Auf dem Weg in den Kubismus

Die Fondation Beyeler zeigt, wie Picasso eine völlig neue Malerei entdeckt. Eine Schau der Superlative. Und die wohl teuerste, die in der Schweiz je zu sehen war.

Die Werke der blauen und rosa Periode aus dem Frühwerk von Pablo Picasso gehören nicht nur zu den teuersten der Kunstgeschichte, sondern auch zu den beliebtesten. Video: SDA
Christoph Heim@bazonline

Den Auftakt zur neuen Ausstellung bei Beyeler macht das Gemälde «Yo Picasso», das noch ganz an Vincent van Gogh und den Spätimpressionisten erinnert. Das ist pures 19. Jahrhundert. Der kaum zwanzigjährige Künstler malte sich in diesem frühen Selbstporträt von der Seite, den herausfordernden Blick über die Schulter auf den Betrachter gerichtet.

An Selbstbewusstsein mangelte es dem 1881 in Málaga geborenen Pablo Ruiz Picasso (gestorben 1973) nicht. Schon zwei Jahre vor diesem Gemälde gab sich der Künstler einen eigenen Namen, in dem er kurzerhand das väterliche Ruiz wegliess und sich hinfort, wie die Familie seiner Mutter, ausschliesslich Picasso oder Pablo Picasso nannte. Und eben, 1901, es war sein zweiter Paris-Aufenthalt, betitelte er sein vor Tatkraft strotzendes Selbstbildnis mit dem heldenhaften «Ich, Picasso».

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Wer als Besucher, Picasso nachahmend, seinen Blick über die Schulter wirft, entdeckt im vorletzten Raum der Ausstellung ein ganz anders geartetes Selbstporträt. Was für ein Kontrast, was für ein Sprung in die Zukunft! Kaum fünf Jahre nach «Yo Picasso» ist der überbordende Impressionismus einer statuenhaften, schier klassischen Innerlichkeit gewichen. Picasso setzt im «Autoportrait» von 1906 auf seinen etwas massiven Oberkörper einen überaus plastisch modellierten Kopf, dessen Gesichts­züge durch schwarze Linien betont sind. Der Blick sucht nicht den Betrachter, sondern geht starr in eine unbestimmte Ferne.

«Der junge Picasso» ist eine Schau der Superlative. Sie bringt nicht nur gewaltige Versicherungswerte nach Riehen: Mit 4 Milliarden Franken, die zu versichern sind, ist es die wohl teuerste Ausstellung, die in der Schweiz je zu sehen war. Jedes Bild ist ein Ereignis und bekommt in dieser von Raphael Bouvier kuratierten Ausstellung, die in majestätischer Art das Schaffen des frühen Picasso ausbreitet, viel Luft und Raum.

Viel Luft und Raum

Erzählt wird von einer Kunst, wie man sie hier noch nie sah. Denn Bilder des frühen Picasso wurden zwar von Galerist Ernst Beyeler gehandelt, fanden aber nie Eingang in seine eigene Sammlung. Die ältesten Picassos von Beyeler, von 1907, gehören in den Umkreis des kubistischen Schlüsselwerks «Les Demoiselles d’Avignon» (hängt im Moma in New York und ist nicht in Riehen zu sehen). Etwas älter sind die «Deux frères» von 1906, die ursprünglich zur Sammlung von Rudolf Staechelin gehörten und 1967 per Volksabstimmung in den Besitz der öffentlichen Kunstsammlung Basel gelangten. Sie krönen nun den grossen Saal mit den Bildern der rosa Periode.

Der früheste Basler Picasso ist aber die «Buveuse d’absinth» von 1901, die sonst im Kunstmuseum Basel hängt. Nun steht die Absinthtrinkerin im Zentrum des zweiten Raums, der den spätimpressionistischen und fauvistischen Bildern des Künstlers gewidmet sind. Es sind Einblicke in die Etablissements des Montmartre. Kneipen, Bordelle, Tanzhäuser sind die Orte, wo sich der junge Picasso gern aufhielt. Er führte im Paris der Jahrhundertwende jenes so aufregende wie ärmliche Leben, das Henri Murger in der Mitte des 19. Jahrhunderts in «Scènes de la vie de la bohème» beschrieb.

«Femme en chemise» (1904–1905). Bild: Pablo Picasso, Tate London, 2019, Pro Litteris, Zürich «Yo Picasso» (1901). Bild: Succession Picasso, 2019, Pro Litteris, Zürich

In dem Raum begegnen wir auch schon jenen Harlekins, die Picasso später immer wieder malt. Auf «Arlequin et sa compagne» (1901) kringeln sich die Haare auf der Stirn der jungen Frau, deren Unterarme seltsam verbogen sind. Da wuchern krakelige Finger übers Gesicht des jungen Mannes, der versonnen aus dem Bild schaut. Da erscheinen, schon 1901, die rautenförmigen Muster, mit denen die Körper der Harlekins kubistisch dekonstruiert werden, bevor jemand von der kommenden Revolution etwas ahnte. Die Hände des Harlekins wiederum erinnern an El Greco, den spanischen Meister des Manierismus, der die Glieder seiner Figuren masslos in die Länge ziehen konnte und unnatürlich verdrehte.

Dann tauchen wir hinab in die blauen Picassos. Mitten in einem riesigen Raum hängt das legendäre Gemälde «La Vie» (1903), ein monumentales Werk aus dem Cleveland Museum of Art, das Jahrzehnte nicht mehr in Europa zu sehen war. Es gilt zu Recht als Höhepunkt dieser für Picassos Werk so wichtigen Phase. Aber was hat es mit diesem Blau-Spleen auf sich?

Sentimental und traurig

Um die Jahrhundertwende lag Blau sozusagen im Trend. In der Tendenz war die Farbe also nicht besonders originell. In der Konsequenz, wie sie Picasso in den Jahren 1903 und 1904 einsetzte, aber schon. Die Monochromie bot dem Künstler wohl die Chance, sich von den Beschränkungen und Bindungen des Realismus zu lösen, ohne auf dessen mimetische Kraft zu verzichten.

Am Anfang der blauen Periode steht der Suizid von Picassos Freund Casagemas, der aus Barcelona stammte und mit Picasso nach Paris gereist war. Picasso widmet ihm zahlreiche Leichenbilder und rutscht immer mehr in das traurige und, wie schon die Zeitgenossen sagten, oft etwas sentimentale Blau, das aber bestens zu den vor Mitleid triefenden Bildmotiven passt.

Zuerst wählt er Kobaltblau, später, in Barcelona, nehmen grünliche Blautöne überhand. Der Saal versammelt neben den Bildern von Casagemas auch ein grossartiges Selbstporträt, in dem der Maler sich viel älter darstellte, als er damals war, dazu zwei Ölstudien zu El Greco und unglaublich anrührende Gemälde von Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben.

Einmal holt er ein etwa zwölfjähriges Mädchen von der Strasse, das ihm mit Blumenstrauss in der Hand nackt Modell stand.

Danach gehört die Bühne den Frauen: Akte und Halbakte von Madeleine, einer grazilen jungen Frau, die Picasso 1904 Modell stand. Atemberaubend ihr ätherisches Porträt: «Femme en chemise». Nun arbeitet der Maler im berühmt gewordenen Bateau-Lavoir auf dem Montmartre, wo sich viele Maler niedergelassen haben. Einmal holt er ein etwa zwölfjähriges Mädchen von der Strasse, das ihm mit Blumenstrauss in der Hand nackt Modell stand. Diese «Fillette au panier de fleurs», die Picasso so unerhört schutzlos und verletzlich den Blicken der Betrachter preisgibt, war 2018 eines der Grossereignisse auf dem Kunstmarkt: Sie wurde von den Rockefeller-Erben für 115 Millionen Dollar an den libanesisch-monegassischen Kunsthändler und Milliardär David Nahmad verkauft.

Jetzt wechseln die Farben. Wir betreten die zwei Räume mit den Gouachen der rosa Periode, in der Picasso von der Welt des Zirkus erzählt: mit melancholischen Harlekins, kräftigen Männern und zerbrechlichen Zirkusmädchen. Und schon stehen wir vor «Les deux frères» (1906), jenem Basler Bild, das dem Thema der Nächstenliebe überzeitlichen Ausdruck verleiht und ziemlich genau den Ort bezeichnet, wo die figürliche Darstellung sich zum Kubismus hin öffnet.

In Gósol, einem spanischen Bergdorf in den Pyrenäen, in das sich Pablo Picasso im Sommer 1906 mit einer Geliebten zurückzieht, geschieht das Unerhörte: Aus Picassos einst farbsatten Bildern verschwinden die Farben fast ganz. Rosa- und Ockertöne beherrschen das Feld, so wie wohl in der trockenen Landschaft rund ums Dorf. Die Formen werden zunehmend vereinfacht. Iberische und romanische Skulpturen, die Picasso in Gósol kennen lernt, animieren ihn zur Produktion sehr gedrungener Statuen.

Meister seines Fachs

Sie radikalisieren den Künstler in dem Prozess, in dem er überaus plastische, meist weibliche, recht korpulente Figuren malt. Mehr und mehr machen diese starken Frauenfiguren den Anschein, als seien sie aus geometrischen Formen gezimmert, sodass sie eine überzeitliche und auch irgendwie jenseitige Präsenz erlangen.

Aus dem jungen Picasso ist in den Pyrenäen ein Meister seines Fachs geworden, der sich auf der Suche nach einer inneren Wahrheit im Bild vom schönen Schein verabschiedet hat. Mit der Revolution des Kubismus, heute würde man von einem disruptiven Prozess sprechen, hat Picasso sich und der Kunst bislang nie da gewesene Freiheiten erkämpft.

Der junge Picasso. Fondation Beyeler, Riehen, bis 26. 5.

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