das zeichnet das detailreiche und flüssig geschriebene Buch anschaulich nach. Gestört wird das atmosphärisch dichte Porträt allerdings von allerlei moralisch eingefärbten Vermutungen und Widersprüchen über Gurlitts Zeit im Dienste des Dritten Reichs.

Pakt mit dem Teufel

Je bedrohlicher die Lage für ihn wird – weil er nie weiss, ob nicht plötzlich die Rassengesetze auch für «Vierteljuden» gelten –, desto grösser wird seine Nähe zu den Machthabern: 1938 bewirbt er sich beim Propagandaministerium als offizieller Verkäufer «entarteter Kunst». Er verdient gut dabei, vermittelt auch Werke an Schweizer Museen, verkauft zum Beispiel Franz Marcs «Tierschicksale», für das er dem Propagandaministerium 5000 Franken bezahlt hat, dem Kunstmuseum Basel für 6000 Franken.

Hat er von der Notlage Verfolgter profitiert? Das Buch liefert keinen eindeutigen Befund, mal heisst es, er hätte Preise über dem Durchschnitt bezahlt, mal ist die Rede davon, dass er die Zwangslage eines Kunden ausgenutzt habe, der nach Amerika ausreisen wollte. Doch belegt wird Letzteres nicht.

So viel steht fest: Ein kleines Vermögen hat Gurlitt während des Kriegs angehäuft, massgeblich dazu beigetragen haben seine Einkäufe im besetzten Paris. Denn äusserst geschickt wurstelt er sich bis zuletzt durch – und fährt damit auch nach dem Krieg weiter.

Trotz widersprüchlicher Aussagen übersteht er verschiedene Entnazifizierungsverfahren, dabei verheimlicht er seine privaten Schätze und gibt auch vor, nichts zu wissen, wenn er nach verschollenen Kunstwerken gefragt wird, die in seiner Sammlung sind. Er schafft es sogar, dass eine ganze Reihe Persönlichkeiten sich für ihn einsetzen. Als er 1956 an den Folgen eines Autounfalls stirbt, ist er Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins und eine angesehene Persönlichkeit.

Eingewoben in Hildebrand Gurlitts komplexe Biografie sind auch kurze Passagen aus Cornelius Gurlitts Jugend. Wie 1945 die Zerstörung von Dresden den Buben traumatisierte, so wie sein späterer Aufenthalt an der Odenwaldschule, die er während zweier Jahre besuchte. Auch hier liefern die Autorinnen nur ein paar Andeutungen, die mehr Fragen aufwerfen als Zusammenhänge erhellen. Nicht verfolgt wird zum Beispiel die Frage, wie die umfangreiche Sammlung Gurlitt so schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden konnte. In vielen Aspekten bleibt so der Fall Gurlitt weiterhin eine Blackbox.

Meike Hoffmann, Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895–1956. Verlag C. H. Beck, 2016 München. 400 S., Fr. 31.90.

Der Bund

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