Ab in die eigene Dunkelkammer

Fotografie

Wenn er nicht als Werbe- und Pressefotograf unterwegs ist, zeichnet der Berner Fabian Unternährer mit Licht, wird zum Forscher und wischt Staub weg. Was zum Vorschein kommt, zeigt er an den Bieler Fototagen.

  • loading indicator

Die Katze blinzelt kurz in die Kamera, erinnert mit ihrer Haltung an einen von einem Paparazzo ertappten Star. Absetzen möchte sich eigentlich auch das Pferd, die Affenskelette sind ebenfalls auf dem Sprung. Wie durch ein Nachtsichtgerät nimmt man all die Gestalten auf Fabian Unternährers Fotografien wahr: aufgetaucht für einen kurzen Moment, um wieder zu verschwinden. Das gilt auch für die Erscheinungen auf den lichten Bildern, für die Wolkengebilde am Himmel, für die in sich versunkene junge Frau, für den Mann mit dem gewehr­gleichen Eiszapfen im tiefen Schnee.

Was bleibt, ist Irritation, und man weiss nicht warum. «Vertigo», Schwindel, heisst denn auch die Serie, die Unter­nährer mit Aufnahmen aus den Jahren 2012 und 2013 zusammengestellt hat. Aus ein paar Hundert Aufnahmen hat der junge Berner Fotograf 25 für die Serie ausgewählt. 10 davon werden an den Bieler Fototagen gezeigt. Realisiert hat er sie nicht mit seiner digitalen Kamera, sondern mit den analogen Schwarzweiss-Ilford-Filmen. «Das ist ganz wichtig», sagt Unternährer, «arbeite ich mit Filmen, kann ich die Aufnahmen nicht subito begutachten und ziele dafür umso genauer.» Auch nach dem Entwickeln der Filme setzt er sich nicht sofort mit den Negativen auseinander. «Manchmal lege ich sie einfach noch eine Weile auf die Seite, bevor ich sie mir genau ansehe. Denn ich brauche eine gewisse Distanz.»

Irgendwann klinge dann bei der Durchsicht etwas an. «Der Maler Gerhard Richter hat einmal gesagt, dass er keinen Schimmer habe, was es werden solle, wenn er ein neues Bild anfange», sagt der Fotograf, und so ergehe es auch ihm. «Aber plötzlich entdecke ich eine Fährte.»

«Die helle Dunkelheit»

Wohin diese führt, weiss er nicht. «Ich nehme bestimmte Stimmungen wahr und wähle dann assoziativ eine Reihe Aufnahmen für eine Serie aus.» Manchmal wird die Auswahl zu einer Art Rückblende, zum Beispiel im Jahr, als sein Grossvater gestorben ist und der Tod auch sonst im Leben des jungen Fotografen plötzlich präsent gewesen ist.

Ein Teil der Negative werde im Labor weiterverarbeitet. Diese Arbeit überlässt Unternäher einem Meister der Vergrösserung und des Barytpapiers: Rafael Buess, der langjährige Mitarbeiter des verstorbenen Berner Fotokünstlers Balthasar Burkhard, macht die grossformatigen Abzüge der fein strukturierten Aufnahmen.

Mit «die helle Dunkelheit» umschreibt Unternährer die Atmosphäre auf seinen Fotografien. Seine Sujets, die in der Serie zu Symbolen werden, sucht er sich nicht bewusst aus. «Sie ergeben sich einfach.» Vertraut, ja gewöhnlich fast wirken diese erst, bevor sie den Betrach­ter wie ein Hai in die Tiefe ziehen. Und Unternährer erinnert an Robert Walser, der wie Franz Kafka zu seinen Lieblingsdichtern gehört: «Er beschreibt ganz banale Situationen, in ­denen sich plötzlich unglaubliche ­Abgründe auftun.»

Das gelingt auch Unternährer mit seinen Fotografien. «Jedes Bild ein Satz», sagt er, «und manchmal brauchts für die ganze Geschichte auch noch Nebensätze und Ausrufezeichen.» Ob eine verlorene Holzhütte oder ein schwindender Schneefleck – die Deutung des Beklemmenden, das seine Bilder­geschichten auslösen, ist nicht mehr Unter­nährers Sache, die überlässt er dem Betrachter. Und so katapultieren die Aufnahmen einen direkt in die ­eigene Dunkelkammer.

Der andere Unternährer

Dieses behutsame und intuitive Vor­gehen prägt sein ganzes künstlerisches Schaffen. Doch das ist nicht der ganze Unternährer. Da ist auch noch der Unternäher, der sich sein Leben als Werbe- und Pressefotograf verdient und Mitglied der Agentur 13 Photos ist. Hier die Kunst, dort der Kommerz – für ihn ist dies kein Spagat. «Das ist für mich wie auf zwei Beinen laufen.» Denn der 33-Jährige mag nicht nur Werbung und die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Leuten; die Brotjobs ermöglichen ihm auch seine künstlerische Freiheit. «Müsste ich von der Kunst leben, wäre ich gezwungen, mich mehr zu verkaufen.»

Bereits nach seiner zweijährigen Ausbildung an der Fotoschule Vevey hat er sich 2007 selbstständig gemacht. Keine einfache Sache, wirkte sich doch damals die Finanzkrise auch massiv auf den Werbemarkt aus. «Ich hatte Glück», sagt Unternährer. Habe er doch früh Fotos im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» unterbringen können, was rasch weitere Aufträge nach sich gezogen habe.

«Preise sind wie gutes Trinkgeld»

Sich mit seiner Fotokunst von Stipendium zu Stipendium und von Preis zu Preis zu hangeln, darauf hätte er nicht vertraut. «Das sind meist brotlose Existenzen, die mit der Zeit manchmal gar anfangen, ihre Arbeiten dem Geschmack der jeweiligen Jury anzupassen.»

Auch Unternährer hat bereits eine ganze Reihe Preise eingeheimst. 2009 zum Beispiel den Prix Photo der British American Tobacco Foundation. Mit der Preissumme kaufte er sich damals sein erstes Auto, eine günstige Occasion, einen Computer und leistete sich nach langer Zeit erstmals wieder Ferien. «Preise sind wie gutes Trinkgeld», kommentiert er diese Auszeichnung, die ihn bekannt gemacht hat. Auch die Pariser Galeristin Esther Woerdehoff, die grosse Namen wie René Burri und Eliott Erwing vertritt, ist damals auf den jungen Berner aufmerksam geworden und hat ihn unter Vertrag genommen. Dieser Karriereschub hat ihn allerdings nicht daran gehindert, noch einmal eine Schule zu besuchen.

Der Ringkampf in Zürich

An der Schule für Gestaltung in Zürich machte er noch den Bachelor in Fotografie. «Zürich, das ist ein Ringkampf», sagt er. «Dort habe ich meine Sporen mit den Eckzähnen abverdient», kommentiert er die nicht immer sehr sportlich ausgetragenen Konkurrenzkämpfe an der Schule. Die seien für ihn, den Umgänglichen, der andere lieber mit konstruktiver Kritik weiterbringe, ziemlich gewöhnungsbedürftig gewesen. Aber er habe dort auch gelernt, sich zu behaupten, sich auszudrücken und seine Standpunkte zu begründen. Sicherer geworden sei er auch in seiner künstlerischen Arbeit, sagt er, «ich weiss immer besser, welche Bilder zusammenpassen, damit sich jene Melodie ergibt, nach der ich ­suche».

Die ersten Takte seiner Melodie hat er schon geschrieben, als er 16 war und mit seiner ersten Kamera anfing, Menschen, Tiere und Landschaften zu fotografieren. Aus diesen unzähligen Bildern sind bis heute die drei Serien «Just Passengers» entstanden. Es ist die grosse Melodie der Vergänglichkeit, die Fabian Unternährer mit diesen Aufnahmen schreibt und durch die er für sich in all den Jahren eine Rolle gefunden hat: «Ich bin der Forscher und wische den Staub weg.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt